Gesundheit

Kinderkliniken in Finanznot: kleine Patienten zu teuer

Kinderkliniken kämpfen mit dramatischer Unterfinanzierung. Die Politik will jetzt handeln, damit die Versorgung der kleinen Patienten nicht leidet.

Kinderkliniken kämpfen mit dramatischer Unterfinanzierung. Die Politik will jetzt handeln, damit die Versorgung der kleinen Patienten nicht leidet.

Foto: Andrea Warnecke / dpa-tmn

Berlin.  Die Kinderkrankenhäuser geraten immer mehr in Bedrängnis. Es fehlt an Geld und Personal. Die Krankenkassen arbeiten an einer Lösung.

Carlotta ist schwer krank. Die 6-Jährige leidet an einem seltenen Gendefekt , weshalb sie schon viele Krankenhausaufenthalte hinter sich hat. Diesen Sommer musste ein besonders großer Eingriff vorgenommen werden. In einem Kinderherzzentrum in Nordrhein-Westfalen sollte ihr angeborener Herzfehler korrigiert werden. Doch als der Termin gekommen war, verzögerte sich die Operation immer weiter.

Mehrere Stunden lang mussten Carlotta und ihre Eltern warten, weil der zuständige Arzt keine Zeit hatte. „Obwohl die Operation für elf Uhr morgens geplant war, kam Carlotta erst um 15 Uhr dran“, erinnert sich ihre Mutter Christina Becker. „Das war besonders schlimm, weil sie seit dem Abend nichts essen und seit dem Morgen auch nichts mehr trinken durfte.“

Kinderkrankenhaus: Zu viele kranke Kinder, zu wenig Personal und zu wenige Betten

Fälle wie der von Carlotta sind keine Seltenheit. Viele Kinderkliniken haben zu wenig Personal und zu wenige Betten. Besonders das Personal, das mit Intensivbetten umgehen kann, ist rar und es fehlen wichtige medizinische Geräte. In den nächsten Jahren werden zahlreiche Kinderkliniken sogar ganz schließen müssen, wenn sie nicht zusätzliches Geld bekommen. Dabei kommen bereits jetzt auf 2000 Krankenhäuser nur noch circa 20 teils angegliederte und teils eigenständige Kinderkliniken und circa 320 Kinderstationen.

Was nicht daran liegt, dass es weniger kranke Kinder gibt. So ist die Zahl der Krankheitsfälle seit 1991 um 80.000 pro Jahr gestiegen. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Kinderbetten fast halbiert: Gab es 1991 noch 31.708 Betten in Kinderkliniken, sind es 2017 nur noch 18.591 gewesen. Jetzt arbeitet die Politik an einer Lösung.

Kinderheilkunde ist komplexer als die Behandlung von Erwachsenen

Kinderkliniken werden so finanziert wie jedes andere Krankenhaus auch, doch genau das ist das Problem. Die pauschalen Summen, die jede Klinik für jede Operation oder jede Behandlung von erwachsenen Patienten bekommt, lassen sich nicht ohne weiteres auf die Kinder- und Jugendheilkunde übertragen. „Medizin für Kinder ist deutlich komplexer: man braucht nicht nur mehr Zeit als bei erwachsenen Patienten, wir haben es auch mit sehr viel unterschiedlicheren Diagnosen zu tun“, sagt Ingeborg Krägeloh-Mann, ärztliche Direktorin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Tübingen.

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Die Kinder- und Jugendheilkunde kämpft damit, dass sie jede medizinische Fachrichtung noch einmal in spezialisierter Form abbilden muss. „Insgesamt gibt es circa 1000 verschiedene Krankheitsbilder in der Kinder- und Jugendheilkunde. Deshalb ist auch der Bedarf an Experten viel höher als in anderen Fachrichtungen“, sagt Wolfgang Kölfen, Vizepräsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Auf der anderen Seite gibt es nicht immer genügend kleine Patienten, um das Fachpersonal und die Kliniken insgesamt über das normale System zu finanzieren.

