Hilfsorganisation

Duisburger Ordensschwester hilft vergessenen Völkern in Peru

Schwester Birgit Weiler beim Unterricht in der Jesuiten-Universität „José Luis Montana“ in Peru. Foto:Adveniat

Schwester Birgit Weiler beim Unterricht in der Jesuiten-Universität „José Luis Montana“ in Peru. Foto:Adveniat

Essen.   Birgit Weiler arbeitet seit 30 Jahren für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat mit Sitz in Essen und engagiert sich für indigene Völker.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Welt wächst zusammen. Im Guten wie im Schlechten. Wenn Birgit Weiler über Peru erzählt – das Land, in dem die Duisburgerin seit fast 30 Jahren lebt und arbeitet – dann klingt das nach Problemen, die es auch vor unserer Haustür gibt: die Ellenbogen-Gesellschaft, der um sich greifende Egoismus, die soziale Spaltung der Gesellschaft, die nicht kleiner, sondern größer wird, die Angst des Mittelstandes vor dem Absturz.

Es ist das Vokabular derjenigen, die auch hierzulande davor warnen, dass es trotz aller Fortschritte wohl nicht von alleine gerechter zugeht. Dass es nicht nur Gewinner gibt, sondern auch Verlierer. Dass man etwas tun muss für die gerechte Sache – in Deutschland wie in Südamerika. Und dass es Menschen braucht, die sich gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung stellen. Die sich fragen, ob man als Christ nicht ab und zu seine Stimme erheben muss. Menschen wie Birgit Weiler.

Raubbau an der Natur

Seit drei Jahrzehnten setzt sich die 57-Jährige für die Ärmsten der Armen in Lateinamerika ein. Besonders das Schicksal der Ureinwohner im Amazonas-Gebiet hat es der Ordensfrau aus Duisburg-Wedau angetan. Deshalb ist sie jetzt wieder auf Stippvisite in ihrer alten Heimat im Revier, die sie vor 30 Jahren verließ.

Birgit Weiler war in den Zwanzigern, als ihre Ordensgemeinschaft der missionsärztlichen Schwestern sie bat, nach Südamerika zu gehen. Sie hatte ihr Theologie-Studium an der Ruhruni Bochum gerade erst abgeschlossen. Zunächst ging sie ein Jahr nach Venezuela, dann nach Peru. Dass es 30 Jahre werden würden, wusste die Tochter eines Stahlindustrie-Ingenieurs aus Duisburg natürlich nicht. Spanisch sprach Birgit Weiler anfangs kein Wort. „Ich hatte großes Interesse an Lateinamerika“, sagt sie heute. Das half. Und die Offenheit der Menschen vor Ort. An diese „Art der Willkommenskultur“ erinnert sich Birgit Weiler noch gut.

Adveniat rückt bedrohte Völker Südamerikas in Fokus

Jetzt ist sie für das Essener Hilfswerk „Adveniat“ zurückgekommen. Die Lateinamerika-Hilfe der katholischen Kirche in Deutschland hat die bedrohten Völker Südamerikas in den Mittelpunkt ihrer diesjährigen Weihnachtsspendenaktion gerückt. Birgit Weiler soll berichten, wie es ist in Peru und worum es geht bei ihrer Arbeit.

In der Vorweihnachtszeit tourte sie dazu durch Kirchen und Gemeindesäle. Weiler wirbt für das Schicksal der Vergessenen in einer Region, die nicht im Fokus der Weltöffentlichkeit steht. Denn besonders Europas Aufmerksamkeit richtet sich derzeit eher auf näherliegende Brandherde im Nahen Osten, in Afrika.

Doch für das, was im Grenzgebiet Perus zu Brasilien geschieht, ist für Birgit Weiler ebenfalls „brutal“. Sie findet harte Worte für den Raubbau an der Natur, den Ausverkauf des Amazonas-Gebietes, der auf Kosten der dort lebenden Menschen geht. Für Weiler ist das schlicht Neo-Kolonialismus. Die neuen Kolonialherren seien keine Staaten mehr, sondern internationale Konzerne, Bergbauunternehmen, Ölförderer.

