Zucker

Zuckersteuer: Höhere Preise sollen Lust auf Süßes mindern

Der Berufsverband der Kinderärzte will Kinder und Familien vor überzuckerten Produkten abschrecken.

Der Berufsverband der Kinderärzte will Kinder und Familien vor überzuckerten Produkten abschrecken.

Foto: Oliver Berg / dpa

Essen/Düsseldorf.  Kinderärzte, Ernährungspsychologen und Foodwatch fordern eine Abgabe auf Zucker. Gerade bei Teenagern könnte sie große Wirkung erzielen.

Für Kinderarzt Dirk Straub ist der Großteil des Praxisalltags längst „Übergewichtsberatung“ – und das teils mit „frustrierenden Ergebnissen“, wie der niedergelassene Arzt aus Essen erzählt. „Wochen nach dem Gespräch hat ein Kind dann häufig zugenommen, statt abgenommen.“ Dass zu dicke Kinder bei ihm im Behandlungszimmer Platz nehmen, habe Straub im letzten Jahrzehnt immer häufiger erlebt – „und zwar vom Kleinkind bis zum Jugendlichen.“ Für ihn ist klar: „In der Politik muss dringend etwas passieren.“

Ein Vorschlag haben Straubs Kollegen vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) nun vorgelegt. Der Verband fordert zur Vorbeugung von Übergewicht und Fettleibigkeit bei Heranwachsenden nun eine Zuckersteuer. „Durch die Einführung von Zucker-Abgaben und damit höheren Preise vergeht den Verbrauchern die Lust auf Süßes“, teilt BVKJ-Präsident Thomas Fischbach mit Blick auf Länder wie Mexiko, Frankreich, Finnland, Ungarn und Großbritannien mit – Staaten, die längst Abgaben auf Zucker eingeführt haben.

Übergewicht ist eine Frage des Alters

Der Düsseldorfer Kinderarzt und BVKJ-Sprecher Hermann Josef Kahl ergänzt: „Eine Zuckersteuer kann zwar nur ein Mosaikstein im Kampf gegen Übergewicht sein.“ Aber gerade in bildungsferneren Familien, in denen Übergewicht häufiger auftrete, könnten höhere Preise für zuckerhaltige Lebensmittel eine spürbare Lenkungswirkung entfalten.

Nach jüngsten Zahlen waren im Jahr 2017 in Nordrhein-Westfalen fast sechs Prozent der insgesamt rund 152.000 Kinder bei Schuleingangsuntersuchungen übergewichtig, weitere 4,4 Prozent waren adipös. Die Werte waren seit dem Jahr 2007 sogar etwas zurückgegangen. Dass Übergewicht mit fortschreitendem Alter allerdings eine immer größere Rolle spielt, zeigen jüngste Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) liegt der Anteil von übergewichtigen drei- bis sechs-jährigen Mädchen demnach bundesweit bei 10,8 Prozent und bei Jungen bei 7,3 Prozent. Er steigt auf 16,2 Prozent bei den 14- bis 17-jährigen Mädchen und auf 18,5 Prozent bei den Jungen dieses Alters.

Vorschlag: Zuckersteuer soll direkt in Vorbeugung fließen

Dass eine Zuckersteuer auch Jugendliche abschrecken könnte, glaubt man beim Adipositas Zentrum NRW, in dem Kliniken aus Bochum, Hattingen, Herne und Castrop-Rauxel zum Zwecke der Behandlung von Übergewicht vernetzt sind. „Zuckerhaltige Lebensmittel machen uns geradezu süchtig, sie sprechen unsere Sensoren so sehr an, dass uns der Staat davor eigentlich schützen müsste“, sagt der Bochumer Ernährungspsychologe Uwe Machleit.

Sein Vorschlag: Das eingenommene Geld durch eine Zuckersteuer soll direkt in die Vorbeugung von Übergewicht fließen. Gezielte Sprechstunden für Ernährungsprävention oder Aufklärungsarbeit an Schulen: „So etwas bekommen Ärzte nicht bezahlt, dafür bräuchte es eine Anschubfinanzierung, die man über die Zuckersteuer ermöglichen könnte“, so Machleit. Die Steuer sieht der Psychologe aber auch nur als einen ersten Schritt: „Der Staat sollte grundsätzlich darüber nachdenken, für gesunde Lebensmittel eine geringere Mehrwertsteuer zu erheben.“

Die Verbraucherorganisation Foodwatch drängt indes insbesondere auf eine „Limosteuer“ wie in Großbritannien, wo Hersteller zur Kasse gebeten werden, wenn ihre Getränke einen Zuckergehalt von fünf Gramm je 100 Milliliter überschreiten. „Beim Trinken solcher Getränke nimmt man Kalorien ohne Sättigungseffekt zu sich“, mahnt ein Sprecher von Foodwatch gegenüber unserer Redaktion.

Zuckerwirtschaft: Kalorienbilanz ist das Problem

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels ist skeptisch gegenüber einer Zuckersteuer. „Es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel. Auf die Bildung von Übergewicht haben viele Faktoren Einfluss, vor allem aber ist es eine Frage der Kalorienbilanz“, sagt Sprecher Christian Böttcher. Ähnlich sieht das die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ). „Anstatt einer Scheinlösung wie der Zuckersteuer brauchen wir wirksame Maßnahmen: die Aufklärung der Verbraucher über die Bedeutung der Kalorienbilanz sowie eine Kalorienangabe auf der Packungsvorderseite“, fordert WVZ-Geschäftsführer Günter Tissen.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) setzt auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelwirtschaft, bis Ende 2025 die Zucker-, Fett- und Salzgehalte in Produkten herunterzufahren. In Frühstückscerealien soll bis dahin z. B, mindestens 20 Prozent weniger und in Erfrischungsgetränken und Kinderjoghurts mindestens 15 bzw. 10 Prozent weniger Zucker enthalten sein.

Gesundheitsministerium mit Kita-Programm

Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium verweist auf Nachfrage darauf, dass sich das Haus von Minister Karl-Josef Laumann an der Finanzierung der Landesprogramme „Anerkannter Bewegungskindergarten mit dem Pluspunkt Ernährung“ sowie „Bildung und Gesundheit“ beteilige. Das Kindergartenprogramm sei ein zentrales Projekt zur „Vermeidung von Übergewicht und Adipositas“. Es richte sich besonders an Kitas mit einen hohen Anteil von Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Die Einrichtungen sollen unter Einbeziehung der Eltern mit Blick auf Ernährung und Bewegung zu einer gesundheitsgerechten Kindertagesstätte aufgebaut werden. Das Projekt laufe seit 2005 erfolgreich und sei 2015 nochmal ausgebaut worden.

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