Steuern

Hattingen vorne: So fix arbeiten die Finanzämter im Revier

In Hattingen warten Steuerpflichtige laut einer Darstellung des privaten Dienstleisters Lohnsteuer-Kompakt nur 36 Tage, bis sie ihren Steuerbescheid erhalten - ein regionaler Spitzenplatz.

In Hattingen warten Steuerpflichtige laut einer Darstellung des privaten Dienstleisters Lohnsteuer-Kompakt nur 36 Tage, bis sie ihren Steuerbescheid erhalten - ein regionaler Spitzenplatz.

Foto: Volker Speckenwirth

Essen.   Vier bis sechs Wochen müssen wir auf den Steuerbescheid warten. In Hattingen sind Finanzbeamte schneller – in Bochum-Mitte ist Geduld gefragt.

Hattingen mag besonders bekannt für seine hübschen Fachwerkhäuser sein, die in der Innenstadt für eine urlaubshafte Atmosphäre von Gemütlichkeit sorgen. Und doch steht genau in Hattingen auch eine Behörde, die so fix arbeitet ist wie keine andere in der Region: das Finanzamt Hattingen.

Von allen Finanzämtern im Ruhrgebiet ist die Hattinger Behörde die schnellste. Durchschnittlich nur 36,1 Tage vergehen dort zwischen dem elektronischen Absenden einer Steuererklärung und dem Zusenden des Steuerbescheids. Das geht aus einer Auflistung des privaten Dienstleisters Lohnsteuer-Kompakt hervor, die an diesem Montag veröffentlicht wird. Das Unternehmen vergleicht die Bearbeitungsdauer in über 500 Finanzämtern bundesweit anhand von über 300.000 Daten seiner Kunden, die über die Software Lohnsteuer-Kompakt ihre Steuererklärung gemacht haben.

Schnellstes Amt bundesweit steht in NRW

Demnach belegt Hattingen im deutschlandweiten Vergleich den Platz 5. Ein steiler Aufstieg: 2016 lag die Behörde in der Revierkommune noch auf Platz 202. Das zweitschnellste Finanzamt des Ruhrgebiets steht in Herne, wo die Bearbeitungsdauer bei 36,8 Tagen liegt. Besonders geduldig müssen derweil Steuerzahler in Bochum-Mitte sein: Dort warten Bürger durchschnittlich 78,5 Tage, bis der Steuerbescheid vorliegt – mehr als doppelt so lange wie in Hattingen.

Das schnellste Finanzamt des Landes NRW steht laut der Darstellung außerhalb des Ruhrgebiets. In Wuppertal-Barmen liegt die Bearbeitungsdauer bei durchschnittlich 34,3 Tagen. Damit ist Wuppertal-Barmen laut Lohnsteuer-Kompakt auch die schnellste Finanzbehörde im Bund.

Steuerpflichtige in NRW warten im Schnitt 51,5 Tage

Bundesweit am längsten brauchten 2018 indes die Finanzbeamten des hessischen Finanzamtes Hersfeld Rotenburg (Verwaltungsstelle Bad Hersfeld) mit einer durchschnittlichen Bearbeitungsdauer von 89,6 Tagen. Steuerpflichtige müssen dort also im Schnitt gut drei Monate auf eine Steuererstattung warten.

Blickt man auf die Bundesländer, wird die Geduld der Steuerzahler in NRW vergleichsweise wenig auf die Probe gestellt. Die nordrhein-westfälischen Finanzämter stehen mit durchschnittlich 51,5 Tagen Bearbeitungsdauer an vierter Stelle der 16 Länder. Kein anderes großes Bundesland ist schneller, die Plätze eins bis drei belegen das Saarland, Berlin und Hamburg.

Krankenstand oder neue System können Gründe sein

Die von Behörde zu Behörde sehr unterschiedlichen Bearbeitungszeiträume können ihren Grund in der Personalsituation haben, sagt Hans-Ulrich Liebern, Sozialwissenschaftler Geschäftsführer des Bundes der Steuerzahler in NRW. „Das können kurzfristig hohe Krankenstände oder eine höhere Zahl unbesetzter Stellen sein“, so der Steuerfachmann.

