Judenhass

Im Osten Deutschlands ist der Antisemitismus am stärksten

Zwei Jungen in einer jüdischen Synagoge in Berlin. In der Hauptstadt verzeichnet die Polizei besonders viele Angriffe mit antisemitistischem Hintergrund.

Zwei Jungen in einer jüdischen Synagoge in Berlin. In der Hauptstadt verzeichnet die Polizei besonders viele Angriffe mit antisemitistischem Hintergrund.

Foto: imago stock / imago/Uwe Steinert

Berlin  Im Osten Deutschlands werden besonders viele Angriffe auf Juden registriert. Hotspot ist die Hauptstadt Berlin. Dafür gibt es Gründe.

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Juden in Deutschland erleben Beschimpfungen, Hetze und in einigen Fällen auch Gewalt. In Bonn greift ein junger Mann mit einer palästinensischen Zuwanderergeschichte einen Professor mit Kippa an. In der jüdischen Gemeinde in Offenbach wird ein Rabbiner seit Jahren beleidigt. In Dortmund bedrohen drei Neonazis einen 26 Jahre alten Juden, zeigen den Hitlergruß. Im April rät der Zentralrat den Juden: Tragt in deutschen Großstädten lieber Baseball-Cap statt Kippa.

Doch nicht überall ist die Bedrohung gleich groß – die Landkarte des Antisemitismus zeigt Schwerpunkte. Vor allem einen: Berlin. Die deutsche Hauptstadt ist auch die Hauptstadt der Judenfeindlichkeit. Noch immer – auch mehr als 70 Jahre nachdem die Nationalsozialisten hier den Massenmord an den Juden geplant hatten.

Die Schwerpunkte zeigen sich in einer Auswertung des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der FDP-Innenexpertin Linda Teuteberg, die dieser Redaktion vorliegt. So registrierte die Polizei seit 2010 bundesweit insgesamt 11.786 antisemitische Straftaten – davon 1649 in Berlin. „Die rot-rot-grüne Landesregierung muss endlich handeln“, sagt Teuteberg. Es sei unerträglich, dass „Mitbürger jüdischen Glaubens sich in ihrer Hauptstadt nicht sicher fühlen können“. Hass, Gewalt und Verbrechen, die sich gegen ihre Religion oder Geschichte richten, seien für Juden in Deutschland immer noch eine „alltägliche Erfahrung“, hebt Innenexpertin Teuteberg hervor.

Antisemitismus in Berlin seit Jahren verbreitet

In Baden-Württemberg waren es 960, in Nordrhein-Westfalen 2272, in Hamburg 287. Setzt man die Anzahl aller Delikte in den Polizeistatistiken der Länder ins Verhältnis zur jeweiligen Einwohnerzahl, zeigt sich deutlich: Berlin liegt vorne – mit 46,1 antisemitischen Straftaten je 100.000 Einwohner. Davon meldete die Polizei 55 Gewalttaten gegen Juden seit 2010. Im April beschimpften drei Männer zwei Juden mit Kippa auf Arabisch im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. In Schöneberg wird der Besitzer eines Restaurants Zielscheibe von Hetze, weil er Jude ist.

Seit Jahren registrieren Sicherheitsbehörden und jüdische Organisationen einen starken Antisemitismus in der Hauptstadt. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen waren es 12,7 Straftaten je 100.000 Einwohner, in Hamburg 15,9 und in Baden-Württemberg nur 8,8.

Noch etwas fällt auf: In der Statistik belegen die ostdeutschen Bundesländer alle vorderen Plätze. Bei antisemitischen Straftaten je 100.000 Einwohner liegen hinter Berlin Thüringen mit 29,8 Straftaten je 100.000 Einwohnern, dann Brandenburg (28,7), Sachsen-Anhalt (23,8), Sachsen (18,5) und Mecklenburg-Vorpommern (16,3). Ist Antisemitismus ein Problem der Ostdeutschen?

