Schule

Bequeme Lehrer? „Viele gehen schon auf dem Zahnfleisch“

„Wir sehen uns gar nicht mehr richtig“, sagt Schulpsychologe Uwe Sonneborn. Die Hygienemaßnahmen verhinderten Normalität.

„Wir sehen uns gar nicht mehr richtig“, sagt Schulpsychologe Uwe Sonneborn. Die Hygienemaßnahmen verhinderten Normalität.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Essen.  Schulpsychologe Uwe Sonneborn weist pauschale Vorwürfe gegen Lehrkräfte zurück. Ein zweiter Lockdown hätte für viele Schüler fatale Folgen.

In der Coronakrise hätten es sich manche Lehrer bequem gemacht und sich mehr um ihre Vorgärten als um die Kinder gekümmert, warf NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) kürzlich den Lehrkräften vor. Andere Politiker mahnten, zu viele Pädagogen blieben zu Hause. Uwe Sonneborn, im Vorstand des Landesverbandes Schulpsychologie NRW, weist diese Vorwürfe als zu pauschal zurück. Der Schulalltag habe sich durch die Hygienemaßnahmen grundlegend verändert und sei sehr belastend geworden, sagt er im Gespräch mit Christopher Onkelbach. „Ich bin in Sorge wie noch nie zuvor“, sagt er.

Ist der Vorwurf, manche Lehrkräfte hätten es sich während des Lockdowns gemütlich gemacht, berechtigt?

Uwe Sonneborn: In Einzelfällen mag es das geben, doch das deckt sich nicht mit meinem Bild. Die Situation ist für alle eine riesige Herausforderung. Lehrer sind da keine Ausnahme: Manche flüchten, andere stellen sich den Problemen. Die meisten Lehrkräfte sind aber sehr aktiv und motiviert.

Worin bestehen die Herausforderungen in der Coronakrise?

Der Schulalltag ist sehr belastend geworden: Auflagen, Hygienevorschriften, Dokumentation, Pausenaufsichten, Fernunterricht. Viele Lehrer gehen schon auf dem Zahnfleisch. Die Abstimmung in der Schule wird immer schwieriger. Man begegnet sich ja kaum noch. Dieses Entfremdungsgefühl haben Schüler, Eltern und Lehrer. Wegen der Masken sehen wir uns auch gar nicht mehr richtig. Corona hat sich wie ein Mehltau über die Schulen gelegt, wie es eine Schulleitung treffend formuliert hat.

Was meinen Sie damit?

Die Schulen können nicht mehr so arbeiten wie früher. Vor allem Schüler mit Problemen oder aus schwierigen Verhältnissen leiden darunter, denn die Schule erreicht sie nicht mehr so wie gewohnt. Wenn zusätzliche Kurse wie Werken, Malen, Boxen oder Angebote wie „Starke Jungs“ und „Starke Mädchen“ wegfallen, fehlen den Schülern auch noch diese Erfolgserlebnisse. Dann ziehen sie sich ganz zurück und machen dicht. Dadurch verlieren die Schulen stark an Wirksamkeit. Das besorgt mich wirklich.

Wie macht sich das in Ihrer Arbeit als Schulpsychologe bemerkbar?

Die Zahl der Anfragen ist stark gestiegen, ich schätze um etwa 50 Prozent. Viele Lehrkräfte sorgen sich um ihre Schüler, denn jetzt treten Probleme auf, die während des Lockdowns nicht sichtbar waren. Dabei geht es auch um häusliche Probleme, um Vernachlässigung, zum Teil um Hinweise auf Gewalt, auch um versäumten Stoff. Die Schüler haben ja ein halbes Schuljahr verloren. Alle erwarten, dass es so wird wie früher. Das ist aber nicht so, der Schulalltag hat sich gravierend verändert. Viele Schüler verlieren den Spaß am Lernen und an der Schule.

Mit welchen Problemen wenden sich die Lehrkräfte an Sie?

