Corona-Pandemie

Krankenkassen-Chef: „Die Beiträge werden erheblich steigen“

Welche Vorsorgeuntersuchungen sind wann wichtig?

Vorsorgeuntersuchungen können Leben retten. Welche Gesundheits-Check-ups für wen wann empfehlenswert sind im Video!

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Berlin.  Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, prophezeit für Jahre Mehrkosten für die Versicherten und warnt vor Google, Apple und Co.

Die gesetzlichen Krankenkassen müssen vor allem die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie auffangen. Dr. Jens Baas ist Arzt und Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, mit rund zehn Millionen Versicherten die größte in Deutschland. Er erklärt im Interview, welche finanziellen Auswirkungen die Krise auf den Geldbeutel der Versicherten hat und wie Google, Apple & Co. in das Geschäft mit der Gesundheit drängen.

Die Corona-Pandemie ist ein Stresstest für Gesellschaft und Gesundheitssystem. War Deutschland gut vorbereitet?

Jens Baas Nein, unser Gesundheitssystem war nicht gut auf eine Pandemie vorbereitet. Auch wenn wir eines der besten Gesundheitssysteme weltweit haben. Die Schwächen zeigten sich anfangs gleich bei einfachen Dingen: Es gab nicht genug Desinfektionsmittel, Mundschutzmasken und Handschuhe. Wir haben aber schnell die Kurve gekriegt.

Hätten Sie nicht auch eher mahnen müssen? Es gab ja Experten, die auf mögliche Pandemien hingewiesen haben.

Vonseiten der Krankenkassen können wir schlecht auf die Vorräte in Krankenhäusern oder Arztpraxen Einfluss nehmen. Dass eine solche Pandemie kommen wird und derart um sich greift, konnten sich die wenigsten vorstellen. Wie schnell sich so ein Virus weltweit verbreiten kann, das ist eine Lehre, die man aus dieser Krise ziehen muss.

Die gesetzlichen Krankenkassen haben zuletzt extreme Einnahmeausfälle beklagt. Woher kommen die?

Hinter uns liegen fünf, sechs wirtschaftlich starke Jahre. Durch die extrem gute Konjunktur, niedrige Arbeitslosigkeit und hohe Beschäftigung waren die Einnahmen sehr hoch. Schon seit Beginn dieses Jahres verschlechterte sich die Situation merklich – und dann kam noch die Pandemie dazu.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie finanziell aus?

Zum Beispiel hat sich die Zahl der Stundungsanträge bei Krankenkassenbeiträgen, etwa durch wirtschaftlich angeschlagene Arbeitgeber, bei der TK um das 60-fache erhöht. Auch die Zahl der Anträge auf Ratenzahlung ist 100 Mal so hoch wie vorher. Das ist ein dramatischer Anstieg im Vergleich zum Schnitt der Vorjahre.

Was hat sich bei den Ausgaben verändert?

Die echten Ausgaben für die Behandlung von Corona-Patienten fallen kaum ins Gewicht. Die hohen Ausgaben entstehen durch die Schutzmaßnahmen, die die gesetzliche Krankenversicherung finanziert, wie den Aufbau von Intensivbetten oder den Kauf von Schutzausrüstung.

Viele Krankenhausbetten stehen immer noch leer. War Deutschland zu panisch?

Mit dem Wissensstand aus dem März war es klug, die Zahl der Intensivbetten aufzustocken. Aber jetzt muss man gegensteuern. Nicht jedes kleine Krankenhaus wird seine zusätzlichen Intensivbetten behalten können. Denn vorhandene Betten werden auch belegt. Wir müssen auf die Qualität achten. Das braucht Spezialisierung – und das geht nicht in jedem kleinen Krankenhaus.

Der jährliche Bundeszuschuss an den Gesundheitsfonds soll im nächsten Jahr um fünf Milliarden steigen. Reicht das?

Nein! Die gesetzlichen Krankenkassen rechnen für 2021 mit einem Fehlbetrag von 16,6 Milliarden Euro. Im Gegensatz zu anderen Industrien hat die Bundesregierung nicht beschlossen, das aus Steuern zu finanzieren. Uns wurde gesagt, wir kriegen fünf Milliarden, acht Milliarden müssen wir aus unseren Rücklagen ziehen, und der Rest wird durch eine Beitragserhöhung auf die Beitragszahler abgewälzt. Das wäre so, als ob man Kurzarbeitern sagt: Wir zahlen euch Kurzarbeitergeld, aber erst müsst ihr die Hälfte eurer Ersparnisse aufbrauchen.

Ist das gerecht?

Nein, denn das bedeutet zum einen, dass die Kassen, die gut gewirtschaftet haben, bestraft werden und dass die privaten Krankenversicherungen überhaupt nichts beitragen müssen. Und zum anderen, dass der Gestaltungsspielraum und das Selbstverwaltungssystem der gesetzlichen Krankenkassen ausgehebelt werden. Viele Krankenkassenmitglieder wählen ihre Vertreter selbst, die dann den Beitragssatz festlegen. Diese Ordnung hebt der Staat gerade auf, indem er bestimmt, wie stark der Beitrag erhöht wird, und zudem auch noch festlegt, dass wir unsere Rücklagen abgeben müssen. Das nimmt uns die Grundlage, solide wirtschaften zu können. Und wir gehen in Richtung Staatsmedizin. Das ist problematisch.

