Abitur

G10 statt G8: Sitzenbleibern droht eine doppelte Ehrenrunde

Die Umstellung von G8 auf den neunjährigen Bildungsweg zum Abitur an Gymnasien in NRW birgt einige Tücken. Im kommenden Schuljahr geht es für die Klassen fünf und sechs mit G9 los.

Die Umstellung von G8 auf den neunjährigen Bildungsweg zum Abitur an Gymnasien in NRW birgt einige Tücken. Im kommenden Schuljahr geht es für die Klassen fünf und sechs mit G9 los.

Foto: Armin Weigel/dpa

Essen.   Im letzten G8-Jahrgang sollte kein Schüler sitzen bleiben, sonst drohen zehn Jahre bis zum Abitur. Im Jahr 2026 fällt das Abi komplett aus.

Nach vielen Debatten und heftigem Streit beschloss der Landtag im Juli 2018 die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G9). In diesem Sommer werden erstmals die Klassen fünf und sechs mit G9 starten. Doch nach wie vor sind einige Details und Folgen für den schulischen Alltag ungeklärt.

Das betrifft nicht nur das drängende Raumproblem sowie die nötigen zusätzlichen Lehrkräfte für den zusätzlichen Jahrgang, sondern auch den letzten G8-Jahrgang. Also die Kinder, die im Sommer 2018 in die Stufe sechs gekommen sind. Sie sollten möglichst bis zu ihrem Abitur 2025 nicht sitzenbleiben. Denn dann würden sie sogleich „G10“ absolvieren müssen. Der Grund: Sie würden in den neuen G9-Jahrgang rutschen und gehen daher zehn Jahre bis zum Abitur aufs Gymnasium.

Ministerium: Systemwechsel hat unvermeidbare Folgen

Das Schulministerium kennt das Problem, verweist aber darauf, dass dies bei dem Systemwechsel nicht zu vermeiden sei. Eine allgemeingültige Regelung gibt es dazu offenbar nicht. Die Schulen sollten sich bemühen, die Kinder nicht durchfallen zu lassen, heißt es.

Ohnehin sei die Zahl der Betroffenen nicht sehr hoch. Im Schuljahr 2017/18 haben nach Angaben des Ministerium in NRW 63.900 Schüler die sechste Klasse eines Gymnasiums besucht. Davon haben in diesem Schuljahr 2018/19 insgesamt 911 Schülerinnen und Schüler die Klasse an einem Gymnasium wiederholt. 159 drehten eine „Ehrenrunde“ an einer anderen Schulform. Mehr als 3240 Schüler besuchten die siebte Klasse, nachdem sie das Gymnasium im vergangenen Sommer verlassen haben.

Klassenziel nicht erreicht? Es gibt drei Möglichkeiten

Schüler der sechsten Klasse am Gymnasium, die im Sommer 2019 das Klassenziel nicht erreichen, haben drei Möglichkeiten, so das Schulministerium: Der Sitzenbleiber wiederholt die Klasse sechs an einem G9-Gymnasium und rutscht somit in den neunjährigen Bildungsgang – für ihn wären es dann also zehn Jahre bis zum Abi.

Der zweite Weg wäre ein Wechsel in eine andere Schulform, der Schüler kann dort gegebenenfalls in der Klasse sieben anschließen. Oder er wiederholt die Klasse sechs an einem G8-Gymnasium. Dies sei allerdings nur eine theoretische Möglichkeit, da kaum ein Gymnasien ab Sommer bei G8 bleiben wird, räumt das Ministerium ein. Im Ruhrgebiet bleibt kein Gymnasium beim kurzen Weg zum Abi.

Wechsel an Gesamtschule bietet sich an

Klassenwiederholungen lassen sich rein rechtlich nicht ausschließen, so das Ministerium. Um die Zahl der Wiederholer möglichst niedrig zu halten, appelliert das Ministerium an die Schulen, „versetzungsgefährdete Schüler intensiv zu betreuen“. Dazu gehöre auch die Beratung über die Möglichkeit, den Bildungsweg an einer anderen Schulform fortzusetzen. Etwa an einer Realschule, um bei guten Leistungen nach der Klasse zehn das Abitur anzustreben.

Denkbar ist auch ein Wechsel auf eine Gesamtschule, wo es ja immer beim Abitur nach 13 Schuljahren geblieben ist. G8-Schüler können in der Regel in die nächsthöhere Stufe an einer Gesamtschule wechseln. Das Problem: Beide Schulformen kämpfen mit einer starken Nachfrage, übervollen Klassen und Lücken im Lehrerzimmer.

Abitur 2026 fällt aus

Zu den unerwarteten Folgen der Umstellung gehört auch: 2026 wird es an keinem Gymnasium einen Abiturjahrgang geben. Die letzten G8-ler bekommen 2025 ihr Zeugnis, die ersten aus G9 machen 2027 ihr Abitur. Mussten die Hochschulen 2013 einen doppelten Abi-Jahrgang verkraften, werden die Hörsäle 2026 zum Semesterstart wohl gähnend leer sein. Und für die Wirtschaft dürfte sich in der Folge der Mangel an Auszubildenden weiter verschärfen.

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