Konflikte um den Abbau von Bodenschätzen

„Die Region ist reich an Bodenschätzen“, weiß Birgit Weiler. Kohle, Erdöl, Gold und Kupfer, auch die sogenannten seltenen Erden, die für die Herstellung von Handys und Computern unabdingbar sind. Das wecke die Gier. Dafür würden – immer noch – riesige Flächen des Amazonasregenwaldes rigoros gerodet. Vielen in Europa sei gar nicht bekannt, sagt Weiler, wie brutal die Arbeitsbedingungen in den Bergwerken Südamerikas noch heute sind, wie heftig die Konflikte in der Region um den Abbau der Bodenschätze ausgetragen würden. Konflikte, in denen immer wieder Menschen ihr Leben lassen. Weiler: „Weltweit ist Südamerika der Kontinent mit der höchsten Zahl ermordeter Umweltaktivisten.“

„Und die Ureinwohner, die dort schon seit Jahrhunderten lebenden Menschen, werden an den Rand gedrängt“, sagt Weiler. Diese bedrohten Völker Lateinamerikas sind eine kleine Welt für sich. 400 verschiedene indigene Völker leben im Amazonasgebiet, über 60 allein im Grenzgebiet zwischen Peru und Brasilien. Insgesamt sind es wohl drei Millionen Menschen, die – oft tief im Urwald verborgen – ihre eigene Identität, ihre Kultur und Sprache zu bewahren trachten.

„Das ist unbedingt schützenswert“, ist Birgit Weiler überzeugt. Darunter sind nicht wenige, die in selbstgewählter Isolation bleiben wollen. Sie sind bei jeder Berührung mit der modernen Zivilisation besonders gefährdet. „Schon eine Grippe kann ein ganzes Volk dahinraffen“, sagt Birgit Weiler. Die allermeisten aber leben in abgelegenen Dorfgemeinschaften, sie wollen den Kontakt zur Außenwelt, aber ohne ihre eigene Identität aufgeben zu müssen.

Sanfte Integration

Birgit Weiler kümmert sich um zwei dieser Völker, die Awajún und die Wampi. Sie hilft ihnen bei ihrer sanften Integration in die westlich geprägte peruanische Gesellschaft. Jahrzehnte habe sich der peruanische Staat nicht um die Bildung der Menschen im Amazonasgebiet gekümmert.

Die katholische Kirche genieße in jener Region hingegen großes Vertrauen. Weiler vermittelt und fördert Bildungsprojekte, sorgt dafür, dass junge indigene Lehrer ausgebildet werden, um später in ihre Dörfer zurückzukehren und unterrichten. Das kostet: Unterrichtsmaterial, Schulgeld, Personal. Die Adveniatspenden sind unter anderem dafür gedacht. 3,2 Millionen Euro kamen in diesem Jahr für Projekte im Amazonasgebiet zusammen.

Wenn dieser Bericht erscheint, ist Birgit Weiler schon wieder zurück in Peru. Die Werbung für Adveniat sei wichtig, sagt sie. Wichtiger aber ist Birgit Weiler die Arbeit mit und für die Awajún und die Wampi, die vergessenen Völker Südamerikas.

>> DANK FÜR HILFE NACH DEM KRIEG

Die Ursprünge des Hilfswerks Adveniat gehen auf den Hungerwinter 1946/47 in Deutschland zurück. Damals sammelten die Kirchen in Lateinamerika für hungernde Kinder und Alte im Nachkriegsdeutschland. Mit dem 1961 gegründeten Hilfswerk Adveniat wollten sich die katholischen Bistümer in Deutschland, darunter das Ruhrbistum, revanchieren. Adveniat hat seinen Sitz in Essen

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik