Überlastung

Frauenhäuser in NRW müssen viele Gewaltopfer abweisen

Suche nach Schutz: Im Frauenhaus Gelsenkirchen berät die Pädagogin Seram Özen zwei Frauen.

Suche nach Schutz: Im Frauenhaus Gelsenkirchen berät die Pädagogin Seram Özen zwei Frauen.

Foto: Katharina Kemme

Essen.  Die Frauenhäuser in NRW arbeiten an der Grenze der Belastbarkeit. Fast alle sind voll belegt - viele müssen Hilfesuchende enttäuschen.

Die gut 70 Frauenhäuser in NRW geraten zunehmend an ihre Grenzen. Diakonie, Caritas, der Paritätische Wohlfahrtsverband und Trägervereine berichten, dass die Zufluchtsstätten für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder in den vergangenen Monaten so oft voll belegt gewesen seien, dass Gewaltopfer wiederholt abgewiesen wurden. Bei knapp 1200 Plätzen habe es an einzelnen Tagen Ende 2016 zwei freie Betten gegeben – in ganz NRW.

Ingrid Süße von der Landesarbeitsgemeinschaft autonomer Frauenhäuser nennt den Zustand beispiellos. „In den 40 Jahren meiner Tätigkeit habe ich eine Situation dieses Ausmaßes noch nicht erlebt“, sagt die Leiterin des Frauenhauses in Siegen. 2015 haben die Einrichtungen bei 10 000 betreuten Frauen bis zu 7000 Schutzsuchende aus Platzmangel abweisen müssen. „Wir können dem Anspruch, als Zufluchtsstätten Notfallplätze bereitzuhalten, kaum mehr gerecht werden.“

„Die Situatuion am Wohnungsmarkt hat sich verschärft“

Grund für die zugespitzte Lage sei nicht nur eine zunehmende Gewalt gegen Frauen, sagt Marita Haude vom Diözesancaritasverband Münster. Die Betroffenen blieben länger in den Häusern, manche über ein Jahr. „Die Situation am Wohnungsmarkt hat sich vielerorts so verschärft, dass günstige Wohnungen für die Frauen fehlen“, so Haude. Sie beziehen oft staatliche Leistungen, haben geringe Einkommen, können nicht ausziehen. Auch sei die Zahl hilfesuchender Flüchtlingsfrauen gestiegen.

Die Wohlfahrtsverbände beklagen die chronische Unterfinanzierung der Häuser. Zwar bezuschusst das Land freiwillig die Personalkosten an 62 Standorten in den Kreisen und kreisfreien Städten. Für den Aufenthalt müssen aber die Frauen selbst aufkommen. Können sie dies nicht, sind die Frauenhäuser auf Spenden oder kommunale Zuschüsse angewiesen. „Ohne diese Zuwendungen wären viele Frauenhäuser zu“, sagt Lara Salewski von der Diakonie in NRW.

Plädoyer für gesetzliche Finanzierung

Nötig sei eine verlässliche Finanzierung per Gesetz, ergänzt Iris Pallmann vom Paritätischen: „So können die Frauen unbürokratisch und kostenlos Hilfe erhalten, unabhängig von Einkommen, Aufenthaltsstatus oder Herkunft.“

Das Frauenministerium verweist auf die seit 2010 um über 70 Prozent gestiegene Förderung – von 5,43 auf 9,47 Millionen Euro im Jahr 2017. Hinzu kommen Hilfen etwa für Beratungsstellen. Eine gesetzlich gesicherte Finanzierung indes bringe zunächst nicht automatisch mehr Plätze.

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