Soziales

In NRW fehlen Plätze in der Kurzzeitpflege

Drei von vier Pflegebedürftigen werden zu Hause ambulant betreut - zumeist von ihren Angehörigen.

Drei von vier Pflegebedürftigen werden zu Hause ambulant betreut - zumeist von ihren Angehörigen.

Foto: Ute Grabowsky

Essen.   Pflegebedürftige werden vielfach zu Hause betreut. Teilstationäre Angebote sollen Angehörige entlasten – doch vor allem die Kurzzeitpflege lahmt.

Waschen, anziehen, füttern – 24 Stunden am Tag bereit stehen: Viele Frauen und Männer in Deutschland kümmern sich rund um die Uhr um ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Entlastung sollen ihnen Einrichtungen bieten, in denen Pflegebedürftige stundenweise über Tag oder kurzzeitig für Wochen betreut werden. Das Angebot ist in NRW durchwachsen.

„Die Tagespflege boomt, bei der Kurzzeitpflege stehen wir vor einer Katastrophe“, bilanziert Hans-Peter Knips vom Verband privater Anbieter sozialer Dienste. Derzeit entstehen zwar so viele neue Tagespflegezentren wie lange nicht. Der Ausbau der Kurzzeitpflege für Senioren, die während des Urlaubs oder der Krankheit ihrer Angehörigen vorübergehend im Heim betreut werden, stockt derweil.

„Die Tagespflege ist ein Ventil für die Angehörigen.“

Seit 2017 ist die Zahl der Tagespflegezentren um knapp 17 Prozent gestiegen. Inzwischen stehen rund 12 400 Plätze in NRW zur Verfügung – mehr als die Hälfte der Tagespflegezentren sind in der Hand sozialer Verbände. Der Zuwachs ist auch Folge der Pflegereform, mit der Demente stärker als bisher Leistungen der Pflegekassen erhalten sollen. „Tagespflege richtet sich an den Kreis genau dieser Menschen“, sagt Knips. „Sie können vielfach mit Hilfe der Angehörigen noch zu Hause leben, aber die Betreuung hat auch Grenzen. Die Tagespflege ist ein Ventil für die Angehörigen.“ Drei von vier der über 640 000 Pflegebedürftigen in NRW werden zu Hause betreut.

Wie stark das Angebot genutzt wird, hängt laut Verbänden auch von der Wohnortnähe ab. Die Angehörigen-Initiative „Wir pflegen NRW“ nennt einen anderen Faktor: Bei der Tagespflege reichten Leistungen der Kassen oft nicht aus, sagt Vize Christian Pälmke. „Überwiegend zahlen Angehörige drauf. Wer das nicht kann, verzichtet oft lieber.“ Nichtsdestotrotz seien mehr Tagespflegeplätze nötig.

Jede zweite Stadt hat zu wenig Teilzeitpflege-Betten

Um die Kurzzeitpflege ist es in NRW dürftig bestellt. In mehr als jeder zweiten Stadt gibt es zu wenige dieser teilstationären Plätze – obwohl die Nachfrage Jahr für Jahr um rund sechs Prozent ansteigt. Nach einer Analyse des Iges Instituts im Auftrag des Gesundheitsministeriums ist besonders das westliche NRW schlecht aufgestellt. Im Kern-Ruhrgebiet sind die Angebote nur in Dortmund, Gelsenkirchen, Essen und Mülheim auch angesichts der erwartbar steigenden Anzahl Pflegebedürftiger ausreichend.

In der Folge müssten Angehörige schon heute bis zu drei Monate auf einen Kurzzeitpflegeplatz warten, kritisiert Sprecher Pälmke. „Gerade in der Urlaubszeit ist das eine Herausforderung, einen Platz zu finden. Wahlmöglichkeiten haben Angehörige eigentlich gar nicht.“ Problematisch aus Sicht der Betroffenen: Weil sich Kurzzeitplätze für die Heime nicht lohnen, nutzen sie die Betten immer häufiger für die Dauerpflege: Wurden 2011 noch rund 2100 Betten für die Kurzzeitpflege vorgehalten, waren es sechs Jahre später knapp 1850. Die Zahl der Betten aber, die flexibel mal für Dauer- mal für Kurzzeitpflege genutzt werden können, sind um 50 Prozent gestiegen. In Herne etwa stehen viele Kurzzeitplätze in Heimen gar nicht zur Verfügung, weil die vollstationäre Pflege stark ausgelastet ist.

Kassen stellen mehr Geld für Kurzzeitpflege in Aussicht

Iges-Pflegeexpertin Grit Braeseke nennt vor allem finanzielle Gründe für die Entwicklung. In der Kurzzeitpflege schwanke die Auslastung stark, die Betreuung sei intensiver. „Betroffene kommen häufig am Pflegebeginn oder nach einem Krankenhausaufenthalt in die Kurzzeitpflege“, sagt Braeseke. Vergütet werde diese Hilfe aber wie ein vollstationärer Platz.

Dort setzt ein im April gestartetes dreijähriges Programm der NRW-Pflegekassen an: Gegen eine höhere Vergütung sollen sich Pflegeheime zu mehr Kurzzeitpflege verpflichten. Wer mindestens ein bis zwei Plätze für tageweise Betreuung bereitstellt, erhält pro Platz 30 Prozent mehr Geld. Sigrid Averesch-Tietz vom Verband der Ersatzkassen unterstreicht: „Kurzzeitpflege ist ein unverzichtbarer Baustein zur Sicherung der ambulanten Versorgung pflegebedürftiger Personen.“

>> Einzelzimmer-Quote: Kritik an Landesvorstoß

Ein Vorstoß des Landes, Kurzzeitpflege auszubauen, stößt auf Ablehnung. Ab Sommer müssen Pflegeheime 80 Prozent Einzelzimmer anbieten – weil viele das nicht erfüllen, räumt das Gesundheitsministerium Betreibern ein, überzählige Doppelzimmer zur Kurzzeitpflege zu nutzen.

Für die Awo geht das nicht auf: Dem Vorstoß folgend müsste ein Heim noch mehr Dauerpflege-Betten abbauen und unwirtschaftlich viele Kurzzeitpflegeplätze schaffen. Das Gesundheitsministerium weist die Kritik zurück. Kurzzeitpflege sei wegen der höheren Vergütung attraktiv.

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