Studie

Viele ungewollt kinderlose Paare fürchten Abwertung

Jedes zehnte Paar ungewollt kinderlos

Eine neue Studie durch DELTA zeigt, dass jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos ist. Kinderlosigkeit nehmen viele der Befragten als Tabuthema in Deutschland wahr.

Beschreibung anzeigen

Berlin.  Das Familienministerium hat eine neue Studie zu Frauen und Männern mit unerfülltem Kinderwunsch vorgelegt – mit alarmierendem Ergebnis.

  • In Deutschland ist fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos
  • Eine Umfrage unter Frauen und Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren ergab, dass sich der Blick auf die Elternschaft deutlich verändert hat in den vergangenen Jahren
  • Eltern stoßen immer noch auf Hindernisse, treten aber selbstbewusst auf und fühlen starken politischen Rückenwind – das hat Folgen für Paare ohne Kinder

Ralf und Susanne sind ein deutsches Durchschnittspaar: Mitte vierzig, mittleres Gehalt, mittelgroße Dreizimmerwohnung. Das dritte Zimmer sollte mal das Kinderzimmer werden, derzeit dient es als Gästezimmer. Inzwischen ahnen beide: Es wird immer das Gästezimmer bleiben.

Ralf und Susanne gehören zu den zahllosen Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch. Eine große Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums hat jetzt untersucht, wie es Frauen und Männern im Jahr 2020 in dieser Lage geht – und kommt zu einem beunruhigenden Ergebnis. Lesen Sie hier: Wann wird der Corona-Kinderbonus ausgezahlt?

Der Druck, der auf ungewollt Kinderlosen lastet, hat sich innerhalb des letzten Jahrzehnts deutlich erhöht. Viele fühlen sich stigmatisiert und abgewertet. „Kein Kind zu haben, gilt in unserer Gesellschaft als Makel“ – ein Satz, dem inzwischen jeder vierte Betroffene zustimmt, doppelt so viele wie zu Beginn des Jahrzehnts. Was ist da los?

Elterngeld-Reform: Das sind die Neuerungen ab 2021
Elterngeld-Reform- Das sind die Neuerungen ab 2021

Wen haben die Forscher gefragt?

In Deutschland ist fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. Die Zahl der Frauen, die endgültig kinderlos bleiben, ist zwischen 2008 und 2018 von 17 Prozent auf 21 Prozent gestiegen.

Für die Studie „Ungewollte Kinderlosigkeit 2020“, die unserer Redaktion vorab vorlag, haben die Forscher und Forscherinnen des sozialwissenschaftlichen Delta-Instituts Intensivgespräche mit Frauen und Männern zwischen 20 und 50 Jahren geführt und zudem eine repräsentative Befragung von 3000 weiteren Frauen und Männern ausgewertet.

Kinder und Coronavirus: Die Hilferufe der #Coronaeltern
Kinder und Coronavirus- Die Hilferufe der #Coronaeltern

Dabei wurden zum Teil dieselben Fragen gestellt wie bei einer Vorgängerstudie von 2013, um Trends zu erkennen.

Eltern ohne Kinder: Wie hat sich der Blick auf Elternschaft verändert?

Stark. In den Nullerjahren waren Familien das Stiefkind der deutschen Politik. Unwichtig, irrelevant, glaubten viele. Deutschland war ein geradezu familienfeindliches Land. Die Geburtenrate ging in den Keller, gut qualifizierte Frauen überlegten sich dreimal, ob sie angesichts von Kindergärten, die zumindest im Westen des Landes schon mittags wieder schlossen, überhaupt an eigene Kinder denken sollten.

Die Trendumkehr begann erst, als Union und SPD Ende 2006 das Elterngeld und den Kitaausbau aus der Taufe hoben. Kinder zu haben – das war jetzt auf einmal keine private Sache mehr, sondern prägte die Debatten: Es ging um die „neuen Väter“, familienfreundliche Arbeitszeiten, den Krippenausbau. Lesen Sie dazu: Mehr Nachwuchs: Gesellschaft ist kinderfreundlicher geworden

Und heute? Eltern stoßen immer noch auf Hindernisse, treten aber selbstbewusst auf und fühlen starken politischen Rückenwind. So viel Trommelwirbel für Familien bleibt nicht ohne Auswirkungen auf Menschen, die unbedingt Eltern sein wollen – denen das aber nicht gelingt.

Wie wichtig ist es heute, ein Kind zu haben?

Die allermeisten der von den Delta-Forschern befragten Frauen und Männer wünschen sich ein Kind, weil sie Elternschaft erleben wollen, weil sie ein eigenes Kind lieben und seine Entwicklung sehen wollen. Für zwei von drei Befragten ist Elternschaft zudem ein wichtiger Baustein für Lebenssinn und Identität.

Ein Kind, so die Forscher, sei heute für viele Ausweis des sozialen Status und diene zur Selbstvergewisserung als Mann beziehungsweise Frau:

  • „Mutterschaft gehört zum Frausein dazu“, sagen 63 Prozent der ungewollt Kinderlosen (2013: 58 Prozent).
  • „Vaterschaft gehört zum Mannsein dazu“, sagen 56 Prozent (2013: 50 Prozent).

Die Gefahr, dass eine dauerhafte Kinderlosigkeit zu einem Gefühl des Scheiterns und damit zu einer schweren psychischen Belastung wird, steigt damit, so die Forscher.

Kinderkriegen – Mehr zum Thema:

Was erleben ungewollt Kinderlose?

