Corona-Epidemie

Coronavirus: Experte erwartet Hunderte Fälle in Deutschland

Spezialisten für Viruserkrankungen: Prof. Ulf Dittmer und Prof. Mengji Lu vom Institut für Virologie am Uni-Klinikum Essen.

Spezialisten für Viruserkrankungen: Prof. Ulf Dittmer und Prof. Mengji Lu vom Institut für Virologie am Uni-Klinikum Essen.

Foto: Foto: Lars Heidrich / FFS

Essen.  Der Essener Virologe Ulf Dittmer erwartet eine weitere Ausbreitung des Virus in NRW. Viel hänge auch vom Wetter ab. Uniklinik weitet Tests aus.

Nach dem ersten Coronafall in NRW bereiten sich die Kliniken auf weitere Notfälle vor. Spezialabteilungen werden vorbereitet und die Corona-Tests ausgeweitet, erklärt Prof. Ulf Dittmer, Direktor am Institut für Virologie am Uni-Klinikum Essen. Er erwartet, dass Hunderte weitere Corona-Infektionen in Deutschland auftauchen werden. Christopher Onkelbach sprach mit dem Spezialisten für Viruserkrankungen über die Situation in NRW.

Prof. Dittmer, wie müssen die Kliniken auf die neuen Infektionsfälle in NRW reagieren?

Ulf Dittmer: Wir werden zunächst die Tests ausweiten. Es macht keinen Sinn, nur Rückkehrer aus China oder anderen Infektionsgebieten zu testen oder Personen, die mit Erkrankten Kontakt hatten. Wir werden den Test ab heute auf alle Personen ausweiten, die entsprechende Krankheitssymptome zeigen. Das Ergebnis haben wir innerhalb eines Tages. Wir sind in Essen eines von derzeit 15 Laboren an Unikliniken in Deutschland, an denen der in Berlin entwickelte Test vorgenommen werden kann.

Wieso haben Sie das nicht bisher schon so gemacht?

Wir sind nach den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts (RKI) vorgegangen. Doch jetzt wird klar, dass nach diesen strengen Vorgaben viele Erkrankte gar nicht gefunden wurden. Heute hat das RKI die Richtlinien geändert. Bei typischen Krankheitssymptomen wird empfohlen, nun alle Patienten auf das Coronavirus zu testen.

Wie müssen die Behörden nun reagieren? Sollten nun öffentliche Einrichtungen oder Städte abgeriegelt werden?

Wenn man Infektionsketten unterbrechen will, muss man große Menschenansammlungen unterbinden. Veranstaltungen abzusagen, Kitas und Schulen zu schließen sind die einzigen Möglichkeiten, weitere Infektionen zu unterbinden.

In China und nun auch in Italien wurden ganze Gebiete abgesperrt. Müssen wir uns in NRW auf ein solches Szenario einstellen?

Das sind sehr drastische Maßnahmen. Ganze Städte abzusperren und Menschen in ihre Wohnungen zu schließen lässt sich nach meiner Ansicht in Deutschland nicht umsetzen. Aber man kann große Veranstaltungen absagen, Kitas und Schulen schließen und den Öffentlichen Personennahverkehr stilllegen.

Wäre das zum jetzigen Zeitpunkt nötig?

Ob solche Maßnahmen verhältnismäßig sind angesichts der noch geringen Zahl an Infektionen ist fraglich. Bisher verläuft die Corona-Epidemie nicht schlimmer als eine heftige Grippe-Epidemie. In der Saison 2017/18 hatten wir in Deutschland 25.000 Grippetote. Darüber wurde kaum geredet, daran haben wir uns gewöhnt.

Wie ist der übliche Verlauf einer Corona-Infektion?

Das ist schwer zu sagen. Wir sehen oft einen sehr milden Verlauf der Krankheit. Vermutlich gibt es in China und anderen Ländern Tausende Corona-Infizierte, die das nicht bemerken. Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch sein. Andere zeigen die typischen Grippesymptome wie Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber und Husten. Bei älteren Menschen mit vorgeschädigter Lunge kann es im schlimmsten Fall zu einer Lungenentzündung kommen. Der Corona-Patient aus Erkelenz, der nun im Düsseldorfer Klinikum behandelt wird, leidet an einer schweren Lungenentzündung.

Lässt sich aus den Krankheitsverläufen in China bereits etwas über die Sterblichkeitsrate aussagen?

Ja, dazu gibt es Zahlen. In der Stadt Wuhan liegt die Letalitätsrate bei ungefähr zwei Prozent. Das bedeutet, zwei von 100 Patienten sterben an den Folgen einer Corona-Infektion. In anderen Städten ist die Rate deutlich geringer. Zudem rechnet die Quote nicht die Zahl der Infizierten ein, die gar nicht im Krankenhaus erschienen sind. Das heißt, die Sterblichkeitsrate dürfte deutlich niedriger sein.

Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate bei einer Grippe?

Das ist etwa vergleichbar. Sie liegt bei 0,1 bis 1 Prozent, je nach Grippestamm.

Kann man aus den Zahlen aus China Rückschlüsse auf die Sterblichkeitsrate in Deutschland ziehen?

Das ist schwer zu sagen. In China ist das Rauchen sehr verbreitet. Das heißt, die Zahl der Menschen mit vorgeschädigter Lunge ist vermutlich höher. Auch dürfte die Gesundheitsversorgung nicht dem hiesigen Standard entsprechen. Ich denke, die Letalitätsrate dürfte in Deutschland niedriger sein. Exakte Zahlen haben wir darüber aber nicht, denn zum Glück haben wir bislang sehr wenige Infektionen.

Befürchten Sie auch in NRW einen Infektionsverlauf wie zuletzt in Italien?

Ich denke, dass wir in Deutschland einige Hundert Fälle sehen werden. Das hängt auch vom Wetter ab. Das Virus breitet sich hauptsächlich bei kalten Temperaturen aus.

Wie kann man sich schützen?

Man sollte große Menschenansammlungen zunächst meiden. Und Hygiene ist sehr wichtig, regelmäßig die Hände waschen, ein Desinfektionsspray benutzen, sich nicht ins Gesicht fassen. Das hilft schon sehr viel, wenn man es konsequent macht.

Wie bereitet sich das Uni-Klinikum in Essen vor?

Wir sind eines der wenigen Häuser mit einer Klinik für Infektionskrankheiten mit insgesamt 34 Betten. Wir sind dabei, Patienten zu verlegen oder wenn möglich zu entlassen, um Betten frei zu bekommen. Sollte das nicht reichen, müssen wir andere Abteilungen räumen.

Ist diese Corona-Epidemie bisher ein einzigartiger Vorgang.

Nein, etwas Ähnliches habe ich schon mehrfach erlebt, etwa mit dem Ebola-Virus 2013/14, wo wir einige Verdachtsfälle in NRW hatten. Oder zuvor mit der Schweinegrippe 2009/10. Da gab es in NRW rund 7000 Fälle. Eine Lage wie zur Zeit haben wir etwa alle zwei Jahre. Daher sind die Abläufe gut erprobt und eingespielt. Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und der Bio-Task-Force der Feuerwehr Essen, die über spezielle Fahrzeuge für den Transport von Isolationspatienten verfügt, klappt hervorragend.

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