Bundesbeauftragter will die Jugend sensibilisieren

Für Felix Klein, den Bundesbeauftragten gegen Antisemitismus, ist klar: „Gerade in Ostdeutschland zeigt Judenfeindlichkeit häufig durch Straftaten ihr hässliches Gesicht.“ Der Antisemitismus in Ostdeutschland sei besonders bedrohlich, denn „obwohl in vielen Regionen kaum Juden leben, ist der Hass gegen jüdisches Leben groß“, sagt Klein im Gespräch mit unserer Redaktion. „Judentum ist urdeutsch und gehört zur deutschen Identität. Das ist eine Tatsache, die viele noch immer nicht wahrhaben wollen oder verstehen. Gerade in Ostdeutschland.“

Als Antisemitismus-Beauftragter wolle Klein die Arbeit der ostdeutschen KZ-Gedenkstätten wie etwa Buchenwald oder Sachsenhausen stärken. Die Erinnerungsorte seien sehr gut besucht. „Doch ich halte es für wichtig, dass die Arbeit der Gedenkstätten noch stärker in Schulen und Jugendzentren präsent ist.“ Besonders dort, wo die Jugend in Ostdeutschland lebt, müsse der Kampf gegen Antisemitismus stärker aufgenommen werden.

Die Statistik der Polizei zeigt Schwächen

Berlin und Ostdeutschland – die Hochburgen des Antisemitismus. Das zeigen die Statistiken der Polizei. Doch es bedarf einer Einordnung. Grundlage für die registrierten Angriffe auf Juden, Synagogen oder Friedhöfe ist der Kriminalpolizeiliche Meldedienst. Die Polizisten zählen jede gemeldete Straftat – nicht erfasst wird, ob jemals Ermittlungen eingeleitet wurden oder eine Anklage erfolgte.

Die Statistik ist also auch dort besonders auffällig, wo Opfer von Judenhetze diese Delikte der Polizei melden. So erlebt Berlin auffällig viele antisemitische Angriffe – das Land hat mit der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus aber auch eine Organisation, die Übergriffe gegen Juden auswertet und der Polizei meldet.

Zudem gilt: Laut Polizei verüben in rund 90 Prozent der Fälle rechtsextremistisch motivierte Täter die Angriffe. „Antisemitismus ist in Deutschland noch immer ein Kern der rechtsextremen Szene“, sagt Bundesbeauftragter Klein. „Ich nehme in Deutschland eine größere Aggressivität gegen Juden wahr und eine sinkende Hemmschwelle, Juden verbal oder körperlich anzugreifen.“ Gleichzeitig wachse jüdisches Leben in Deutschland. „Viele Juden ziehen hierher, leben und arbeiten in Deutschland. Das ist eine gute Entwicklung.“

Auch der Flüchtlingszuzug hat einen Einfluss

Doch Experten wie er bemängeln die Statistik. So wertet die Polizei einen Spruch wie „Juden raus!“ fast ausschließlich als rechtsextremistisch motivierte Tat – auch wenn der Täter unbekannt ist. Das kann auch ein Indiz sein für die hohen Zahlen von Antisemitismus in Ostdeutschland: Neonazi-Gruppen fallen oft auf mit antisemitischen Hass oder Hakenkreuz-Schmierereien. Fälle, die schnell gemeldet werden.

Blickt man abseits ostdeutscher Landstriche mit wenig jüdischen Einrichtungen in Großstädte in NRW oder Niedersachsen, wird es deutlich komplizierter. Gerade bei Körperverletzungen auf der Straße oder in der Bahn geben 81 Prozent der Opfer laut einer Studie von Bielefelder Forschern an, dass der Täter „muslimisch“ gewesen sei.

Fast 60 Prozent der Befragten fühlen sich unsicherer seit der Zuwanderung vor allem aus Staaten, in denen der Hass auf Israel teilweise zur Doktrin einer Regierung gehört. Mehrere Angriffe auf Juden in Deutschland gingen zuletzt auf das Konto von Migranten. Ein Anstieg antisemitischer Straftaten lässt sich in Statistiken aber nicht erkennen.

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