Wie wirkt sich das auf die Krankenkassenbeiträge aus?

Im Schnitt sollen die Kassen ihren Beitragssatz um 0,2 Prozent anheben. Das ist Teil des Paketes, wie die 16,6 Milliarden aufgebracht werden sollen. Gleichzeitig soll es für bestimmte Kassen quasi ein Anhebungsverbot geben. Das wird das Problem vielleicht aufschieben, aber nicht lösen. Auch Rücklagen abbauen geht nur einmal, dann sind sie weg. Die Beiträge werden in den kommenden Jahren erheblich steigen. Statt Einmalmaßnahmen brauchen wir einen nachhaltigen Finanzierungsplan – mit finanziell handlungsfähigen Kassen.

Werden Sie die 14.000 Mitarbeiter der TK halten können?

Unsere Existenz ist nicht gefährdet. Aber ich schließe nicht aus, dass das bei anderen Krankenkassen anders ist und diese sogar schließen müssen.

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Gab es gesundheitliche Nebeneffekte der Corona-Pandemie?

Viele Vorsorgeuntersuchungen zum Beispiel fanden und finden nicht statt. Nun könnte man zynisch sagen, das spart uns Geld, aber das ist natürlich nicht das Ziel. kann Leid ersparen und ist daher wichtig, unabhängig von den Finanzen. Ein anderer Effekt: Am Anfang der Pandemie haben sich viele Patienten die großen Medikamentenpackungen von ihrem Arzt verschreiben lassen. Nun könnte man vermuten, es würden im Nachgang jetzt weniger Medikamente verschrieben, weil Patienten erst die Packungen aufbrauchen müssen, das war aber nur ein kurzer Effekt. Wir sind jetzt wieder bei Normalniveau.

Sind die Menschen derzeit häufiger krank?

Wir hatten Ende März mit einem Krankenstand von rund sieben Prozent einen extremen Anstieg bei den Krankschreibungen, vor allem wegen Erkältungskrankheiten. Das waren vermutlich meist Vorsichtsmaßnahmen – im Zweifel galt: Lieber zu Hause bleiben. Danach gingen die Zahlen zurück. Im Mai war der Krankenstand mit rund 3,4 Prozent so niedrig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Das passiert immer, wenn Menschen Angst um ihre Arbeitsplätze haben, dann lassen sie sich auch weniger krankschreiben.

Wann rechnen Sie mit einem Impfstoff?

Ich rechne erst Anfang nächsten Jahres in relevantem Umfang damit. Den Impfstoff werden die Krankenkassen genauso wie andere Schutzimpfungen bezahlen, wenn er die Kriterien an Sicherheit und Wirksamkeit erfüllt.

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Was halten Sie von der verpflichtenden Impfung?

Ich bin ein großer Impfbefürworter, aber eine Impfung zu verordnen, halte ich nicht für richtig. Das Angebot muss freiwillig sein und überzeugen. Mein Gefühl ist, dass ein Großteil der Bevölkerung impfbereit ist.

Videografik: So wirken Impfungen
Videografik- So wirken Impfungen

Der Bundesgesundheitsminister möchte Fieberambulanzen einrichten. Ist das sinnvoll?

Ob es funktioniert, muss sich in der Praxis erweisen. Einerseits könnten solche Ambulanzen anderen Patienten die Angst vor einem Praxisbesuch nehmen. Vielleicht meiden aber selbst Fieberpatienten solche Ambulanzen aus Angst vor Infektionen.

Durch Corona sind wir alle digitaler geworden: Unterstützen Sie die digitale Sprechstunde?

Ja, ich rechne damit, dass die Corona-Pandemie der digitalen Sprechstunde noch mal einen richtigen Schub gibt. Denn viele Arztbesuche sind nicht unbedingt persönlich nötig.

Schon vor einiger Zeit hat die TK die digitale Patientenakte eingeführt, in der sich alle Daten der Patienten befinden und zu der der Patient permanenten Zugang hat. Wie kommt das Angebot an?

Etwa eine Viertelmillion von zehn Millionen Versicherten sind schon dabei. Das ist ohne Werbung ziemlich überraschend. Wir haben die digitale Akte aber vor allem eingeführt, um die Digitalisierung voranzubringen und politischen Druck zu machen, eine elektronische Patientenakte für alle einzuführen.

Warum?

Die Entwicklung im Ausland ist jetzt schon stark. Wenn wir unser Gesundheitssystem nicht digitalisieren, laufen wir in Deutschland Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Ohne digitalen Fortschritt droht uns eine Kommerzialisierung durch Apple, Google & Co., die dann auch Zugriff auf die Daten hätten.

Aber wie schützen Sie die digitale Patientenakte vor Missbrauch?

Wenn Sie sehen, wie in den meisten Praxen Patientenakten aufbewahrt werden, dann ist das weniger sicher als eine vernünftige digitale Lösung. In eine Praxis einzubrechen, ist viel leichter, als einen Server zu knacken. Daten werden heute noch gefaxt und landen oft erst einmal ungesichert auf einem Stapel. In unserer Patientenakte sind alle Daten Ende zu Ende verschlüsselt. Und nur der Versicherte selbst hat Zugriff darauf.

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Wo stehen die Server?

Die stehen in Deutschland – das ist uns wichtig.

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