Kinderschutz in NRW

Fachstelle soll Kinder besser vor sexueller Gewalt schützen

Nadine Schicha leitet die neue Landesfachstelle "Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche". Foto:

Nadine Schicha leitet die neue Landesfachstelle "Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche". Foto:

Foto: Federico Gambarini / dpa

Düsseldorf.  NRW ist das erste Land, das eine Fachstelle für den Schutz von Kindern und Jugendlichen an den Start bringt.

Die Taten in Lügde, Bergisch-Gladbach und Münster haben der Öffentlichkeit die Augen geöffnet, wie weit sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen verbreitet ist. NRW arbeitet seit 2019 daran, den Schutz der Schwächsten zu verbessern. Eine Baustein dafür soll die neue „Landesfachstelle Prävention sexualisierte Gewalt“ in Köln sein, die NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) am Mittwoch vorstellte.

Stamp spricht von „unerträglichen und widerlichen Verbrechen“, die leider kein Randphänomen seien, sondern fast schon alltäglich in allen gesellschaftlichen Schichten. Mehr Schutz und schnellere Hilfe müssten die Ziele sein. Und praktisch alle Experten hätten nach den großen Missbrauchs-Tatkomplexen gesagt, der Aufbau einer Landesfachstelle sei besonders wichtig. NRW ist das erste Bundesland, das diesen Weg einschlägt.

Täter suchen gezielt Einrichtungen mit vielen Jungen und Mädchen

„Endlich gibt es sie“, sagte Nadine Schicha, die Leiterin dieser Einrichtung, die mit viereinhalb Personalstellen an den Start gegangen ist und im kommenden Jahr um fünf weitere Fachkräfte aufgestockt werden soll – eine aus jedem der fünf Regierungsbezirke. Die Landesfachstelle soll die freie Jugendhilfe unterstützen -- also zum Beispiel die Träger von Kitas, Jugendzentren, Heimen und des Offenen Ganztags – und dabei „das im Land vorhandene Wissen bündeln“, so Schicha. Die Täter suchten sich gezielt Einrichtungen mit vielen Jungen und Mädchen aus, um Tatgelegenheiten zu bekommen. Daher seien neue und bessere Schutzkonzepte dort so wichtig.

Derzeit liegt das Ziel, gefährdete Kinder besser zu schützen, noch in weiter Ferne, räumen die Landschaftsverbände Westfalen-Lippe (LWL) und Rheinland (LVR) ein, die die 186 Jugendämter im Land beraten. LWL-Direktor Matthias Löb beschrieb die Größe der Herausforderung mit Verweis auf Erkenntnisse des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung: „Die polizeilich gemeldeten Fälle von Kindesmissbrauch haben in Deutschland von 2018 auf 2019 um 1000 Fälle auf 16.000 zugenommen, die Fallzahl zur Verbreitung von Kinderpornografie ist zwischen 2018 und 2019 um 65 Prozent auf 12.000 gemeldete Fälle gestiegen. Das Dunkelfeld ist aber sehr viel größer“, sagte Löb. Die Weltgesundheitsorganisation gehe davon aus, dass in Deutschland eine Million Kinder und Jugendliche von sexualisierter Gewalt betroffen seien. Das seien im Schnitt ein bis zwei Kinder pro Schulklasse.

Große Nachfrage nach Beratung, aber zu wenige Angebote

„Die Fallzahlen und das Interesse an Fachberatung nehmen immer mehr zu, aber es gibt noch immer zu wenige Kontakt- und Beratungsstellen. Wir müssen über zusätzliche Ressourcen reden“, erklärte Löb. LVR-Direktorin Ulrike Lubek (SPD) dämpfte Erwartungen an den Ausbau der Beratung: Ob damit Fälle wie die in Lügde verhindert werden könnten, wage sie nicht zu beurteilen.

Die Landesregierung setzt Hoffnungen auf zwei Gesetzesinitiativen, die sie in den Bundesrat eingebracht hat: Familienminister Joachim Stamp und Justizminister Peter Biesenbach (CDU) haben im Sommer eine Initiative zur Verschärfung des Strafrechts gestartet. Sexueller Missbrauch an Kindern soll demnach von einem Vergehen zu einem Verbrechen hochgestuft werden. Stamp ist „zuversichtlich“, dass hier bald Vollzug gemeldet werden kann. Die Bundesregierung habe dazu inzwischen einen eigenen Gesetzentwurf vorgelegt. Eine zweite NRW-Initiative zur Verbesserung der Heimaufsicht werde von der Bundesregierung bisher allerdings weitgehend ignoriert.

„Die bittere Wahrheit ist, dass viele Mädchen und Jungen regelmäßig sexuelle Gewalt erleiden müssen, mitunter ihre gesamte Kindheit lang“, so Minister Stamp.

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