Migration

Ausländerhass auf Gran Canaria - Insel wird zum "Pulverfass"

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Das sind die kanarischen Inseln

Das sind die kanarischen Inseln

Die Inselgruppe vor der afrikanischen Westküste zählt zu den beliebtesten Urlaubsorten Europas. Hier kommen Wanderer und Strandgänger auf ihre Kosten.

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Madrid.  Immer mehr Geflüchtete gelangen auf die spanische Insel. Die Stimmung droht zu kippen, Rechtsradikale machen Jagd auf Einwanderer.

  • Die Kanarische Insel Gran Canaria ist von der Corona-Krise schwer getroffen worden
  • Die Insel leidet unter dem fehlenden Tourismus, darüber hinaus kommen immer mehr Migranten an
  • Die Stimmung ist aufgeheizt, weil die wirtschaftliche Lage mehr als angespannt ist: Die Arbeitslosigkeit schnellt in die Höhe
  • Das nutzen rechte Gruppen, um Ausländerhass zu schüren

„Moros raus“, sprühten Unbekannte an eine Hauswand der Inselhauptstadt Las Palmas. Mit „Moros“ (Mauren) sind jene marokkanischen und algerischen Migranten gemeint, die mit Booten von der westafrikanischen Küste nach Gran Canaria übersetzen. „Nein zur illegalen Einwanderung!“ prangt zudem an der Fassade. Seit die spanische Urlaubsinsel im vergangenen Jahr zum neuen Einfallstor der ­Migration in Südeuropa wurde, wachsen hier die Spannungen.

„Gran Canaria ist ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann“, schreibt die Zeitung „El País“. Ausländerfeindliche Attacken nehmen zu. In den sozialen Netzwerken fordern rechtsradikale Bürgerwehren, „die Insel von Einwanderern zu säubern“. Steine fliegen gegen die Aufnahmelager. Fast jede Woche gibt es Proteste gegen die „Invasion“ aus Afrika, angeheizt von der rechtspopulistischen Partei Vox. „Wir wollen Touristen, aber keine illegalen Einwanderer“, rufen die Demons­tranten.

Die meisten Migranten kommen aus Nordafrika nach Gran Canaria

23.000 Migranten und Flüchtlinge landeten 2020 in wackeligen Kähnen auf Gran Canaria und den Nachbarinseln – sieben Mal mehr als 2019. Die meisten stammen aus Nordafrika. Aber auch aus den schwarzafrikanischen Armutsstaaten unterhalb der Sahara kommen Boote an. Und 2021 scheinen es nicht weniger zu werden: Seit Jahresbeginn kamen trotz stürmischer See knapp 2500 Immigranten über den Atlantik, doppelt so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

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„Als wir auf die Straße gingen, hielt ein Auto neben uns. Drinnen saßen vier Personen, die uns bedrohten und mit Druckluftpistolen beschossen“, erzählt ein marokkanischer Einwanderer in „El País“. In den sozialen Netzwerken zirkuliert ein Video, in dem ein Mann mit einer Machete in der Hand ankündigt, dass er Flüchtlinge jagen werde, „um ihnen einen Denkzettel zu verpassen“. Etliche Migranten berichten, dass sie in Las Palmas verprügelt wurden. Und dass sie von Einheimischen als „Hurensöhne“ und „Terroristen“ beschimpft werden.

Die explosive Stimmung auf der Insel macht auch zunehmend jenen Rot-Kreuz-Helfern das Leben schwer, die für die Erstversorgung der Migranten zuständig sind. Immer öfter werden sie verbal attackiert, weil sie angeblich mit ihrer Arbeit der Menschenmafia in die Hände spielen. Rot-Kreuz-Chef Antonio Rico beklagt, dass mit Fake News Feindseligkeit geschürt werde – etwa mit der Behauptung, dass Einwanderer viel staatliche Hilfe bekommen würden, während die Einheimischen leer ausgingen.

Corona-Pandemie schafft fruchtbaren Boden für Fake-News

Solche Unwahrheiten fallen auf fruchtbaren Boden in Zeiten, in denen auf Gran Canaria die Not wächst. Wegen Corona liegt der Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle, am Boden. Die Arbeitslosigkeit stieg auf 25 Prozent, bei den unter 25-Jährigen auf 60 Prozent. In jeder sechsten Familie sind alle Mitglieder ohne Job.

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Die beiden größten Aufnahmelager in Las Palmas liegen inmitten von Arbeitersiedlungen. „Warum werden die Migranten nicht in den reichen Wohnvierteln untergebracht?“, schrien Anwohner, die zornig vor den Lagern demonstrierten.

„Wir beobachten mit Sorge, dass Äußerungen des Hasses zunehmen“, erklärt die katholische Hilfsorganisation Cruz Blanca, die im Süden von Las Palmas eines der Aufnahmelager betreibt. Dort harren in großen Zelten, die auf dem Pausenhof einer alten Schule installiert wurden, mehr als 300 Flüchtlinge aus. Die Helfer von Cruz Blanca appellieren in einem Aufruf an die Bevölkerung: „Es reicht jetzt mit den Steinwürfen, mit den Drohungen und Aggressionen.“ Die Migranten dürften nicht für politische Fehlentscheidungen verantwortlich gemacht werden.

Von einer „unheilvollen Migrationspolitik“ spricht Inselpräsident Antonio Morales: „Wir sind es leid, dass unsere Insel in ein Gefängnis verwandelt wird.“ So wie es die EU auch mit der griechischen Insel Lesbos oder dem italienischen Eiland Lampedusa gemacht habe. „Dies muss aufhören. Oder die Konsequenzen werden schlimm sein.“ Morales warnt: „Es besteht das Risiko, dass es zu einer sozialen Konfrontation kommt.“ Er appelliert an Madrid und Brüssel: „Beenden Sie diese Situation.“

Spanien verweigert die Überführung von Geflüchteten auf das Festland

Tausende Migranten und Flüchtlinge hängen derzeit auf der Insel fest, da Spaniens Regierung eine Überführung aufs Festland verweigert. Begründung: Die meisten Ankommenden seien Wirtschaftsflüchtlinge und sollen wieder in ihre Heimatländer zurückgeführt werden. Abschiebungen sind jedoch in der Praxis schwierig, weil oftmals die Herkunftsländer nicht mitspielen. Da es nicht genügend reguläre Aufnahmeplätze auf der Insel gibt, wurden viele Bootsflüchtlinge in Touristenhotels untergebracht. Das facht die Wut der Bevölkerung zusätzlich an.

Auch die festsitzenden Migranten gehen auf die Barrikaden. Erst haben sie viel Geld für die riskante Überfahrt nach Gran Canaria bezahlt. Nun zerplatzt ihr Traum, aufs Festland zu gelangen und dort Arbeit zu suchen. Einige wollen nach Frankreich oder Deutschland, wo sie Angehörige haben.

Wegen der Angst vor Abschiebung haben inzwischen Hunderte die Lager verlassen, um sich auf eigene Faust Richtung Festland durchzuschlagen. Etwa, indem sie sich im Hafen von Las Palmas in Frachtcontainern verstecken. Ein gefährliches Spiel. Aber viele haben nichts zu verlieren. Auf Protestplakaten, mit denen Migranten vor den Lagern auf ihre Situation aufmerksam machten, konnte man lesen: „Lieber sterben als Abschiebung“. Und: „Europa oder Tod“.

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