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Die Grünen erleben mit Baerbock und Habeck einen Höhenflug

Grünen-Bashing: Das sagt Parteichef Habeck zu den drei schlimmsten Vorurteilen

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Berlin  Die Grünen mit der Doppelspitze Baerbock und Habeck wildern erfolgreich bei SPD und FDP. Doch können sie eine grüne Volkspartei werden?

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Am Ende beißt sie sogar in einen Hotdog. Eine Grüne, die Würstchen vom Discounter isst. Kein erhobener Zeigefinger, weil es kein Biofleisch gibt. Kein Gerede vom Veggie-Day. Das gefällt den Jugendlichen in Gera, mit denen

eineinhalb Stunden über die wenigen Bars für junge Menschen in der Stadt, Cannabis und die AfD gesprochen hat. Die Grünen-Vorsitzende hat beim Jugendrat vor allem Fragen gestellt und sich Notizen gemacht. Zwischendurch rät sie, Demonstrationen zu organisieren: „Was ihr machen könnt: wirklich laut sein.“

Emma Damerow, 18 Jahre, gerade mit dem Abitur fertig, Berufswunsch Kinderärztin, ist positiv überrascht. „Bei den Grünen denkt man immer: Öko-Latschen und unrealistische Ideen“, sagt sie. „Aber so ist sie ja gar nicht.“

Wieder ist die Rede von grüner Volkspartei

Annalena Baerbock ist auf Sommertour durch Deutschland, an diesem heißen Donnerstag in Thüringen trägt sie Kleid und Birkenstock-Sandalen. Öko-Latschen? Schon ein bisschen, auch wenn Birkenstocks seit einiger Zeit ziemlich angesagt sind. Und unrealistische Ideen? Das sehen viele Deutsche nicht mehr so.

Die Grünen erleben einen Höhenflug. Die kleinste Partei im Bundestag, die mit 8,9 Prozent bei der Wahl im September 2017 noch hinter der Linken lag, steht in der aktuellen Emnid-Umfrage bei 15 Prozent. Sie könnte sogar der SPD gefährlich werden, die nur noch bei 17 Prozent verortet wird. Wieder ist die Rede von der grünen Volkspartei, wie 2011, als die Partei nach der Atomkatastrophe in Fukushima in Umfragen auf 21 Prozent hochschoss.

Das nächste Jahr könnte für die Partei hart werden

Der Hype war nicht dauerhaft. Heute drücken die Grünen selbst ihren Anspruch akademischer aus: Man wolle die „führende Kraft der linken Mitte“ werden. In einem zersplitternden Parteiensystem ist das eine Kampfansage an die SPD. Wie nervös die ist, erkennt man daran, dass die SPD-Vorsitzende An­drea Nahles ihre eigenen Leute warnte: „Die Imitation der Grünen hilft uns nicht weiter.“

Baerbock (37) und ihr Co-Vorsitzender

(48) haben ihre Sommertour mit einer Überschrift versehen: „Des Glückes Unterpfand“, ein Halbsatz aus der deutschen Nationalhymne. Unterpfand heiße so etwas wie Garantie, erklärt Baerbock unterwegs immer wieder. Sie und Habeck besuchen Orte des Rechts, der Einigkeit und der Freiheit. Einigkeit bedeute, so Baerbock, heute so viel wie sozialer Zusammenhalt. Patriotismus und Soziales – das klingt schon wieder nach Volkspartei.

Nah an den Alltagssorgen wollen sie sein

In Eisenberg in der Nähe von Gera setzt sich Baerbock zur Altenpflegerin Birgit Zothe (53) in den weißen VW up! der Johanniter. Baerbock will wissen, wie Pflege in Deutschland funktioniert. Sie sieht eine Wohnung mit dröhnendem Fernseher und unzähligen Brandlöchern im Teppich. Und eine Wohnung mit Katzenkissen und vielen Fotos von den Enkelkindern. Die alten Menschen sind dankbar, wenn Birgit Zothe sie wäscht und ihnen ein Brot schmiert.

Baerbock stellt sich vor und schaut dann mit ernstem Blick zu, was Zothe macht. Einmal spricht Baerbock noch mit einer Frau, da steht Zothe schon an der Tür. Der Zeitdruck. Sie muss zum nächsten Patienten. Nah an den Alltagssorgen wollen die Grünen sein, nicht mehr nur die Lieblinge großstädtischer Akademiker.

Jamaika-Aus stürzte sie in eine Depression

Manfred Güllner, Chef des Umfrageinstituts Forsa, sieht die Basis für die neue Stärke der Grünen in ihrem pragmatischen Auftreten während der Jamaika-Sondierungen. „Sie wurden nicht mehr als linke Spinner wahrgenommen“, sagt Güllner. Und er sieht noch einen Trend: „Erstmals laufen ehemalige FDP-Wähler zu den Grünen über. Bisher gab es da eine klare Trennung.“ Die Ökopartei wird also nicht nur der SPD gefährlich.

Abzusehen war diese Entwicklung nicht. Das Jamaika-Aus stürzte die Grünen in eine Depression. Nach zwölf Jahren in der Opposition wollten sie endlich wieder regieren. Das neue Duo, im Januar gewählt, holte die Ökopartei aus dem Tief. Überall ist von Aufbruch die Rede. Und das ist nicht nur Habecks Verdienst, der in Schleswig-Holstein bereits stellvertretender Ministerpräsident war. Er und Baerbock funktionieren als Team. Die Chemie scheint zu stimmen zwischen der in Potsdam wohnenden Bundestagsabgeordneten, aufgewachsen in einem Dorf bei Hannover, und dem Schriftsteller aus dem Norden, der gern redet wie ein Philosophiestudent und in T-Shirts in Talkshows sitzt.

Flügel-Streitereien lähmten die Partei früher

Früher klappte das Zusammenspiel an der Grünen-Spitze oft nicht. Der Streit zwischen den Vorsitzenden Simone Peter aus dem linken Lager und

vom Realo-Flügel lähmte die Partei. Damit haben Baerbock und Habeck Schluss gemacht. Die beiden gemäßigten Realos betonen soziale Themen, wollen den Mindestlohn erhöhen und Hartz IV abschaffen, sie teilen sich ein Büro. Wenn sie keine Fehler machen, ist ihnen die Spitzenkandidatur bei der nächsten Bundestagswahl wohl nicht mehr zu nehmen. Dabei ist der vorerst abgetretene Özdemir populärer, im ZDF-„Politbarometer“ steht er gerade auf Platz zwei der beliebtesten Politiker.

Während bei den Grünen von Aufbruch die Rede ist, hängen die Gegner in den Seilen. Die SPD musste in die ungeliebte GroKo. Die Linke leidet unter den heftigen Streitereien zwischen Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und Parteichefin Katja Kipping. Und die FDP dümpelt nach der Jamaika-Absage im einstelligen Bereich.

In Bayern schon zweite Kraft

Die Landtagswahlen in Bayern und Hessen im Oktober müssen die Grünen – anders als die SPD – nicht fürchten. In Bayern stehen sie auf Platz zwei hinter der CSU, in Hessen, wo sie mit der CDU regieren, liegen sie stabil zweistellig. Doch 2019 könnte hart werden. Bei drei Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen droht den Grünen ein Rauswurf aus den Parlamenten wie zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern. Wie viel Aufbruch bleibt dann? Baerbock und Habeck werden im kommenden Jahr zum ersten Mal richtig kämpfen müssen.

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