Rechtsextremismus

Halle-Anschlag: Hat Gaming-Szene eine Mitverantwortung?

Augenzeugin aus Halle: "Alle raus, auf den Boden, weg von den Fenstern"

Augenzeugen verarbeiten den Schreck durch den Angriff vor einer Synagoge aus Halle. Eine Zeugin erzählt, es habe nach dem Notruf 15 Minuten gedauert, bis die Polizei kam.

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Berlin.  Horst Seehofer beschäftigt die Frage, wie rechts die Gamer-Szene ist. Die findet das nicht lustig. Manche sehen ein Ablenkungsmanöver.

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Der Anschlag von Halle erschütterte das Land. Die Aufarbeitung hat bereits begonnen. Bundesinnenminister Horst Seehofer erklärte dazu, man müsse die Gaming-Szene stark in den Fokus nehmen – was zu umfassendem Protest vor allem online führte.

Der rechtsextreme Attentäter Stephan B. hatte sich selbst wie den Helden eines Ballerspieles inszeniert, seine Tat auf die Plattform „Twitch“ gestreamt, die stark von Video- und Computerspielern genutzt wird. Immer wieder werden nach Amokläufen und vergleichbaren Gewalttaten Parallelen zu Spielen gezogen, in denen der Nutzer, oft aus einer Ego-Perspektive, Welten durchforstet – und dabei tötet.

Dabei streiten Experten, inwieweit das Schlüpfen in die Rolle eines Digitalschützens auslösend für eigene Gewalttaten sein kann. Denn wenigen Extremfällen stehen Millionen Spieler gegenüber, die in keiner Weise aggressiv werden. Seehofer ging es aber offenbar auch eher um die Vernetzung derer, die bestimmte extreme Denkmuster haben.

Seehofer: Gaming-Plattformen als Bühne Rechtsextremer?

„Wir sehen, dass Rechtsextremisten das Internet und auch Gaming-Plattformen als Bühne für ihre rechtswidrigen Inhalte missbrauchen“, erklärte Seehofer am Sonntag auf Twitter. In einem ARD-Interview hatte Seehofer zunächst erklärt: „Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene.“ Manche nähmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild.

„Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen.“ Die Sendung „Bericht aus Berlin“ verbreitete diesen Auszug aus dem Video-Interview per Twitter. Seehofer sah sich danach deutlicher Kritik ausgesetzt.

Unter anderem wurde ihm auf Twitter vorgeworfen, damit vom Problem des Rechtsextremismus abzulenken, das Thema zu verengen und Gamer unter Generalverdacht zu stellen.

Computerspieler: Thüringens Verfassungsschutzchef ist alarmiert

Auch Thüringens Verfassungsschutzchef Stephan Kramer löste viel Protest aus mit seiner Aussagen. Er nannte Teile der Gaming-Szene eine Plattform für Rechtsextremisten, „um sich zu vernetzen und um sich gegenseitig in ihrem Hass zu bestärken, zu messen und zu motivieren. Alles vom Sofa zu Hause aus“.

Der Attentäter von Halle war in der Gamerszene unterwegs. Vor dem Terroranschlag hatte er einen Ablaufplan veröffentlicht, der wie eine verschriftlichte Version eines Computerspiels wirkt. Die Bluttat selbst hatte er über eine Helmkamera live im Internet übertragen.

Kramer sagte dem „Tagesspiegel“, eine wichtige Rolle für Rechtsextremisten in der Szene spielten „Shooter-Spiele“. „Hier entsteht für den entsprechenden Personenkreis, durch die Mischung von Hass, Gewalt, Maskulinität und Sexualität, ein Treibhaus zur Befriedigung und weiteren Radikalisierung.“ Kramer, früher Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, wird nach eigenen Angaben selbst von Antisemiten bedroht.

Will Seehofer Rechtsextreme „auf der Straße“ totschweigen?

Autor Mario Sixtus stimmte auf Twitter denen zu, die finden, dass man über Gamer reden müsse, die rechte Attentäter feierten. Er schrieb aber: „Wenn ausgerechnet dieser Innenminister den Fokus auf die Gamerszene lenken will, ist es mindestens naheliegend, anzunehmen, er tut das, um die Rechtsextremen auf der Straße und in den Salons weiterhin genauso totschweigen zu können wie bisher.“

Bei Twitter unterstellten einige, Seehofer lenke mit seiner Wortmeldung vom Problem des Rechtsextremismus ab. „Die Neunzigerjahre haben angerufen und wollen ihre Killerspiel-Debatte zurück. Ernsthaft: Digitaler Rechtsextremismus ist ein riesen Problem“, kommentierte der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle. Vielmehr gehe es um die Kommunikation auf bestimmten Plattformen.

Bundesverband Games: Nicht in die Irre leiten lassen

Felix Falk, Geschäftsführer des Bundesverbands Game, erklärte: „Eigentlich müsste jedem längst klar sein: So wenig wie man Filme oder Bücher für Hass und Gewalt verantwortlich machen kann, so wenig sind Games und ihre Community hierfür die Ursache. Stattdessen haben wir in Deutschland ein beängstigendes Problem mit Rechtsextremismus.“ Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast mahnte, man solle genau hinsehen. „Und uns nicht über das Wort Gamerszene von Seehofer in die Irre leiten lassen. Um die geht es nämlich nicht.“

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast mahnte zur Besonnenheit: „Wir sollten mal in Ruhe auf das Problem schauen. Und genau hin sehen. Und uns nicht über das Wort Gamerszene von Seehofer in die Irre leiten lassen. Um die geht es nämlich nicht.“

Der Minister präzisierte seine Position am Sonntag auf Twitter: „Wir prüfen derzeit alle Facetten, wie Rechtsextremismus besser bekämpft werden kann“, unterstrich er. Wir sehen, dass Rechtsextremisten das Internet und auch Gaming-Plattformen als Bühne für ihre rechtswidrigen Inhalte missbrauchen. Ob analog oder digital: Wir wollen Rechtsextremisten überall dort bekämpfen, wo sie aktiv sind.“

Bundesinnenministerium will Gesetz reformieren

Neben dem Zugang zu verschlüsselten Messenger-Diensten wie Telegram oder Signal hat das Bundesinnenministerium bei seinen Überlegungen für eine Reform des Verfassungsschutzgesetzes auch Foren im Blick, in denen sich Gamer austauschen. Das Bundeskriminalamt kann sich heute schon hier in schweren Fällen Zutritt verschaffen. Dem Verfassungsschutz ist das bisher verwehrt.

Der Entwurf für die Gesetzesnovelle ist aktuell noch Gegenstand von Diskussionen zwischen dem Innenressort und dem Justizministerium. Verfassungsschutz und Bundespolizei müssten Online-Durchsuchungen durchführen können, um auf Daten von Terroristen, Extremisten und Kriminellen im Netz zugreifen zu können“, bekräftigte Seehofer in der „Bild“.

Neonazis kommen im Internet einfach an Waffen – das hat der Anschlag von Halle wieder gezeigt. In der Stadt sind die Menschen zwischen Wut und Trauer zerrissen. Noch immer beherrscht die Frage, was Stephan B. zu den Taten brachte, den Alltag. Der Attentäter von Halle lebte in zwei Welten.

Den Angriff in Halle werten viele als Weckruf für die Republik. Alles, was über die Tat und die Zusammenhänge bekannt ist – und was nicht. Das Polizeiprotokoll des Terroranschlages von Halle. (dpa/ses)

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