Kinderbetreuung

Neustart in den NRW-Kitas: Wie normal kann der Alltag sein?

Es geht wieder los in den Kitas.  Leiterin Kerstin Kleen betreut  Finn (li.) und Cihan in der Kita Polderbusch in Emmerich. Ab dem 8.Juni ist der Kindergarten wieder für alle Kinder geöffnet.

Es geht wieder los in den Kitas.  Leiterin Kerstin Kleen betreut  Finn (li.) und Cihan in der Kita Polderbusch in Emmerich. Ab dem 8.Juni ist der Kindergarten wieder für alle Kinder geöffnet.

Foto: Thorsten Lindekamp / Funke Foto Services GmbH

Düsseldorf.  Für Hunderttausende Kinder endet am heutigen Montag die Corona-Zwangspause. NRW wagt den Neustart in den Kitas und bei der Tagespflege.

Für Hunderttausende kleine Kinder endet am Montag, 8. Juni, die Corona-Zwangspause. Fast drei Monate nach der Schließung der Kindertagesstätten wagt NRW den Neustart. Bisher war in der Regel nur eine Notbetreuung für Kinder möglich, deren Eltern in „systemrelevanten Berufen“, zum Beispiel als Pfleger oder im Rettungsdienst, arbeiten. Nun kehren die Kitas laut NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) zum „eingeschränkten Regelbetrieb“ zurück.

Für mehr als 600.000 Kinder in Tageseinrichtungen und rund 60.000 Kinder, die von Tageseltern betreut werden, gibt es damit ab sofort wieder Betreuungsmöglichkeiten.

Wie "normal" kann Kita in der Coronakrise sein?

Ist nun die Welt für jene Familien, die sich in der Coronakrise ohne Unterstützung um die Betreuung ihrer Kinder kümmern mussten und dabei nicht einmal auf die Hilfe der Großeltern zurückgreifen sollten, wieder in Ordnung? Sind die Kitas auf die Rückkehr zur Normalität vorbereitet? Und ist ein halbwegs „normaler“ Kita-Betrieb in einer Pandemiezeit überhaupt möglich? Der Neustart der Kitas und der Kindertagespflege gleicht einem großen Experiment.

Nora Rüdiger und ihr Mann Michael haben stressige Wochen hinter sich. „Wir gehen auf dem Zahnfleisch“, hatten die berufstätigen Eltern von Marius (14 Monate) und Valentin, der in Kürze vier Jahre alt wird, gegenüber dieser Redaktion im Mai gesagt. Sie haben erlebt, wie schwer bis unmöglich es ist, ohne Kita-Angebot und Tagesmutter Beruf und Kinderbetreuung zu verbinden.

Erleichterung in den Familien

Die junge Familie hatte schon Angst, womöglich noch bis zum Herbst improvisieren zu müssen. Aber jetzt ist endlich Licht am Ende des Tunnels. Valentin darf ab Montag wieder in die Kita, Marius zur Tagesmutter, denn Tageseltern dürfen sich ab Montag auch wieder um Kinder unter zwei Jahren kümmern.

„Wir sind zufrieden und aufgeregt, dass es wieder losgeht. In unserem Kindergarten heißt es aber bisher, dass sie noch gar nicht wissen, wie sie die Vorgaben zum Neustart umsetzen sollen“, sagt Nora. Aber die Kita wird alle Kinder empfangen, das steht fest. Die Dortmunderin erzählt von einer Freundin, deren Kind in der Notbetreuung Anspruch auf 45 Stunden Betreuung hatte, nun aber nur noch auf 35 Stunden. „Sie weiß nicht, wie sie das organisieren soll“, berichtet Nora.

Das Problem: Statt wie vor der Corona-Krise für entweder 45, 35 oder 25 Stunden werden Kinder ab Montag bis zum 31. August nur noch für 35, 25 oder 15 Stunden betreut. Und die Notbetreuung für bis zu 45 Stunden wird wieder eingestellt. Familienminister Stamp appelliert an die „Solidarität aller Eltern.“ Die Bereitschaft zu Zugeständnissen sei jetzt von allen Seiten notwendig.

Die besonderen Probleme der Alleinerziehenden

Stamps Parteifreund , der Landtagsabgeordnete Marcel Hafke, wirbt um Verständnis für das Ende der Notbetreuung: „Kleinere Einschnitte für einzelne Familien bieten für die große Mehrheit der Kinder mehr Chancen und entlasten die Elternhäuser in der schwierigen Corona-Situation. Ich appelliere an alle Familien, dafür Verständnis und Geduld aufzubringen, denn wir stecken alle zusammen in dieser Situation.“ Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter in NRW erinnert aber daran, dass gerade viele Alleinerziehende dafür kein Verständnis haben dürften. Die reduzierte Betreuung ist für einige von ihnen katastrophal.

