NRW-Grüne

Grüne NRW-Politiker: „Flügel wählen ist Geschichte“

Die Fraktionschefs der Grünen im NRW-Landtag Moniker Düker und Arndt Klocke beim Besuch in der Redaktion.

Die Fraktionschefs der Grünen im NRW-Landtag Moniker Düker und Arndt Klocke beim Besuch in der Redaktion.

Essen.   Die neuen Landtagsfraktionschefs der Grünen, Monika Düker und Arndt Klocke, über Lagerdenken in der Partei und Selbstkritik nach der Wahlpleite.

Die NRW-Grünen müssen sich nach einer schlimmen Wahlniederlage in der Opposition neu erfinden. Am Samstag wartet der Landesparteitag in Kamen. Die neuen Landtagsfraktionschefs Monika Düker (54) und Arndt Klocke (46) sprachen beim Redaktionsbesuch in Essen mit WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock und Landeskorrespondent Tobias Blasius über das Image der „Verbotspartei“, altes Lagerdenken und ihr Verhältnis zur CDU.

Die Grünen kämpfen auf der Suche nach neuen Bundesparteichefs mal wieder mit ihrem Flügel-Proporz. Ist das Lagerdenken nicht von gestern?

Klocke: In jeder Partei ist es wichtig, dass die unterschiedlichen Strömungen in Führungsfunktionen vertreten sind. Der linke Flügel ist relevanter Teil der Grünen und schickt deshalb völlig nachvollziehbar Kandidaten ins Rennen. Mit dem strengen Flügel-Proporz der 80er-Jahre hat das aber nicht mehr viel zu tun.

Wirklich nicht?

Düker: Wir haben eher das Luxus-Problem, dass ein Wettbewerb zwischen hervorragenden Kandidaten stattfindet. Es setzen sich die Köpfe durch, denen am meisten zugetraut wird. Das streng mathematische Flügel-Wählen ist längst Geschichte. 70 Prozent der Neumitglieder rechnen sich nach einer Umfrage zum Beispiel selbst gar keinem Partei-Flügel mehr zu.

Die NRW-Grünen treffen sich am Wochenende in Kamen zum Landesparteitag. Ist die Wahlpleite vom vergangenen Mai verdaut?

Klocke: Wir haben das Wahlergebnis sehr selbstkritisch aufgearbeitet. Das Ausmaß der Niederlage war dramatisch. Es war der größte Verlust, den die Grünen in NRW jemals hinnehmen mussten. Die Landtagsfraktion ist mehr als halbiert worden. Wir mussten uns eingestehen, dass wir einen breiten Vertrauensverlust erlitten haben. Jetzt haben wir aber unsere Oppositionsrolle selbstbewusst angenommen. Stichwort Sozialticket: Dessen Abschaffung durch Schwarz-Gelb wurde auch auf unseren Druck hin komplett zurück genommen.

Warum wollen Sie in Kamen den Landesvorstand verkleinern?

Düker: Eine Lehre aus der Wahlniederlage ist, dass der Weg von der Parteibasis an die Spitze zu lang war. Diejenigen, die an der Spitze Verantwortung tragen, müssen früher mitbekommen, wenn in der Schul- oder Umweltpolitik vor Ort Probleme auftauchen oder Unverständnis herrscht. Unsere Mitglieder sind ein wichtiges Frühwarnsystem. Wir wollen schlankere Strukturen für mehr politische Schlagkraft schaffen.

War nicht eher das Problem, dass die Grünen als moralisch überlegene Verbotspartei wahrgenommen wurden?

Düker: Wir sind weder Verbotspartei noch moralisch überlegen. Man darf sich aber auch nicht in die Tasche lügen: Den Schutz unserer Lebensgrundlagen kriegen Sie nicht allein mit netten Kampagnen hin. Atomausstieg, Energiewende, Mobilität der Zukunft oder eine ökologische Landwirtschaft brauchen ein klares Regelwerk, für das man immer gegen Widerstände kämpfen muss. Die Geschichte lehrt uns Grüne doch, dass wir für vieles anfangs angefeindet wurden, was heute gesellschaftliche Realität und politischer Mainstream ist.

Ist es nach dem plötzlichen Ende von Rot-Grün an der Zeit, die NRW-Grünen in Richtung der CDU zu öffnen?

Klocke: Ich nehme im Landtag leider gerade bei den jüngeren CDU-Abgeordneten in der Flüchtlingspolitik oder bei Fragen der gesellschaftlichen Liberalität eher ein konservatives Roll-Back wahr, das mit uns Grünen nicht zu machen ist. Bei vielen Jungunionisten wird doch mit glänzenden Augen zu einem Sebastian Kurz und seiner rechtspopulistischen Koalition nach Österreich geguckt.

Wir dachten, gerade Ministerpräsident Laschet wäre ein Grünen-Versteher?

Düker: Ach, Herr Laschet will immer da sein, wo die Sonne scheint. In den Jamaika-Sondierungen hat er uns angeboten, sieben Gigawatt Kohlestrom einzusparen und damit die dreckigsten Kraftwerke abzuschalten. Kaum sitzt er wieder allein mit der SPD am Tisch, wird im Vorbeigehen das Klimaziel der Bundeskanzlerin kassiert.

Herr Klocke, Sie haben kürzlich Ihre überwundene Depressionserkrankung öffentlich gemacht. Warum?

Klocke: Ich will anderen Betroffenen Mut machen, dass man sich mit dieser Krankheit nicht verstecken muss und sogar Führungspositionen wahrnehmen kann. Depressionen kommen viel häufiger vor, als viele wahrhaben wollen. Die Hilfsstruktur muss dringend verbessert werden. Als ich vor eineinhalb Jahren mit dem Rad gestürzt bin und mir den Arm gebrochen hatte, wurde ich innerhalb einer halben Stunde von einem Arzt behandelt. Wer Depressionen hat, wartet mitunter Monate auf einen Therapieplatz. Das zu ändern, ist eine wichtige politische Aufgabe.

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