Islam

Islam-Experten gegen die Radikalisierung in NRW-Gefängnissen

Vorbeugung und Deradikalisierung muslimischer Gefangener in NRW-Haftanstalten – das haben sich Katja Grafweg (Leiterin JVA Remscheid), NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (M.) und die Islamwissenschaftler Luay Radhan (l.) und Mustafa Doymus vorgenommen.

Vorbeugung und Deradikalisierung muslimischer Gefangener in NRW-Haftanstalten – das haben sich Katja Grafweg (Leiterin JVA Remscheid), NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (M.) und die Islamwissenschaftler Luay Radhan (l.) und Mustafa Doymus vorgenommen.

Foto: Lars Heidrich

Remscheid.  Islamwissenschaftler sollen in Gefängnissen in NRW die Radikalisierung von muslimischen Gefangenen verhindern. Das Programm startet in Remscheid.

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Die Ankündigung hängt unscheinbar am schwarzen Brett des Hafthauses, irgendwo zwischen den endlos langen Zellen-Fluren des Remscheider Gefängnisses. Neben der Einladung zur „Dart-Gruppe“ und den nächsten Friseur-Terminen. „Islam-Runde für muslimische oder am Islam interessierte Inhaftierte“, ist der DIN-A4-Zettel überschrieben. Für den NRW-Strafvollzug ist dies kein gewöhnliches Angebot im Haftalltag, sondern Teil eines „deutschlandweit einmaligen“ Programms zur Terror-Prävention hinter Gittern, wie Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) stolz betont.

Das Land hat nach dem Attentat auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ vor zwei Jahren den Umgang mit muslimischen Gefangenen grundsätzlich überdacht. Die Pariser Attentäter hatten sich offenkundig in einem französischen Gefängnis radikalisiert, weshalb Kutschaty die religiöse Präventionsarbeit in den eigenen 36 Anstalten hinterfragte. Tatsächlich fehlte den Bediensteten in NRW häufig das Basiswissen über normale muslimische Bräuche und mithin die Fähigkeit, das Abgleiten von Häftlingen in den Islamismus frühzeitig zu erkennen.

Islam-Experten zuständig für ganz NRW

Kutschaty engagierte die Islamwissenschaftler Luay Radhan und Mustafa Doymus, die in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Remscheid als Experten für den gesamten NRW-Strafvollzug ihr Büro bezogen. Das Land will in Kürze zwei weitere Islamwissenschaftler einstellen und bis zum Sommer ein Kompetenzzentrum Islam für die Justiz in Essen aufbauen. „Wir wollen Gefangene gegen radikalislamisches Gedankengut immun machen“, erklärt Kutschaty.

„Ein informierter Umgang verschafft uns Zugang zu den Gefangenen“, sagt Radhan. Er ist in Deutschland geboren, hat hier studiert. Aufgewachsen ist er in Saudi-Arabien. Mit dem türkischstämmigen Doymus hat er 2016 rund 1000 JVA-Bedienstete fortgebildet. Was gehört zum Islam, wo fängt extremes Denken an? Ist der Verzicht auf einen Zellen-Fernseher oder die Abkapselung von Mitgefangenen ein Anzeichen für Radikalisierung? Solche Fragen klären die Experten mit dem Wachpersonal.

Seelsorge durch 94 Imame in NRW-Gefängnissen

„Wenn jemand seine Medikamente verweigert, helfen sie uns einzuschätzen, ob der Inhaftierte Streit sucht oder sich nach den Regeln des Ramadan verhält“, erklärt die Remscheider Anstaltsleiterin Katja Grafweg. Viele der ausländischen Gefangenen sprächen kein Deutsch, manche seien „religiöse Analphabeten“, sagt Doymus. Man suche das Gespräch mit ihnen, versuche zu signalisieren: „Wir kennen uns im Koran aus.“ Die Islamwissenschaftler organisieren Treffen mit „muslimischen Vorbildern“ und kümmern sich um die Seelsorge durch die etwa 94 Imame in NRW-Gefängnissen.

Ob diese Form der Terrorismus-Prävention gelingt? „Für den Strafvollzug in NRW kann ich sagen, dass es gegenwärtig keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, dass sich Gefangene in unseren Gefängnissen religiös radikalisiert haben“, sagt Kutschaty. Die 42 gefährlichen Islamisten, die in NRW zurzeit einsitzen, wurden demnach bereits ideologisch verblendet eingeliefert. Für sie soll es ein eigenes „Deradikalisierungsprogramm“ geben.

>> 3500 Moslems im NRW-Strafvollzug

Von den mehr als 16 000 Gefangenen im NRW-Strafvollzug sind etwa 3500 muslimischen Glaubens. Der Ausländeranteil in den Anstalten ist auf inzwischen 36 Prozent gestiegen. Nordafrikaner und Araber haben zusammen die Türken als größte ausländische Gefangenen-Gruppe bereits abgelöst.

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