Familienminister Stamp ist dennoch zufrieden mit der Rückkehr zu einem (fast) normalen Betrieb in den Kitas: „Ich weiß, dass viele Familien in den letzten Wochen an die Grenze ihrer Belastbarkeit gekommen sind und vielen Kindern ohne frühkindliche Bildung täglich Chancen genommen werden. Es war mein fester Vorsatz, allen Kindern schnellstmöglich wieder ein Betreuungsangebot zu ermöglichen, sofern das verantwortbar ist.“ Angesichts sinkender Corona-Infektionszahlen könne der Schritt hin zum „eingeschränkten Regelbetrieb“ gewagt werden.

Städte- und Gemeindebund: "An einigen Stellen wird es ruckeln"

Vertreter der Städte sind als Träger vieler Kitas vorsichtig optimistisch. „An einigen Stellen wird es ruckeln“, sagte ein Sprecher des Städte- und Gemeindebundes NRW. Alles stehe und falle mit dem zur Verfügung stehenden Personal. Und da hätten die Kommunen womöglich einen Vorteil gegenüber kleinen Kitas von anderen Trägern.

Tatsächlich weiß heute keiner, wie viele der rund 140.000 Erzieherinnen und Erzieher und rund 15.000 Tageseltern in dieser Woche Dienst tun werden. „Bisher gehen wir davon aus, dass etwa 80 bis 85 Prozent der Kollegen am Montag zur Arbeit kommen. Aber das ist nicht belastbar“, sagt Barbara Nolte, Kita-Expertin beim Verband Bildung und Erziehung in NRW (VBE) und Leiterin einer Kita in Paderborn.

Von 40 auf 100 Prozent

Gerade jetzt, zum Neustart, werden alle Pädagogen gebraucht. Laut Nolte waren landesweit zuletzt etwa 30 bis 40 Prozent der Kinder in der Kita. Das sind die Kinder in der bisherigen Notbetreuung und die Vorschulkinder. Nun aber kommen auch die anderen zurück. „Der Schritt auf 100 Prozent ist riesig“, warnt Nolte. Mit reduzierten Personal sei das kaum zu stemmen.

Barbara Nolte ist grundsätzlich einverstanden mit dem Neustart der Kita-Betreuung. „Nach dieser langen Auszeit brauchen die Kinder und die Familien die Kita. Auf ihnen lastet ein riesiger Druck, weil sie in der Krise auf sich selbst, auf das System Familie, reduziert waren“, erzählt Nolte. Auch wenn viele Erzieherinnen in den vergangenen Wochen stets den Kontakt zu den Kindern gehalten haben – per Mail, Video, Telefon – habe das Allerwichtigste gefehlt: „Die Kinder vermissen ihre Freunde, den Alltag in der Kita. Erziehung braucht vor allem Bindung und Begegnung.“

Sind Kinder besonders ansteckend oder nicht?

Die VBE-Expertin berichtet aber auch von den Ängsten ihrer Kolleginnen und Kollegen. Viele machten sich jetzt große Sorgen. „Es gibt noch keine belastbaren Daten, aus denen hervorgeht, dass das Infektionsrisiko bei Kindern überschaubar ist. Es gibt bisher nur Andeutungen“, erklärt Nolte.
Laut den ersten Zwischenergebnissen einer Studie der Unikliniken Heidelberg, Freiburg und Tübingen mit 2500 Kindern bis zehn Jahren deutet sich an, dass Kinder keine „Virenschleudern“ sind, also bei der Übertragung des Virus keine besondere Rolle spielen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist daher überzeugt: „Wir können ausschließen, dass Kinder Treiber des Infektionsgeschehens sind.“

Der Berliner Virologe Christian Drosten von der Charité ist allerdings sehr vorsichtig bei der Beurteilung von Infektionsgefahren, die von Kindern ausgehen könnten. Er sagt: "Insbesondere gibt es … keine Belege dafür, dass Kinder möglicherweise nicht so ansteckend sind wie Erwachsene."

Abstand halten ist in der Kita praktisch unmöglich

Das Problem ist, dass die Corona-Schutzmaßnahmen und ein normaler Kita-Betrieb sich praktisch ausschließen. „Die wichtigste Schutz-Maßnahme in dieser Krise – Abstand halten – kann in der Kita nicht eingehalten werden. Und viele ältere und vorerkrankte Erzieherinnen fragen sich, wieso die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe plötzlich keine Rolle mehr spielen soll“, sagt Barbara Nolte.

Familienminister Stamp hat versprochen, die Belange der Erzieherinnen „fest im Blick“ zu haben und ihre Arbeit vor Ort zu unterstützen.“ Zum Beispiel mit einer Telefon-Info-Hotline für Kita-Leitungen und mit mehreren Millionen Schutzmasken.

