Einzelhandel

Deutschlands Innenstädte handeln sich schlechte Noten ein

Neheim punktet bei Kunden aus dem ganzen Sauerland vor allem mit den guten Einkaufsmöglichkeiten, hat aber Defizite im gastronomischen Angebot.

Neheim punktet bei Kunden aus dem ganzen Sauerland vor allem mit den guten Einkaufsmöglichkeiten, hat aber Defizite im gastronomischen Angebot.

Foto: Hans Blossey

Neheim.  Das Kölner Institut für Handelsforschung hat in 116 Städten 60.000 Leute befragt. Während Neheim und Düsseldorf punkten, sind viele unattraktiv.

Viele deutsche Innenstädte sind heute nicht attraktiv genug, um morgen noch Kunden in die City zu locken. Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Befragung, die das Institut für Handelsforschung (IFH) aus Köln in den Fußgängerzonen von 116 Städten durchgeführt hat. „Die Durchschnittnote befriedigend plus ist deutlich zu wenig. Es müsste mindestens ein gut sein“, schlägt Markus Preißner vom IFH Alarm.

Eine Einkaufsmeile, die sich in den vergangen Jahren kontinuierlich positiv entwickelt hat, ist Arnsberg-Neheim. Mit der Note 1,9 gehört man gemeinsam mit Düsseldorf und Hilden aus Sicht der Befragten zu den drei attraktivsten Innenstädten in Nordrhein-Westfalen und lockt zahlreiche Besucher aus dem gesamten Sauerland an.

Für kleine Gemeinden wird es schwierig

Nach Expertenmeinung ist das Einkaufsangebot immer noch das entscheidende Kriterium für die Attraktivität. „Ohne Zweifel wird es hier für kleinere Gemeinden immer schwieriger“, sagt Thomas Frye, bei der Industrie- und Handelskammer Arnberg Experte für Standortfragen. Das liegt nicht allein am boomenden Onlinehandel, der im jüngsten Weihnachtsgeschäft erneut deutliche Zuwächse verzeichnen konnte – vor allem bei Elektronikwaren, aber auch beim Kauf von Spielzeug und Mode.

Demografie: Der traditionelle Kunde stirbt aus

Das Kölner Institut geht davon aus, dass nicht allein das Onlineangebot zum Umdenken zwingen wird. „Der Frequenzrückgang hat auch mit Demografie zu tun“, sagt IFH-Experte Preißner. Der traditionelle Kunde, der ausschließlich vor Ort einkauft, werde langfristig aussterben. Die Händler müssen also auch im Internet präsent sein und mehr Service bieten als in der Vergangenheit.

Bequemlichkeit ist Trumpf, auch beim Parken

Damit die Kunden dann tatsächlich in die Läden strömen, spielen weitere Kriterien eine Rolle, wie Sauberkeit und Sicherheit oder moderne Parkmöglichkeiten. „Es muss bequem sein, zu enge Parklücken schrecken ab und fördern den Kauf vom heimischen Sofa aus“, rät Preißner eine einladende Infrastruktur zu schaffen. Dazu gehört auch Ambiente bis hin zum Biergarten, einem Punkt, wo selbst Neheim noch reichlich Luft nach oben habe.

Die Zukunft des Einzelhandels hängt ganz wesentlich von der gesamten Attraktivität der Innenstädte ab – und die ist in vielen Fällen stark verbesserungsbedürftig, wie die Befragung gezeigt hat.

An zwei Septembertagen (Donnerstag und Samstag) wurden vom IFH insgesamt rund 60.000 Menschen auf den Einkaufsmeilen nach ihren Wünschen, Anregungen und Kritik befragt, unterstützt von Industrie- und Handelskammern, Einzelhandelsverbänden, dem Städte- und Gemeindebund und den Städten selbst. Benotet wurden zahlreiche Kriterien (siehe Info), auch die Ladenöffnungszeiten wurden benotet. „Hier ist es ganz wichtig, dass die Händler gemeinsam agieren, also die Öffnungszeiten aufeinander abstimme“, sagt Markus Preißner vom IFH, Mitautor der Studie.

Langfristig müsse das Gesamtpaket stimmen. Insbesondere für kleinere Städte wird es immer schwieriger, eine vielfältiges Angebot an Einkaufsmöglichkeiten aufrecht zu erhalten. In der Größenordnung um die 25.000 Einwohner sieht Thomas Frye, bei der IHK-Arnsberg Experte für Standortfragen, das größte Risiko.

Gewinner und Verlierer

Der Onlinehandel wird weiter wachsen, das wissen auch die Händler. Und viele von ihnen kennen eigentlich auch die Rezepte, um zu überleben: Besonderes anbieten, im Ladenlokal, aber auch in Form von Veranstaltungen, die Besucher zusätzlich anlocken. „Inhaber geführte Geschäfte werden dann weiter eine Zukunft haben, aber in der Regel nur, wenn sie auch online präsent sind“, warnt Preißner. Gemeint ist ein anderes Maß an Service als in der Vergangenheit. Wer sich nicht auf die durch Onlinegiganten geschürte Bequemlichkeit einlasse, werde auf lange Sicht Probleme bekommen. „Es wird Gewinner und Verlierer geben“, so Preißner. Die Befragungsergebnisse des IFH bieten für die Teilnehmenden Städte recht gute Hinweise darauf, was die Besucher über sie denken – und da gibt es eben in zu vielen Städten miese Noten. Dass bei weitem nicht alle Städte mitmachen hält Preißner für mindestens „grob fahrlässig“.

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