Weitere Gründe seien neueingeführte Computersysteme oder Umzüge von Finanzämtern, die den regulären Ablauf verzögern. Durchschnittliche dauere es vier bis sechs Wochen, bis eine Steuererklärung bearbeitet sei. „80 bis 90 Prozent der Steuererklärungen werden automatisch bearbeitet, die gehen so durch“, sagt Liebern. Die Beschäftigten der Finanzämter prüfen sie also nicht gesondert, es sei denn, Unregelmäßigkeiten fallen auf.

Behörden sind insgesamt etwas langsamer geworden

Auch insgesamt sind die Finanzbehörden in Deutschland bei der Bearbeitung der Steuererklärungen langsamer geworden, wie die Auswertung von Lohnsteuer-Kompakt nahelegt. Der bundesweite Schnitt liege bei 56,1 Tagen und sei somit 0,7 Tage langsamer als im Vorjahr, sagt Felix Bodeewes, Geschäftsführer von Lohnsteuer-Kompakt. Im Vergleich zur bundesweiten durchschnittlichen Dauer im Jahr 2015 habe sich die Bearbeitungszeit sogar um 3,6 Tage verlangsamt.

„Für Steuerpflichtige ist es ärgerlich, dass die Bearbeitungsdauer der Steuererklärungen im Schnitt immer länger wird“, so Bodeewes. „Letztendlich geben die meisten Beschäftigten dem Staat ein zinsloses Darlehen, dessen Laufzeit sich jedes Jahr verlängert.“ Gründe für die Verzögerungen seien auch demografischer Natur: „Unsere Gesellschaft verändert sich, wir haben mehr Single-Haushalte, Paare sind seltener verheiratet, mehr Rentner müssen eine Steuererklärung machen. Das erhöht die Anzahl der Steuererklärungen“, so Bodeewes. Erst nach sechs Monaten haben Steuerzahler die Möglichkeit, einen Untätigkeitseinspruch zu stellen.

Finanzministerium nennt keine Zahlen

Basis der am Montag veröffentlichten Daten sind ausschließlich Steuererklärungen, die über die Software von Lohnsteuer-Kompakt elektronisch gemacht worden sind. Sie sind also nicht repräsentativ. Allerdings bietet diese Aufstellung aktuell die einzige Vergleichbarkeit der Bearbeitungsdauer für Bürger in NRW.

Der Bund der Steuerzahler versuchte bisher vergeblich, die durchschnittliche Bearbeitungsdauer der Finanzämter in NRW aus dem zuständigen Finanzministerium zu erfahren. Zuletzt hat es laut Steuerzahlerbund geheißen, die Behörden benötigten zwischen sechs Wochen und sechs Monaten. Deshalb liegt NRW beim Ranking der Bundesländer, die der Verein alljährlich im März veröffentlich, in der Regel auf dem letzten Platz.

Tipp: Fristen nicht ausreizen

Steuerzahler können sich zwar nicht aussuchen, bei welchem Finanzamt sie ihre Steuererklärung abgeben. Trotzdem glaubt Felix Bodeewes, den Steuerpflichten mit dem Ranking einen Gefallen zu tun. „Viele rechnen ihre Steuerrückzahlungen fest in ihre Finanzplanung ein. Da hilft es zu wissen, wann die Rückzahlung zu erwarten ist.“ Laut Bund der Steuerzahler bekommt ein Bundesbürger im Durchschnitt 935 Euro vom Fiskus erstattet, wenn er eine Einkommensteuererklärung abgibt.

Auch wenn Steuerpflichtige letztlich der Schnelligkeit oder Langsamkeit eines Finanzamtes ausgeliefert sind – sie können die Bearbeitungsdauer auch beeinflussen, meint Hans-Ulrich Liebern vom Bund der Steuerzahler NRW. Er rät dazu, die Steuererklärung möglichst schnell abzugeben. „Wenn alle die gesetzlichen Fristen ausreizen, häufen sich die Erklärungen in den Ämtern, was die Bearbeitung verzögern kann“, sagt Liebern. Ob die Steuererklärungen elektronisch oder per Hand ausgefüllt werden, mache indes keinen Unterschied mehr.

Leserkommentare (6) Kommentar schreiben