US-Wahl

TV-Duell: Trump greift „Biden-freundliche“ Moderatorin an

Trump klagt: Medien sind so zahm gegenüber Biden

Nach Ansicht von US-Präsident Donald Trump sind die Medien viel zu zahm gegenüber seinem Konkurrenten Joe Biden. Gegenüber ihm seien die "Fake-News-Medien" dagegen "Killer", beklagte Trump bei einem Wahlkampfauftritt.

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Washington.  Trump fühlt sich in die Enge getrieben. Vor der Debatte mit Biden am Donnerstag keilt der Präsident verzweifelt in alle Richtungen aus.

Am Donnerstagabend ist die letzte TV-Debatte zwischen Donald Trump und Joe Biden. Und obwohl die Moderatorin Kristen Welker noch keine einzige Frage gestellt hat, ist die schwarze White House-Korrespondentin des Fernsehsenders NBC bei Trump bereits unten durch. „Sie war immer furchtbar und unfair”, sagt der Präsident über die preisgekrönte Top-Journalistin, das letzte TV-Duell vor den Präsidentschaftswahlen am 3. November moderieren wird.

Für den Amtsinhaber, der sich in Umfragen konstant im Sinkflug befindet und verzweifelt nach einer Last-Minute-Kehrtwende sucht, ist es die einzige Chance, vor einem Millionen-Publikum noch unentschlossene Wähler auf seine Seite zu ziehen.

Ross Douthat, ein einflussreicher konservativer Publizist der „New York Times“, gibt Trump, der in einigen Schlüssel-Bundesstaaten Kopf an Kopf mit Biden liegt, eine Siegchance von 15 Prozent und sieht „wachsende Anzeichen” dafür, dass der Präsident „aufgegeben hat”.

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Trump wirft der 44-jährigen TV-Duell Moderatorin Kristin Welker, der er bei anderen Anlässen schmeichlerisch höchstes Lob zollte, ohne jeden Beleg vor, sie sei pro Biden eingestellt. Noch mehr wurmt Trump, der in der ersten Debatte wegen Hyper-Aggressivität Schiffbruch erlitt und die zweite de facto verunmöglichte, Welkers neues Machtinstrument.

Wenn Biden auf eine Frage der Moderatorin erstmals antwortet, bleibt Trumps Mikrofon für zwei Minuten stumm. Umgekehrt genauso. Das soll Schrei-Duelle verhindern. Erst danach dürfen die Kombattanten in den Freestyle wechseln. Trump wird das torpedieren, sagt seine Nichte Mary Trump. Er „muss unterbrechen” und „unhöflich” sein, „weil eine substanzielle Diskussion über Politik desaströs für ihn ist.”

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Einen Vorgeschmack auf das, was Donnerstag zu erwarten ist, gibt Trump seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus nach Corona-Rekordgenesung. Seine Kundgebungen, bei denen er auf die noch an Corona laborierende First Lady Melania Trump bisher verzichten muss, sind noch demagogischer geworden.

Trump fordert Anklage gegen Biden und Obama

Neben der Standard-Anklage, Amerika werde wie Kuba oder Venezuela verelenden, kämen Biden und die „radikalen Kommunisten” der Demokraten ans Ruder, appelliert der Präsident im Stil eines Despoten an Justizminister Bill Barr, er müsse Vorgänger Barack Obama und dessen damaligen Vize Biden schnellstens anklagen. Trumps Behauptung, die vorherige Regierung habe ihn ausspioniert und ihm Kollaboration mit den Russen angedichtet, hält aber bisher keiner unabhängigen Prüfung stand.

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Trump hoffte zudem, mit Enthüllungen über Biden und dessen Sohn Hunter in einem New Yorker Boulevard-Blatt die „Oktober-Überraschung” erzeugt zu haben: ein überraschendes Ereignis, das der Wahl in letzter Minute eine Wendung geben könnte.

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Aber die „Bombe”, die sein Privat-Adlatus Rudy Giuliani bei der „Post” platzierte, detonierte in die falsche Richtung. 50 ehemalige Top-Geheimdienstler von CIA, NSA, FBI Co. werten die Enthüllung als Intrigen-Machwerk Russlands. Selbst Fox News, Trumps lautester Medien-Herold, gab sich zu Beginn nicht aktiv dafür her.

Trump bricht Interview wütend ab

Trump macht das rasend. Er nennt CNN-Journalisten „dumme Bastarde”. Er wirft Reportern pauschal vor, „kriminell” zu sein, wenn sie nicht über die Bidens berichteten. Ein Interview mit Lesley Stahl von der beliebten TV-Show „60 Minutes” brach Trump vergrätzt ab. Er beschimpfte die CBS-Ikone auf Twitter als „falsch” und „voreingenommen”. Stahl hatte unangenehme Fragen gestellt.

Neuerdings beschuldigt Trump die Bidens auch korrupter Geschäfte mit China – ebenfalls ohne Beleg. Stattdessen taucht in Trumps Steuer-Unterlagen ein Konto bei einer chinesischen Bank auf. Danach hat Trump, wie sein Anwalt Alan Garten der „New York Times” bestätigte, zwischen 2013 und 2015 im Reich der Mitte für geschäftliche Aktivitäten knapp 190.000 Dollar Steuern entrichtet. Zum Vergleich: Trump hatte jahrelang in den USA keinen Cent Einkommensteuer gezahlt und zuletzt Kleckerbeträge von 750 Dollar überwiesen.

Unterdessen kommt Trump eine fest eingeplante gute Botschaft abhanden. Einen Impfstoff gegen das Coronavirus vor der Wahl, wie mehrfach von ihm angekündigt, wird es nicht geben. Die betreffenden Konzerne und die Aufsichtsbehörde FDA lassen sich nach einzelnen Rückschlägen im Prüfverfahren nicht treiben.

„Die nächsten Wochen werden die düstersten der gesamten Pandemie”

Als Blitzableiter für Trumps Unmut muss Dr. Anthony Fauci herhalten. Der renommierte Wissenschaftler dementiert konsequent, wenn Trump Entspannung meldet, obwohl die USA laut Experten in der „dritten Corona-Welle” stecken. Allein in der vergangenen Woche wurden 400.000 Neu-Infektionen gemeldet. Die Zahl der Krankenhaus-Einlieferungen steigt an, die der Todesopfer (derzeit 220.000) mit Zeitverzögerung auch.

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„Die nächsten sechs bis zwölf Wochen werden die düstersten der gesamten Pandemie”, sagt Dr. Michael Osterholm aus Minnesota. Und Trump? Sagt seinen Landsleuten, sie sollten ihr Leben nicht vom Virus dominieren lassen. Amerika habe Corona viel besser im Griff als jedes andere Land.

Der republikanische Wahlstratege Frank Luntz, anfangs ein Trump-Fan, kann über solche „Ablenkungsmanöver” nur noch Bitterkeit verbreiten: „Die Trump-Kampagne ist die miserabelste, die ich seit 40 Jahren gesehen habe. Ihre Botschaften sind falsch. Sie verschließen die Augen vor der Wirklichkeit. Ganz ehrlich, Trumps Leute sollten wegen politischer Untaten angeklagt werden.”

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