Brexit-Stratege

Brexit: So gefährlich ist der Mann, der Boris Johnson lenkt

Dominic Cummings, Berater von Boris Johnson.

Dominic Cummings, Berater von Boris Johnson.

Foto: TOBY MELVILLE / Reuters

Brüssel/London.  Dominic Cummings ist der Mann hinter Premier Boris Johnson und will den Brexit notfalls „mit der Kettensäge“ durchsetzen, sagt er.

Für seine Kritiker ist Dominic Cummings der „Lord der Finsternis“, der mit einem teuflischen Plan skrupellos das politische System Großbritanniens umkrempelt. Seine Bewunderer halten den hageren Chefberater von Premier Boris Johnson für ein Genie, mit dem der Brexit doch noch ein Erfolg wird.

An diesem Abend im Unterhaus ist Cummings aber vor allem, nun ja, angetrunken: Johnson hat gerade 21 ehrenwerte Abgeordnete aus der konservativen Tory-Fraktion geworfen, weil sie für das No-Deal-Verbot stimmten, und es war wohl Cummings, der seinen Boss dazu angetrieben hat.

Am Ende des Tages taumelt dieser Chefberater mit offenem Rüschenhemd und einem Plastikbeutel in der Hand wie ein „betrunkener Tourist“ durch Parlamentsflure zum Fahrstuhl, so schildert es die Abgeordnete Cat Smith. Als der derangierte Cummings Oppositionsführer Jeremy Corbyn entdeckt, ruft er ihm sehr laut zu: „Jeremy, lass uns die Wahl machen.“

Dominic Cummings leitete schon die erfolgreiche „Leave“-Kampagne

Die Szene sagt viel aus über den Mann, den sie in London als gefährlichen Zerstörer fürchten oder als Mastermind verehren: Cummings ist in den Kulissen der britischen Politik unkonventionell und ohne Scheu vor Regelverstößen unterwegs, der Stil erinnert an den früheren Trump-Berater Steve Bannon. Sein Auftrag lautet: Raus aus der EU. Und mit allen Mitteln rasch Neuwahlen einfädeln, Johnson mit einer gnadenlosen Kampagne zum Sieger machen.

Ob ihm das gelingt? Der Premier jedenfalls baut auf ihn: Cummings hat ja schon 2015/16 die erfolgreiche „Leave“-Kampagne beim Brexit-Referendum geleitet, Strategie und Slogans geprägt. Die Parole „Take back Control“, die die Sehnsucht der EU-Gegner auf den Punkt brachte, stammt von ihm.

Oder auch die Idee, Johnson damals mit einem „Vote Leave“-Bus auf die Reise zu schicken: Auf dem Bus stand in großen Buchstaben, Großbritannien zahle wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU, die man besser ins heimische Gesundheitssystem stecken solle. Die Zahl war falsch, setzte sich aber bei den Wählern fest. „Hauptsache, man hat darüber gesprochen“, so Johnson später. Einfach, emotional und notfalls erfunden – mit diesem Kampa­gnen-Rezept hatte Cummings Erfolg.

David Cameron nennt ihn einen „Karrierepsychopathen“

Dabei beschreibt sich der Strippenzieher selbst als „Idealisten“. Vor 47 Jahren im nordenglischen Durham geboren, wuchs Cummings in einer Mittelklassefamilie auf, studierte Geschichte in Oxford. Der Bewunderer von Otto von Bismarck versuchte vergeblich, eine Fluggesellschaft in Russland zu gründen, schloss sich später der Kampagne „Sterling for Business“ an, die sich erfolgreich gegen die Einführung des Euro im Königreich wehrte.

So wurde Beratung und Strategie sein Beruf: Der damalige Tory-Chef Duncan Smith heuerte ihn an, später Bildungsminister Michael Gove. Cummings gibt den radikalen Vordenker, in einem Aufsatz entfaltet er die Idee, Großbritannien in ein „Technopolis“ zu verwandeln, in dem die Besten die Herrschaft ausüben. Verrückt? Brillant? Schon damals scheiden sich die Geister.

Premier David Cameron nennt ihn einen „Karrierepsychopathen“. Doch als der exzentrische Boris Johnson am 24. Juli Regierungschef wird, engagiert er Cummings als Chefberater und Mitglied des Brexit-Kabinetts. Der räumt in Downing Street erst mal auf. Sein Umgangston ist harsch.

Kritiker werfen ihm ungehemmten Populismus vor

Er feuert Mitarbeiter, einmal ohne Absprache mit dem Finanzminister dessen Beraterin; die lässt er von der Polizei abführen, weil sie angeblich für ein Leck verantwortlich ist. „Wenn Ihnen mein Führungsstil nicht gefällt – da ist die Tür“, erklärt er Regierungsbeamten. „Fuck off!“ Seinem Ziel, den Brexit notfalls „mit der Kettensäge“ durchzusetzen und Neuwahlen zu erzwingen, ordnet er alles unter.

Das Parlament? Stört nur. Die Idee der langen Zwangspause wird ihm zugeschrieben, ebenso die Säuberungsaktion in der Tory-Fraktion. So gilt er Kritikern als treibende Kraft hinter Johnsons kompromisslosem Kurs – und mit seinem Angriff auf politische Institutionen als echte Bedrohung. Diskutiert wird der Verdacht, der Stratege wolle mit ungehemmtem Populismus das System in Richtung einer „illiberalen Demokratie“ umbauen, wie es Viktor Orbán in Ungarn vormacht.

Meisterstück oder Desaster – das ist noch offen

Premier John Major nennt Cummings einen Anarchisten, der die Regierung irreparabel zerstöre. Der geschasste Tory-Abgeordnete Philip Hammond warnt, Cummings wolle die Konservativen zu einer Sekte machen, die sich an Brexit und Nationalismus berausche – dabei sei er nicht einmal Parteimitglied. Bei den Tories häufen sich die Forderungen an den Premier, er solle seinen Strategen entlassen. Johnson reagiert nicht darauf.

Besser sie kritisieren seinen Berater als ihn selbst. In Downing Street sind sie ohnehin längst im Wahlkampfmodus. Cummings entwirft die Kampagne mit Brexit-Versprechen und sozialen Wohltaten, Johnson soll darin als tapferer Verteidiger des Volkswillens gegen eine unfähige Politikerelite glänzen. Es kann ihr Meisterstück werden – oder ihr gemeinsames Desaster.

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