Trauer

NRW nimmt Abschied von Wolfgang Clement

Das Bild zeigt Wolfgang Clement im August 2020 in seinem Haus in Bonn. Der frühere NRW-Ministerpräsident und Bundesminister starb am Sonntag im Alter von 80 Jahren.

Das Bild zeigt Wolfgang Clement im August 2020 in seinem Haus in Bonn. Der frühere NRW-Ministerpräsident und Bundesminister starb am Sonntag im Alter von 80 Jahren.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Düsseldorf  Wolfgang Clement starb am Sonntag im Alter von 80 Jahren. Er war erfolgreich und umstritten und hat die Geschichte des Landes geprägt.

Er war ein Kind der Ruhrgebiets, ein Macher, Macht- und Familienmensch und einer der profiliertesten Politiker in der NRW-Geschichte: Wolfgang Clement, Ex-Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes und früherer „Superminister“ im Kabinett von Gerhard Schröder, starb am Sonntag in seinem Haus in Bonn im Kreise seiner Familie.

Erst im Juli hatte Clement mit Ehefrau Karin und seinen fünf Töchtern 80. Geburtstag gefeiert. Ein großes Fest war schon wegen der Corona-Einschränkungen nicht möglich, der Jubilar war zudem von einer Lungenkrebserkrankung gezeichnet, die in diesem Sommer der Öffentlichkeit bekannt wurde.

Laschet: "Clement war eine prägende Figur Nordrhein-Westfalens"

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) würdigte Clement als „prägende Figur Nordrhein-Westfalens und Deutschlands“ und lobte dessen Standhaftigkeit bei der Durchsetzung der Agenda-Politik als Bundesminister, die dem Land lang anhaltenden Wohlstand ermöglicht hätten. Als die Landesregierung im August zum 74. Landesgeburtstag nach Köln einlud, saß Clement in der Runde der Gäste. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.

Die Vita des gebürtigen Bochumers ist beeindruckend, und seine Karriere-Stationen erinnern an eine Zeit, in der die SPD sowohl in NRW als auch im Bund unumstrittene Volkspartei mit großem Machtanspruch war. Der Sohn eines Baumeisters war unter anderem Chef der NRW-Staatskanzlei und wurde 1998 Nachfolger von NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Von dem Brückenbauer Rau, dessen zentrale Botschaft „Versöhnen statt spalten“ war, unterschied sich der forsche Clement allerdings fundamental. Als Ministerpräsident und später als Mitglied der Bundesregierung.

Clement war ein Wegbereiter der Hartz-Reformen, die die SPD in eine Zerreißprobe stürzten

Der „Superminister“ Clement, verantwortlich im Bund zwischen 2002 und 2005 für die Ressorts Wirtschaft und Arbeit“, gehörte zu den Mit-Architekten der Hartz-Reformen, die seine damalige Partei, die SPD, in eine furchtbare Zerreißprobe stürzten, die bis heute anhält. Die Managerqualitäten dieses Ausnahme-Politikers waren stets über jeden Zweifel erhaben. Ob er in der für ihn richtigen Partei war, darüber ließe sich auch über seinen Tod hinaus streiten.

Clement sah sich stets der Sozialen Marktwirtschaft verpflichtet, war aber einer, der sich politisch konsequent vom Sozialen hin zur Marktwirtschaft entwickelte. Er begann als klassischer Sozialdemokrat mit Wirtschaftskompetenz und galt zuletzt als Liberaler.

Politiker und Journalist

Vor seiner politischen Karriere war Clement ein erfolgreicher Journalist: Er begann als freier Mitarbeiter bei der Westfälischen Rundschau in Dortmund und stieg dort auf in die Chefredaktion. Bevor ihn Johannes Rau nach Düsseldorf rief und zum Chef der Staatskanzlei machte, leitete Clement die Hamburger Morgenpost.

Fleiß, Talent, Erfolg und Glück zogen sich durch Wolfgang Clements Leben. Die Beziehung zwischen ihm und der SPD endete allerdings unglücklich. Die Partei und ihr Protagonist entfremdeten sich voneinander wie ein altes Ehepaar, das irgendwann frustriert erkennt, dass die Interessen doch extrem verschieden sind.

Ortsverein Bochum-Hamme drohte mit Rauswurf

2007, zwei Jahre nach dem Ende der Regierung Schröder, deutete Clement an, dass er an einen Parteiaustritt denke. 2008 brachte sein SPD-Ortsverein Bochum-Hamme ein Parteiaustrittsverfahren gegen Clement in Gang. Er sei kein richtiger Sozialdemokrat, schimpfte Ortsvereinsvorsitzender Rudolf Malzahn. Die eigenen Genossen in Bochum hatten von Clement „die Schnauze voll“. Der Gescholtene fühlte sich ungerecht behandelt.

Der Anlass für den Streit war ein ernster: Kurz vor der Landtagswahl in Hessen 2008 warnte Wolfgang Clement offen davor, die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti zu wählen, weil die in der Energiepolitik und besonders in der Frage eines Atomausstiegs einen Kurs fuhr, den Clement für falsch hielt. Dem Rauswurf aus der SPD kam Clement zuvor. Ende 2008 trat er -- nach 38 Jahren Mitgliedschaft – aus der SPD aus, sah sich fortan als „Sozialdemokrat ohne Parteibuch“ und engagierte sich in der arbeitgebernahen „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“.

Bekannt als "Grünenfresser"

Den Aufstieg der Grünen in NRW wird Wolfgang Clement mit Misstrauen beobachtet haben. Schließlich galt er schon als Ministerpräsident als „Grünenfresser“, geriet immer wieder mit der grünen Umweltministerin Bärbel Höhn aneinander. Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Grünen glichen damals mehr einem Duell als einer kollegialen Runde.

Und so wird Wolfgang Clement vielen Menschen sehr unterschiedlich in Erinnerung bleiben: Als einer der erfolgreichsten Landespolitiker, die NRW je hatte; als Lobbyist der Energiekonzerne und Wegbereiter jener „Agenda 2010“ mit der Teile der SPD heute so hadern; als gradliniger, streitbarer und machtbewusster Politikmanager. Spuren hat er jedenfalls viele hinterlassen.

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