Gesundheit

Krankenkasse aus NRW sieht „Cannabis-Hype“ skeptisch

Patienten, die unter schweren Schmerzen, an Multiple Sklerose oder auch Krebs leiden, erhalten seit 2017 leichter Cannabis als Medikament auf Kosten der Krankenlassen.

Patienten, die unter schweren Schmerzen, an Multiple Sklerose oder auch Krebs leiden, erhalten seit 2017 leichter Cannabis als Medikament auf Kosten der Krankenlassen.

Foto: dpa

Essen.   Seit 2017 können schwerkranke Patienten Cannabis verordnet bekommen. Die Barmer in NRW warnt, viele der Betroffenen haben zu hohe Erwartungen.

Für Patienten, die seit Jahren unter Schmerzen leiden, war es eine ersehnte Nachricht: Seit März 2017 können sie Cannabis für den therapeutischen Einsatz leichter verordnet bekommen. Inzwischen nehmen rund 40.000 Patienten Cannabis-Arzneien ein. In NRW warnt jetzt die Barmer, mit 2,26 Millionen Versicherten eine der größten gesetzlichen Krankenkassen im Land, dass Betroffene oft allzu große Hoffnungen in das Mittel setzten.

„Wir erleben einen Riesen-Hype“, sagt die leitende Barmer-Medizinerin Ursula Marschall dieser Zeitung. „Tatsächlich sind es aber nur bestimmte Schmerzen und bestimmte Patienten, für die eine Behandlung mit Cannabis geeignet ist.“ Dazu zählten dumpfe Nervenschmerzen, die nicht direkt zu lokalisieren sind. MS-Patienten könne der Cannabiskonsum helfen, einem Schmerzpatienten mit Leberzirrhose oder Herzproblemen aber nicht. „Schmerzen sind ein sehr komplexes Phänomen, das genau diagnostiziert und behandelt werden muss.“

Bisher konnten Ärzte cannabishaltige Fertigarzneimittel nur in Ausnahmefällen und bei wenigen Erkrankungen verordnen. Vor eineinhalb Jahren hat der Bund den Rahmen gelockert: Patienten erhalten auch Cannabisblüten auf Kosten der Krankenkasse. Dazu müssen sie zu Therapiebeginn einen Antrag bei der Krankenkasse stellen; verordnen kann das Medikament dann auch der Hausarzt. Patientenvertreter hatten anfangs zu hohe Hürden kritisiert: Nur rund ein Drittel der Anträge werde bewilligt.

Inzwischen hat sich das Verhältnis gedreht, wie Zahlen der Barmer nahelegen. Bundesweit hat die Kasse über 68 Prozent der 7741 Anträge, die bis Mitte November eingereicht worden waren, bewilligt. In NRW sind von 1462 Anträgen weniger als 40 Prozent abgelehnt worden. Grund für die häufigere Genehmigung sei auch, dass die Ärzte inzwischen geübter seien und wüssten, bei welchen Patienten der Einsatz von Cannabis tatsächlich zur Schmerzlinderung beitragen könne, so Marschall.

Die Ausgaben für Cannabis sind seit 2017 von 5,2 auf 7,2 Millionen gestiegen – allein für Opiate, also starke Schmerzmedikamente, fallen indes 175 Millionen Euro an. Immer stärker sind Cannabisblüten gefragt: 2018 haben Versicherte 4459 Packungen verordnet bekommen, dreimal so viele wie 2017. Zwei Drittel der Verordnungen richten sich an über 55-Jährige mit mehr als einer Krankheit. Knapp 40 Prozent der Verordnungen machen Hausärzte.

Die Barmer-Statistik deckt sich mit Angaben anderer Kassen. Die AOK Rheinland/Hamburg hat bis September in NRW knapp 60 Prozent von 1229 Anträgen auf Cannabis-Arzneien genehmigt. Zu 100 Prozent würden Anträge von ambulanten Palliativpatienten bewilligt. Gründe für Ablehnungen seien, wenn keine schwerwiegende Krankheit vorliegt oder Standardtherapien nicht erwogen wurden. Bei der „Techniker“ sind bundesweit 65 Prozent der 3465 Anträge genehmigt worden.

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