Ein großes Thema für viele Lehrer ist es, die Leistungsrückstände aufzuholen. Einige wollen jetzt möglichst schnell das Curriculum abarbeiten. Andere nehmen sich mehr Zeit, um die Schüler wieder dort abzuholen, wo sie jetzt stehen. Ich halte nichts von Reitturnieren ohne Pferde. Ich finde es wichtiger, wieder mit den Schülern in Kontakt zu kommen und sie mitzunehmen. Vielen fehlte über Monate der strukturierte Tagesablauf, sie saßen vor dem Fernseher oder machten Computerspiele. Gerade problematische Schüler, die Bindung, Ansprache und Struktur brauchen, haben massiv gelitten.

Wie macht sich das bemerkbar?

Vielen Schülern fehlt die Klassengemeinschaft, das Wir-Gefühl. Die aktuelle Situation führt dazu, dass sie die Schule nicht mehr als sicheren Ort wahrnehmen, ihnen fehlt das Vertrauen. Wenn das nicht aufgefangen wird, dann wird das übel. Manche Kinder und Jugendliche ziehen sich zurück. Andere agieren in ihrer Not aggressiv und werden verhaltensauffällig. Das hat zugenommen.

Was würde ein zweiter Lockdown bedeuten?

Das wäre fatal. Dann würden wir einen großen Teil unserer Kinder und Jugendlichen vollständig verlieren. Das klingt jetzt düster und dramatisch, aber ich sehe es so.

Welche Rolle können die Eltern in der Krise übernehmen?

Das hängt von ihren Möglichkeiten ab, viele kamen im Lockdown an ihre Grenzen. Sie sollten ihren Kindern eine feste Tagesstruktur geben, Lernziele setzen, regelmäßig hinschauen und kontrollieren, aber zugleich nicht zuviel Druck ausüben, denn darunter leidet die Eigenständigkeit der Kinder. Es gibt nicht wenige Eltern, die sich nicht sonderlich für die Entwicklung ihrer Kinder interessieren, aus welchen Gründen auch immer. Hier hat die Schule bisher eine Ausfallbürgschaft übernommen. Das ist weggefallen.

Ist eine Rückkehr zum normalen Schulalltag möglich?

Es wird lange dauern, diese Zeit aufzuarbeiten. Ich bin so besorgt wie noch nie während meiner zehn Jahre als Schulpsychologe. Es ist für alle eine Herausforderung, von der Landesregierung bis zu den Kindern. Doch nimmt die Ministerin die Realität an den Schulen wahr? Man muss sehr genau hinsehen, was die Erlasse und Regelungen im Alltag bewirken und notfalls nachjustieren.

Wie meinen Sie das?

Die Schulen können nicht mehr gut arbeiten, weil sie unter dem Diktat der Hygienevorschriften stehen. Man sollte die Maßnahmen überdenken, denn vieles ist widersprüchlich, etwa die unterschiedliche Handhabung der Hygieneregeln je nach Schulform. Was passiert mit einer Gemeinschaft, die sich nicht mehr kennenlernt? Die psychischen Folgen kennen wir noch nicht, aber es zeichnet sich bereits ab.

Leiden die Kinder unter den Maßnahmen?

Ich höre sehr oft: Ich will nicht schuld sein, wenn Oma oder Opa wegen mir sterben. Wie verunsichert müssen Kinder sein, wenn sie sowas sagen? Diese Furcht, diese Schuldgefühle – das macht etwas mit einer Kinderseele. Sie brauchen jetzt vor allem Halt und Orientierung.

Plädieren Sie für ein Ende der Coronamaßnahmen an den Schulen?

Hygiene ist das eine, doch wir dürfen sie nicht über alles stellen.

>>> Offener Brief an die Ministerin

Uwe Sonneborn ist Diplom-Psychologe und Mitglied im Vorstand des Landesverband Schulpsychologie NRW. Er berät Eltern und Schüler in Krisensituationen. Im Juni haben seine Verbandskollegen und er in einem offenen Brief an NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) vor den sozial-emotionalen Folgen der Schulschließungen gewarnt.

Darin heißt es unter anderem: „Erste Beobachtungen scheinen die großen Befürchtungen zu bestätigen, dass die Schere zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schüler*innen nach Corona noch weiter auseinanderklafft. Dies hätte fundamentale Auswirkungen auf die schulische Karriere und die Lebenswege vieler Kinder und Jugendlicher, deren Ausmaße noch gar nicht abzusehen sind.“

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