Studie

Junge Deutsche wollen nachhaltig leben, tun aber wenig dafür

Beim Einwegbecher hört bei vielen Jugendlichen das Umweltbewusstsein auf.

Beim Einwegbecher hört bei vielen Jugendlichen das Umweltbewusstsein auf.

Foto: Getty Images / Westend61/Getty Images

Berlin  Laut einer Studie des Umweltministeriums halten sich Jugendliche für umweltbewusst. Tatsächlich wollen sie aber kaum Abstriche machen.

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Wer Jugendliche in Deutschland nach ihrem Umweltbewusstsein fragt, bekommt eine klare Antwort: Zu einem guten Leben gehört eine intakte Natur – das sagen acht von zehn jungen Deutschen. Mehr noch: Die Generation der 14- bis 22-Jährigen will auch etwas dafür tun. Zum Beispiel: mehr Geld für umweltfreundliche Produkte ausgeben oder den eigenen Lebensstandard einschränken. Aber: Wie eine neue

zeigt, sind das oft nur Lippenbekenntnisse. Zwischen gutem Willen und praktischem Verhalten klafft bei vielen jungen Deutschen eine große Lücke.

Für die Studie „Zukunft? Jugend fragen!“ wurden über 1000 junge Deutsche zwischen 14 und 22 Jahren befragt. In der repräsentativen Stichprobe kommen Jugendliche aller Bildungsschichten mit und ohne Migrationshintergrund zu Wort. Die Ergebnisse werden an diesem Donnerstag in Berlin vorgestellt, sie lagen unserer Redaktion vorab vor. In der Theorie sind die jungen Deutschen demnach überzeugte Umweltschützer: 80 Prozent machen sich Sorgen, dass ihre Kinder und Enkelkinder eines Tages unter miserablen Umweltbedingungen leben müssen, drei von vier wissen, dass sie auch ihr eigenes Verhalten ändern müssen, um das zu verhindern.

Im Realitätstest bleibt nur das schlechte Gewissen übrig

Mehr aber noch setzen sie auf die Politik: Die allermeisten jungen Deutschen finden, dass der Staat durch gesetzliche Maßnahmen für Umweltschutz sorgen sollte. Die Umweltministerin freut das natürlich: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hätten, so heißt es in der Bilanz der Studie, „ein hohes Maß an Problembewusstsein“.

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Doch im Realitätstest bleibt von diesem Bewusstsein oft nur noch das schlechte Gewissen übrig – Motto: Ich wäre ja gerne ein Umweltschützer, wenn das nicht so teuer, mühsam und unkomfortabel wäre. Der Widerspruch ist auch den Studienautoren ins Auge gefallen: „Einerseits wollen sie ökologisch und sozial handeln. Andererseits möchten sie bei bestimmten, Freude bringenden Dingen wie zum Beispiel Flugreisen jetzt und in Zukunft keine Abstriche machen.“

Billigflüge, Kaffee im Plastikbecher, Fast Food

Die Liste lässt sich fortsetzen: Weniger als jeder Zehnte kauft Kleidung mit Öko-Siegel, gerade mal jeder Vierte kauft fair produzierte und gehandelte Produkte. Ebenfalls nur drei von zehn jungen Deutschen essen

kaufen Bio-Lebensmittel oder benutzen Recyclingpapier. Nicht einmal die Hälfte der befragten Jugendlichen und jungen Deutschen verzichtet auf

Gerade beim Fleischkonsum unterscheiden sich Jungen und Mädchen deutlich: Während nur 20 Prozent der Jungen von sich sagen, weniger Fleisch zu essen, so sind es bei den weiblichen Befragten fast doppelt so viele. Gleichzeitig kann sich die Hälfte aller Jungen nicht vorstellen, zukünftig weniger Fleisch zu essen, die Mädchen sind in diesem Punkt deutlich beweglicher.

Insgesamt finden 32 Prozent der Befragten es „sehr wichtig“, dass es beim Mensa-Essen in Schule, Betrieb oder Universität vegetarische Gerichte gibt, immerhin 22 Prozent wünschen sich Bio-Lebensmittel. Die Frage, ob die Angebote auch genutzt werden, wurde aber leider nicht gestellt.

Verlust an Komfort und Bequemlichkeit als Hürde

Schnell wechselnde Mode- und Techniktrends,

Mahlzeiten auf die Hand, günstige Flüge an die europäischen Partystrände: Viele Jugendliche pflegen heute schon einen sehr sorglosen Konsumstil. In Zukunft, so glauben sie, wird der aktuelle Trend, immer das Neueste vom Neuen besitzen zu müssen, sogar noch wichtiger sein als heute – etwa bei Handys oder Klamotten.

Doch wie lässt sich dann noch die Lücke zwischen gutem Willen und praktischem Verhalten schließen? Fast 90 Prozent der jungen Deutschen finden es „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“, dass umweltfreundliche Produkte günstiger werden. Ähnlich viele wünschen sich, dass solche Produkte klar gekennzeichnet werden und dass mehr über die Folgen umweltschädlichen Konsums aufgeklärt werden müsse.

Darum sollen Deutsche nur noch halb so viel Fleisch essen
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Immerhin rund 80 Prozent würde es helfen, „wenn sich die anderen auch umweltbewusst verhalten“ und man dadurch „keinen Verlust an Komfort und Bequemlichkeit“ hinnehmen müsste. Das klingt sehr ehrlich – aber auch sehr widersprüchlich.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sieht klaren Auftrag

Denn: Der Wunsch nach gutem Gewissen zum Nulltarif kommt zum großen Teil von denselben, die vorher angegeben hatten, dass sie für Umweltschutz mehr ausgeben wollen und bereit sind, dafür den eigenen Lebensstandard einzuschränken.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sieht in den Ergebnissen der Studie einen klaren Auftrag. „Umwelt- und Klimaschutz muss noch stärker in der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ankommen“, sagte die SPD-Politikerin unserer Redaktion. Jugendliche hätten zudem ein hohes Interesse an Bildungsangeboten zu Nachhaltigkeitsthemen. „Wenn wir diesen Bildungsauftrag ernst nehmen, können wir junge Generationen für Umwelt- und Klimaschutz begeistern und sie motivieren, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.“

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