Der unerfüllte Kinderwunsch prägt für viele den Alltag – auch wenn sie sich dagegen wehren: „Ich versuche, nicht krampfhaft zu denken, ich muss schwanger werden“, sagt eine der Studienteilnehmerinnen. Verstärkt wird die Belastung durch einen weiteren Befund: Rund jeder zweite Befragte findet, dass ungewollte Kinderlosigkeit heute stigmatisiert wird – genauso viele sehen darin ein gesellschaftliches Tabuthema. Lesen Sie dazu: Männlich, erfolgreich, zeugungsunfähig – das große Tabu

Dabei fühlen sich Frauen deutlich stärker belastet als Männer. Erheblich verstärkt haben sich seit 2013 zudem folgende Erfahrungen: „Kein Kind zu haben, gilt in unserer Gesellschaft als Makel“ (Anstieg um 19 Prozentpunkte auf 39 Prozent), und „Kinderlosigkeit bedeutet für mich gesellschaftliche Abwertung“ (Anstieg um 17 Prozentpunkte auf 31 Prozent).

Das Gefühl, wegen ihrer Kinderlosigkeit ausgegrenzt zu werden, ist vor allem für Frauen in traditionellen und konservativen Milieus besonders stark – es gilt aber auch für das Milieu der Etablierten:

Beruflich hoch qualifizierte Frauen in Leitungspositionen machen laut Studie die Erfahrung, dass ihre Kollegen, Vorgesetzten und Geschäftspartner, aber auch Verwandte, Freunde und Nachbarn erwarten, dass sie als erfolgreiche Frauen auch erfolgreiche Mütter sind – während Kinderlose dagegen als überehrgeizige, gefühlskalte Karrierefrauen abgewertet werden.

Insgesamt sehen die Forscher deutlich „gewachsene eigene Diskriminierungserfahrungen“ von ungewollt Kinderlosen – konkret belegt durch die um 16 Prozentpunkte gestiegene Zustimmung zur Aussage „Ich fühle mich diskriminiert, weil ich kein Kind habe“.

Familienministerin Franziska Giffey reagierte besorgt: „Die Studie zeigt, dass viele betroffene Paare mit ihren Sorgen und Nöten alleine bleiben, weil sie sich unverstanden und ausgegrenzt fühlen. Das müssen wir ändern“, sagte die SPD-Politikerin unserer Redaktion. Es sei deshalb wichtig, mehr über das Thema ungewollte Kinderlosigkeit zu sprechen, über Unterstützungsangebote aufzuklären und ungewollt kinderlosen Paaren Mut zu machen: „Kinderlosigkeit ist kein Makel, Kinderlosigkeit ist kein Tabu“, betonte Giffey.

Kinderlosigkeit – woran liegt es?

Experten nennen drei wesentliche Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit:

  • Probleme mit dem Partner,
  • gesundheitliche Gründe,
  • eingeschränkte Fruchtbarkeit.

Frauen sind heute bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt 30 Jahre alt – bei vielen anderen führt der lange Zeit aufgeschobene Kinderwunsch schließlich zu Kinderlosigkeit.

Laut Studie ziehen jedoch viele Kinderlose nicht einmal in Erwägung, dass sie unfruchtbar sein könnten. „Wir müssen daher noch viel mehr darüber aufklären, wie sich die Fruchtbarkeit im Lebensverlauf ändert, was eingeschränkte Fruchtbarkeit bedeutet und warum sich eine Schwangerschaft nicht immer auf natürlichem Weg einstellt“, sagt Giffey.

Auf die Frage nach den Ursachen ihres unerfüllten Kinderwunsches geben die Studienteilnehmer jedoch noch eine andere Antwort: Stress. Jede vierte Frau und jeder dritte Mann glaubt inzwischen, dass beruflicher Stress die Fruchtbarkeit bremst – 2013 waren es noch deutlich weniger.

Lesen Sie auch: Zeugungsunfähig: Diese Tipps helfen Männern mit Kinderwunsch

Viele sehen zudem privaten Stress als Ursache: Druck entsteht demnach durch eine verbissene Konzentration auf den Kinderwunsch, durch hohe eigene Ansprüche sowie Erwartungen von Partner, Familie oder Freunden. Frauen wie Männer tendieren mit zunehmendem Alter dazu, die Ursache primär bei den Frauen zu vermuten.

Bemerkenswert:

  • Von allen ungewollt Kinderlosen haben nur 25 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer einen Arzt aufgesucht, um abzuklären, ob die Kinderlosigkeit organische Ursachen haben könnte.
  • Von denen, die sich untersuchen ließen, sagen zwei Drittel, dass bei ihnen keine körperliche Ursache für die Kinderlosigkeit festgestellt werden konnte. Bei den übrigen lag eine eingeschränkte Fruchtbarkeit vor.
  • Deutlich gestiegen sind seit der Umfrage von 2013 die Zweifel und Bedenken gegenüber einer Kinderwunschbehandlung – vor allem mit Blick auf Kosten und gesundheitliche Risiken.

Giffey warb dafür, sich zumindest beraten zu lassen: „Die Fachkräfte der Kinderwunschberatung können hier ein ganz wichtiger Begleiter werden. Niemand muss Hemmungen haben, eine solche Beratung in Anspruch zu nehmen.“

Studie: Schwangerschaft: Kinder zu bekommen, ist ansteckend

Seit 2012 unterstützt der Bund ungewollt kinderlose Paare mit einem finanziellen Zuschuss zu den Behandlungskosten. „Bis zum Jahresende werden sich zehn Bundesländer der Initiative angeschlossen haben“, kündigte Giffey an. Bislang sind unter anderem Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen dabei. Als Nächstes soll Bayern folgen.

Leserkommentare (5) Kommentar schreiben