Kommentar

Schrittweise Rückkehr zum Alltag? Nicht für die Frauen

Müssen die Kita-Kinder in der Corona-Krise als einzige noch zu Hause bleiben, dann sind es die Frauen, die es ausbaden müssen.

Müssen die Kita-Kinder in der Corona-Krise als einzige noch zu Hause bleiben, dann sind es die Frauen, die es ausbaden müssen.

Foto: Andreas Arnold / dpa

Berlin.  Mit den möglichen Lockerungen der Corona-Maßnahmen steht vielen Frauen mit Kindern ein Balanceakt zwischen Familie und Beruf bevor.

Die Corona-Ferien dauern jetzt mehr als vier Wochen an. Für berufstätige Eltern ist diese Zeit etwas ganz Besonderes. Selten lebt man als Familie so intensiv miteinander. Man lernt die Kinder neu kennen, ihre Vorlieben, ihre Schwächen, ihre Spiele. Und vor allem die Kinder kommen in den Genuss, die Eltern von einer bisher unbekannten Seite zu erleben: Die Kleinen machen Bekanntschaft mit dem Arbeitstier und dem Stressmonster in uns. Beide hängen zusammen, beide bedingen sich.

Wenn sich Eltern und Kind in coronafreien Zeiten morgens verabschiedeten, der eine ins Büro fuhr oder ruhig für sich zu Hause im Homeoffice arbeitete, die Kinder in der Schule unterrichtet und in der Kita betreut wurden, dann war das für alle ein lieb gewonnener Alltag. Jeder war an seinem Platz.

Auch in der Corona-Krise betreut meistens die Frau die Kinder

Wir sehnen uns nach dieser Zeit zurück. Und mit den sich verlangsamenden Infektionszahlen wird eine Rückkehr zum Alltag greifbarer. Doch wie – und wer zuerst? Die 26 Gelehrten, die dem Leopoldina-Expertengremium angehören, empfehlen der Bundesregierung eine schrittweise Rückkehr. Ein Kriterium gilt vor allem: die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten.

Schülern traut man dieses Verständnis zu, Kita-Kindern nicht. Das ist natürlich völlig richtig. Doch bleiben die Kita-Kinder bis zu den Sommerferien zu Hause, kehrt auch kein Alltag ein. Nicht stückweise, nicht mal ansatzweise. Mit einem Kita-Kind zu Hause kann man nicht zur Arbeit gehen – und daheim arbeiten genauso wenig. Lesen Sie auch: Wann wird der Kita-Betrieb wieder aufgenommen?

Bleiben also die unter Sechsjährigen bis zum Sommer zu Hause, ist die Frage, wer sie dann betreut. In den meisten Familien wird das die Mutter sein, die Frau. Denn wenn sie arbeitet, dann in Teilzeit. Von den berufstätigen Müttern haben 66,2 Prozent eine Teilzeitstelle, von den Vätern nur knappe sechs Prozent. Die restlichen 94 Prozent leben das Rollenmodell ihrer Väter und Großväter und arbeiten in Vollzeit, sind der Hauptverdiener. Das Knock-out-Argument bei der Frage, wer zu Hause bleibt.

Mütter tragen auch nach Lockerungen Doppelbelastung von Beruf und Familie

Während die Väter wieder richtig loslegen können, ihr Alltag wieder zurück ist, tragen Mütter wieder einmal die Doppelbelastung von Beruf und Betreuung. Welche beruflichen Konsequenzen das für Frauen hat, kann man sich ausmalen.

Diese Tatsache dürfen Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihr Corona-Kabinett und die Ministerpräsidenten bei ihren Beratungen für eine schrittweise Rückkehr zum Alltag nicht vergessen. Was passiert in der Zeit bis zum Sommer, wenn die Kitas geschlossen haben, mit den berufstätigen Eltern, die ihre Kinder betreuen müssen? Sind ihre Jobs vor Kündigung gesetzlich geschützt, können sie ihre Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn reduzieren? Alleinerziehende sind von geschlossenen Kitas noch härter betroffen. Und es ist auch hier kein Geheimnis: Von den 1,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland sind 1,44 Millionen Frauen. Ihnen droht bis zum Sommer der Existenzverlust. Lesen Sie mehr: Schulen, Kitas, Partys – Wie könnten Lockerungen aussehen?

Bundesregierung muss Ausnahmeregeln für Frauen mit Kindern schaffen

Die Corona-Krise ist auch eine Krise der Frauen. Und an den geschlossenen Kitas wird es besonders sichtbar. Während ganz Deutschland langsam zum Alltag zurückkehrt, wird für Frauen der Alltag noch stressiger. Werden ihre Karrieren zurückstecken müssen. Die Bundesregierung muss hier Ausnahmeregeln, Schutzregeln schaffen. Und die Leistungen der Frauen in der Krise müssen besondere Berücksichtigung finden, von Arbeitgebern, aber auch von dem Rest der Gesellschaft.

Es ist richtig, dem Pflegepersonal, den Erziehern, den Verkäufern zu applaudieren, vergessen dürfen wir dabei aber nicht: Auch sie sind in der Mehrheit Frauen.

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