Sensation in Beckum

Deutschlandpremiere: Das erste Haus aus dem 3D-Drucker

Premiere: Wohnhaus aus dem 3D-Drucker

Schicht für Schicht formt eine Maschine in Beckum ein Eigenheim. Im Video sieht man den Drucker bei der Arbeit an dem neuen Haus.

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Beckum  Es ist die wohl interessanteste Baustelle in NRW: Schicht für Schicht formt eine Maschine in Beckum ein Eigenheim.

Auf einem Bauplatz in Beckum wird zum ersten Mal in Deutschland ein Wohnhaus ausgedruckt. Für NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) und die beteiligten Firmen ist diese Premiere ein Coup für das Land NRW. „Wir senden ein Signal an die gesamte Baubranche: Gedruckte Häuser gibt es nicht nur in der Theorie“, schwärmte Thomas Imbacher aus der Chefetage des bayerischen Baukonzerns Peri.

Es gibt ja kaum etwas, was 3D-Drucker nicht drucken können. Sie formen auf digitale Kommandos Seifenbecher, bizarre Kunstwerke, leider auch Schusswaffen. Aber ein Einfamilienhaus? Das geht tatsächlich. In Beckum, einem traditionsreichen „Zementrevier“, formt ein 3D-Betondrucker mit dem Namen „BOD2“ Schicht für Schicht Außen- und Innenwände und sogar einen Kamin.

Als wäre es Zahnpasta

Zwei Zentimeter hoch und etwa fünf Zentimeter breit ist die Masse, die das Gerät ausspuckt. Zwischen 40 und 100 Zentimeter pro Sekunde. Das Ganze sieht aus, als würde jemand mit einer riesigen Zahnpastatuba experimentieren. Nur trocknet das feuchte, zementhaltige Druckmaterial in der Beckumer Herbstluft schneller als Zahncreme.

Das Haus wird westfälisch sein, der Drucker kommt aus Dänemark, den speziell für diesen Zweck kreierten Baustoff liefert „Italcementi“ aus Bergamo. Haus-Druckaufträge hat es schon in den Niederlanden, Belgien und wenigen anderen Ländern gegeben. Aber dabei entstanden nur Modelle. In dieses Haus aber möchte später die Beckumerin Lisa-Marie Hanhues (25) einziehen.

Noch etwas macht das Gebäude, das auf zwei Etagen 160 Quadratmeter Wohnfläche bieten soll, zu etwas Besonderem: „Es ist deutschlandweit nicht nur das erste gedruckte Haus, es ist auch durchgenehmigt“, erklärte Ministerin Scharrenbach. In diesem Satz verbirgt sich ein Werbe-Gedanke: Wenn die bei Baugenehmigungen so peniblen deutschen Behörden hier grünes Licht geben, könnte die ganze Welt von der Qualität überzeugt werden.

Der Traum von einer gedruckten Siedlung

Bürgermeister Karl-Uwe Strothmann (CDU) scherzt über den bösen Spruch, dass in Beckum „Zementköppe“ leben. Er sieht rund um diese Baustelle, die bis zum Dienstagmorgen streng geheim und mit Sichtschutz versehen war, schon in Gedanken ein ganzes Wohnquartier aus ausgedruckten Häusern entstehen. Platz wäre da. Bauherren müssten sich nur trauen.

Architekt Waldemar Korte erklärt, warum das gedruckte Haus dem gemauerten eines Tages den Rang ablaufen könnte. „Dieses Gebäude wurde vorher sorgfältigst geplant. Es wird nicht einfach drauflos gebaut, und bei Fehlern nachkorrigiert.“ Die Mauern bestünden aus besonders hochwertigem Material, Styropor spiele in diesem Haus keine Rolle, und wenn es in ferner Zukunft wieder abgerissen werden sollte, könne es komplett recycelt werden.

Laptop statt Kelle

Der Maurer mit Kelle, Zollstock und Wasserwaage ist bei solchen Projekten nicht mehr gefragt. Das wichtigste Werkzeug künftiger Maurer könnte der Laptop sein, und Kalibrieren ist beim Häuserdrucken wichtiger als Spachteln. Der Drucker druckt, ordentlich kalibriert, jede beliebige Form: gerade Wände, Kurven, Schleifen. So wäre auch ein Hundertwasserhaus eine Frage der Software. Architekt Korte hofft, dass sich eines Tages viele junge Menschen für diesen neuen Maurerberuf entscheiden. Denn die Branche leidet unter Fachkräftemangel. Die Maschine arbeitet übrigens für zwei. Auf dieser Baustelle reichen drei Arbeiter, bei einem klassischen gemauerten Haus dieser Größe wären es fünf.

Über die Baukosten will am Dienstag keiner sprechen. So genau könne man das noch nicht sagen, das Haus soll ja erst im März 2021 bezugsfertig sein. Aber soviel ist klar: Ein Schnäppchen ist ein Haus aus dem Drucker derzeit nicht. Allein die Forschungskosten hätten mehrere Hunderttausend Euro verschlungen, heißt es. Bauministerin Scharrenbach überreichte am Dienstag den Verantwortlichen in Beckum einen Förderbescheid über 200.000 Euro. „3D“ übersetzt sie mit „digital, dynamisch, druckfertig“. So stellt sie sich idealerweise das Baugeschehen im Land vor.

Hausbau im Herzen der Zementindustrie

Bauherrin Lisa-Marie Hanhues wird mit dem Um- und Einzug noch etwas warten müssen. Etwa eineinhalb Jahre lang soll ihr zukünftiges Heim noch als Modellhaus dienen und Bauwillige inspirieren. Der Baustoff müsste übrigens nicht aus Italien stammen, wo das geheime Rezept aufgeschrieben wurde. Zement gibt’s in Beckum, Ennigerloh und im nahen Anröchte reichlich. Und dieser Drucker druckt mit jeder Patrone.


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