Die Kinderkliniken schwanken zwischen Leerlauf und Überlastung

Weil die meisten Patienten als Notfälle kommen, können Ärzte und Pfleger weniger gut planen als bei Erwachsenen. Die Kliniken schwanken oftmals zwischen Leerlauf und Überlastung. „Der Großteil kommt in akuten Situationen. Zur Grippesaison gibt es viel zu wenige Betten und Personal, in den Phasen dazwischen sind die Kliniken oftmals nicht voll belegt“, sagt Kölfen, der auch Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche in Mönchengladbach ist. Damit eine Kinderklinik rentabel sei, brauche sie mindestens 2000 Patienten im Jahr. Vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen sei das kaum zu schaffen, meint Kölfen.

Oft wird die Kinder- und Jugendheilkunde deshalb von anderen Abteilungen innerhalb eines Krankenhauses subventioniert. Doch auch diese Abteilungen müssen sparen – unter anderem deshalb, weil die Bundesländer ihrer Pflicht nicht nachkommen, genügend Geld in Sanierungen zu investieren und deshalb die Kliniken oftmals gezwungen sind, Geld aus der Pflege zweck zu entfremden. Sollte sich die Situation weiter verschärfen, sieht Marie Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, die flächendeckende Versorgung massiv gefährdet. „Es muss unbedingt verhindert werden, dass die finanzielle Not der Krankenhäuser und -stationen das Behandlungsangebot für Kinder und Jugendliche noch mehr ausdünnt.“

Gespart wird als erstes am Personal, was nicht nur schlecht für die Patienten, sondern auch für die Moral der Mitarbeiter ist. „Besonders in der Pädiatrie arbeiten Menschen mit einem ausgeprägten Hang dazu, Gutes tun zu wollen“, sagt Burkhard Rodeck, leitender Arzt am Christlichen Kinderhospital Osnabrück. Selten bleibt genügend Zeit dazu, den kleinen Patienten gerecht zu werden – und ihren Eltern. „Oft wird bei der Personalplanung vergessen, dass Kinder in der Regel immer mit Familie ins Krankenhaus kommen. Die haben ein besonders großes Bedürfnis danach, informiert zu werden. Und das braucht einfach Zeit“, sagt Verbands-Vizechef Kölfen.

Das Gesundheitsministerium hat das Problem erkannt, und jetzt?

Was also tun? Der Verband der gesetzlichen Krankenkassen, die Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Krankenhausgesellschaft haben sich gemeinsam darauf verständigt, dass mehr Geld nötig ist. Die Finanzierung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen sei „noch nicht optimal ausgestaltet“, heißt es in einem gemeinsamen Arbeitspapier, das unserer Redaktion vorliegt. Die Verbände schlagen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, eine extra Finanzierung speziell für Kinderkliniken zu etablieren. Einen solchen „Sicherstellungszuschlag“ gibt es bereits für andere medizinische Fachdisziplinen. Er würde zusätzlich zu den Pauschalen für normale Krankenhäuser gezahlt werden.

Allerdings: Aus dem Arbeitspapier geht auch hervor, dass wohl nicht jede Kinderklinik gerettet werden kann. Die Verteilung der Kliniken, ihre Erreichbarkeit und die Zahl der Patienten – das alles soll untersucht werden, bevor das Extra-Geld fließen kann. Dann könne es eine „einheitliche und sachgerechte Vergütung“ geben.

Spahn will sich noch nicht dazu äußern. Aus seinem Ministerium heißt es aber, man habe das Problem erkannt. Und: Die Idee sei sinnvoll. Verbands-Vize Kölfen bleibt trotzdem erst einmal skeptisch. Immerhin hätten sich alle Seiten darauf verständigen können, dass Kinder- und Jugendmedizin deutlich teurer ist als Medizin für Erwachsene. „Ein Zuschlag von 15 Prozent auf jede Behandlung muss es schon sein“, sagt er. „Alles darunter wird nicht ausreichen.“

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