Auch die Tageseltern fürfen wieder alle Kinder betreuen

Wobei die Masken bei der Betreuung der Kinder keine Rolle spielen dürften. „Sie sind wichtig, wenn die Eltern die Kinder bringen und wieder abholen oder wenn Besucher kommen“, erklärt Bettina Konrath, Vorsitzende des Landesverbandes Kindertagespflege NRW. Konrath glaubt, dass die meisten Tageseltern gut mit dem „Boom“, der am Montag beginnt, zurecht kommen. „Das wird funktionieren“, sagt sie.

Endlich dürften auch die Ein- und Zweijähigen wieder zu ihren Tageseltern. In der Kindertagespflege seien die Gruppen viel kleiner als in den Kitas – maximal fünf Kinder. Und im Gegensatz zu den Kitas könnten viele Tageseltern sogar sofort die volle Betreuungs-Stundenzahl anbieten, erklärt Konrath.

Wie geht es aus, das große Kita-Experiment? Barbara Nolte vom Verband VBE wagt noch keine Prognose. „Wir alle – Erzieherinnen, Kinder, Eltern – sind Lernende in diesem Prozess“, sagt sie.

>>> Der Neustart der Kitas im Überblick

  • Ab dem 8. Juni fürfen alle Kinder wieder in die Kitas und zu ihren Tageseltern. Die Notbetreuung endet am 8. Juni.
  • Die Rückkehr zum „Regelbetrieb“ ist eingeschränkt: Es gibt nur 35, 25 und 15 Stunden Betreuungszeit pro Woche statt 45, 35 und 25 Stunden. Auch bei den Tgeseltern dürfte in vielen Fällen nur eine reduzierte Betreuung möglich sein, so der Landesverband Kindertagespflege. Der Regelbetrieb in den Kitas ist bis zum 31. August befristet. Mitte August will das Land mit wissenschaftlicher Begleitung entscheiden, wie es dann weiter geht.
  • Die Kita-Gebühren werden in den Monaten Juni und Juli halbiert.
  • Es gibt nur feste, räumlich voneinander getrennte Gruppen, und in jeder Gruppe wird mindestens eine Fachkraft eingesetzt. Erzieher über 60 Jahre werden nicht mehr pauschal vom Dienst ausgeschlossen. Wer meint, das gehe nicht, benötigt ein ärztliches Attest.
  • Als „Starthilfe“ für den Arbeitsschutz der Erzieher erhalten die Jugendämter zwei Millionen professionelle FFP-2-Schutzmasken und drei Millionen einfache OP-Masken. Für die Beratung der Kita-Leitungen wurde eine Telefon-Hotline freigeschaltet. Das Land will zusätzliche Kita-Hilfskräfte gewinnen.
  • In Düsseldorf läuft ein Modellversuch mit Corona-Tests für mehrere tausend Kita-Kinder und Pädagogen.

GEW-Landeschefin Maike Finnern: „Es ist ein Wagnis“

Maike Finnern ist die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW. Sie betrachtet den Neustart der Kitas im Gespräch mit dieser Redaktion mit gemischten Gefühlen.

Frau Finnern, ist der Neustart der Kitas am 8. Juni zu verantworten?

Maike Finnern: Es ist ein Wagnis, vor allem aus der Sicht der Beschäftigten. Die Faktenlage zum Infektionsrisiko bei Kindern ist ja nicht eindeutig. Aber die Politik musste eine Entscheidung treffen, und der Druck, der in dieser Krise auf vielen Familien lastet, ist sehr groß. Die Gefühle der Erzieherinnen und Erzieher sind zwiespältig. Sie freuen sich auf das Wiedersehen mit den Kindern, viele haben aber auch ein mulmiges Gefühl. Der Neustart klappt nur, wenn alle vorsichtig sind.


Läuft es bei der Öffnung der Kitas besser als in den Schulen?

Finnern: Ja. Während die Schulen in NRW immer sehr kurzfristig über Lockerungsschritte informiert worden, bekamen die Kitas eine Vorlaufzeit von zweieinhalb Wochen. Das Land stellt den Kitas Schutzmasken zur Verfügung In Düsseldorfer Kitas werden in einem wissenschaftlich begleiteten Modellversuch Coronatests gemacht. Das ist viel besser als in den Schulen. Aber eigentlich müssten diese Tests flächendeckend sein, weil sie entscheidend sein können bei der Eindämmung der Pandemie. Länder wie Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind da schon weiter als NRW.


Rechnen Sie ab Montag mit Personalnot in den Kitas?

Finnern: Das lässt sich heute noch nicht sagen. Es kann durchaus sein, dass in manchen Einrichtungen zunächst nicht genug Erzieherinnen und Erzieher zur Verfügung stehen werden.

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