Gesundheit

Politik schickt Hebammen in die Hochschule

In Bochum hat Prof. Dr. Nicola Bauer (re.) den Modellstudiengang Hebammenkunde mit aufgebaut. Kristina Luksch macht gerade ihren Master. Foto:Ingo Otto

In Bochum hat Prof. Dr. Nicola Bauer (re.) den Modellstudiengang Hebammenkunde mit aufgebaut. Kristina Luksch macht gerade ihren Master. Foto:Ingo Otto

Bochum/Oberhausen.   Vielerorts wird der Mangel von Hebammen beklagt. Nun will die Politik den Beruf aufwerten. Vorbild ist die Hochschule für Gesundheit in Bochum.

Bereits in der neunten Schwangerschaftswoche griff Lena Boll (Name geändert) zum Telefon. Man könnte meinen, eine Hebamme so früh in der Schwangerschaft zu finden, sollte sich nicht allzu schwierig gestalten. Doch die Erfahrung der werdenden Mutter aus Oberhausen war eine andere: „Von der Liste mit Hebammen, die ich beim Frauenarzt bekommen habe, konnte ich ein Drittel streichen, weil die Frauen ihren Beruf nicht mehr ausübten“, sagt die Mittdreißigerin. Es folgten zwei Wochen mit 16 Absagen, unbeantworteten Anfragen, zig Telefonaten und E-Mails, bis endlich eine Hebamme aus der Nachbarstadt erklärte, die Oberhausenerin vor und nach der anstehenden Geburt zu begleiten. „Ich habe sie genommen, nicht weil es besonders gut passte, sondern weil ich froh war, überhaupt jemanden zu haben“, sagt Boll heute.

Jede gesetzlich versicherte Schwangere hat Anspruch auf die Betreuung durch eine Hebamme. Doch die Suche nach einer Begleitung vor und nach der eigentlichen Geburt wird für werdende Eltern zur Geduldsprobe. Viele Praxen und Freiberuflerinnen sind so stark gefragt, dass sie vielfach Anfragen absagen müssen. Die AOK Rheinland hat den Mangel unter ihren Versicherten erfasst: 2017 wurde nur noch jede zweite Frau nach der Geburt von einer Hebamme zu Hause begleitet. Rein rechnerisch kam eine Hebamme auf 40 Neugeborene.

Ein Gesetz von 1985

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will den Beruf der Hebamme jetzt reformieren und damit aufwerten. Anders als bisher sollen Hebammen nicht länger an einer der über 60 Berufsschulen in Deutschland ausgebildet werden, sondern studieren. Ab 2020 soll Hebammenkunde als duales Studium etabliert sein. Duale Studiengänge sollen Vorlesungen an der Hochschule mit praktischer Arbeit verknüpfen. Mit dem Schritt setzt Spahn eine Forderung der Berufsverbände und eine Richtlinie um, die in den anderen 27 EU-Staaten längst Standard ist.

Wie das Hebammen-Studium aussehen kann, ist an der Hochschule für Gesundheit in Bochum zu beobachten. In dem modernen Campus aus weißen Flachbauten samt Spielplatz wird seit 2010 Hebammenkunde als landesweiter Modellstudiengang erprobt. Acht Semester mit 4300 Stunden Theorie und 3000 Stunden Praxis gehören zum Bachelor-Studium: ein Stundenplan aus Biologie-Seminaren für Erstsemester und Vorlesungen zu Kinder- und Schwangerengesundheit, aus Übungen an Puppen und Praktika in Kliniken, Hebammenpraxen und im Ausland.

Prof. Nicola Bauer hat das Studienangebot mit aufgebaut, das inzwischen über 200 Absolventinnen hervorgebracht hat und mit einem Netzwerk aus 45 kooperierenden Kliniken und 90 Freiberuflern zum Vorbild des geplanten Regelstudiengangs avanciert. „Am Anfang stand die Frage, welches Wissen und welche Fähigkeiten die perfekte Hebamme mitbringen muss“, sagt Bauer. Eigenständig müsse sie arbeiten können, auch in Notfällen sicher reagieren, auf Augenhöhe mit Gynäkologen und unter Druck arbeiten können. „Genauso sollte sie in der Lage sein, wissenschaftliche Neuerkenntnisse in ihre tägliche Arbeit einzubringen.“

Das bisherige Hebammengesetz stammt aus dem Jahr 1985. Dass Spahn das Regelwerk ebenso wie die Ausbildungsverordnung reformieren will, begrüßt Bauer. „Die Anforderungen an Hebammen haben sich sehr verändert.“ Haben sie die Frauen früher oft nur wenige Wochen vor und nach einer Geburt begleitet, könne die Betreuung heute bis zu zwei Jahre am Ende der Stillzeit umfassen. „Da kommt eine Vielzahl von Fragen auf, mit denen sich Hebammen auseinander setzen müssen.“ Eine hohe soziale Kompetenz sei da wichtig, ebenso kulturelle Kompetenzen. Hinzu komme, dass Hebammen Schwangere in sich änderenden Lebenslagen begleiteten. „Frauen bekommen inzwischen vielfach mit Anfang 30 den ersten Nachwuchs, viele wollen nur ein Kind. Und sie wollen bei diesem einen Kind auch alles richtig machen“, sagt Bauer. Der Druck sei groß. „Wir sind für sie wie Lotsen.“

Sicherheit bei der ersten Geburt

Durch die Akademisierung, da ist sich Bauer sicher, wird der Beruf aufgewertet. Dass der Mangel damit allein zu reduzieren sei, glaubt sie nicht: „Die Gründe sind zu komplex.“ Entscheidend sei es etwa, die Zustände in Geburtskliniken zu verändern, um dort arbeitende Hebammen zu entlasten. Seit 2016 seien in NRW 16 Geburtskliniken geschlossen worden.

Kristina Luksch hat sich trotzdem dazu entschieden, diesen Beruf zu ergreifen. 2012 hat sie ihr Studium in Bochum begonnen, inzwischen macht sie ihren Master. „Ich wollte einen Beruf ergreifen, in dem ich autonom arbeiten kann und trotzdem nah am Menschen bin“, sagt die 25-Jährige. Ihr geht es nicht darum zu sagen, welche Art der Ausbildung besser ist. Sie habe früh zu schätzen gelernt, dass sie an der Hochschule viel theoretisches Wissen erhalte. „Das gibt gerade am Anfang sehr viel Sicherheit.“ Neben ihrem Studium arbeitet die 25-Jährige bereits als Hebamme. Die Begeisterung für den Beruf ist ihr anzuhören: „Ich kann Frauen in so einer intensiven Phase begleiten und ihnen Sicherheit geben.“

Neue Modelle für mehr Entlastung

Nicht einmal jedes zweite Krankenhaus beschäftigt laut AOK Rheinland die in Leitlinien empfohlene Anzahl an Hebammen. „Eine Betreuung eins zu eins oder zwei zu eins ist optimal“, sagt Prof. Bauer. „Oft kümmern sich die Hebammen um vier oder fünf Frauen.“

Nötig sei, Modelle zur Arbeitsentlastung zu senken. Das gelte auch für Freiberuflerinnen, die rund 75 Prozent der Hebammen ausmachen. Bauer nennt als Beispiel Hebammenzentren mit größeren Teams.

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