Corona

Corona: Trotz vieler Toter vertrauen Schweden der Regierung

Pflicht ist die Maske nicht, aber viele tragen sie – wie diese Frau an einer Bushaltestelle in Stockholm. Daneben die Hinweisschilder für mehr Distanz

Pflicht ist die Maske nicht, aber viele tragen sie – wie diese Frau an einer Bushaltestelle in Stockholm. Daneben die Hinweisschilder für mehr Distanz

Foto: Stina Stjernkvist / AFP

Stockholm.  Schweden geht in der Pandemie einen Weg der moderaten Einschränkungen. Diesem Weg sind die Skandinavier treu geblieben, trotz vieler Toter.

Eigentlich hat sich seit Beginn der Pandemie in Schweden nicht viel verändert. Was im März und April galt, gilt jetzt immer noch. Der Staat bittet die Bevölkerung, Abstand zu halten, sich regelmäßig die Hände zu waschen, auf unnötige Reisen zu verzichten und zu Hause zu arbeiten. In Schweden hat man von Anfang an auf Maßnahmen gesetzt, die sich über Monate, wenn nicht Jahre durchhalten lassen. In Restaurants darf weiter nicht am Tresen bestellt werden, Zusammenkünfte von mehr als 50 Leuten sind nach wie vor nicht gestattet. Es gibt aber auch keine Maskenpflicht, und die Schulen bleiben offen. Einzig in Pflegeheimen wurde das Besuchsverbot seit 1. Oktober wieder gelockert. Allerdings gab es letzte Woche in einigen Einrichtungen neue Infektionsfälle, so dass die Lockerungen teils schon wieder kassiert worden sind.

Die schwedische Regierung hat immer an seine Bevölkerung appelliert, nie auf Verbote gesetzt. Diese Appelle sind nun erneut variiert und emotionalisiert worden. So heißt es auf Bildschirmen in den Bussen: „Arbeite zu Hause, wenn Du kannst! Benutze keine öffentlichen Verkehrsmittel, wenn Du nicht musst!“, Fahr mit dem Fahrrad zu Arbeit!, Mach es für Deine Oma!“

Ansteckung durch Partys und in Büros

Jetzt, zum Herbst, werden die Busse und Bahnen aber wieder voller. Und Schweden hat genau wie andere Länder mit höheren Infektionszahlen zu kämpfen, wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau. Laut offiziellen Angaben liegt das an Studenten-Partys, Familienfesten, Sportvereinen und der Rückkehr von Menschen in die Büros.

In der vergangenen Woche hat Schweden nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität 4168 neue Infektionsfälle und elf Todesopfer registriert.

Sollte der steigende Trend anhalten, sind laut Staatsepidemiologen Anders Tegnell auch in Schweden die Maskenpflicht und Lockdowns mit Schulschließungen denkbar, allerdings nur lokal begrenzt, etwa in einzelnen Stadtteilen und nicht länger als zwei oder drei Wochen. Schulbesuch hat oberste Priorität.

Der Grund dafür ist der ganzheitliche Ansatz der schwedischen Gesundheitspolitik. Der Schutz vor Krankheiten wird immer auch im Zusammenspiel mit anderen Risiken für die Gesundheit bedacht. So könne ein Lockdown hohen psychologischen Schaden anrichten und zu Alkoholmissbrauch führen.

Auch hätten Kinder ein Recht auf Bildung. Für manche von ihnen sei der Schulbesuch damit verbunden, wenigstens einmal am Tag ein warmes Essen zu bekommen. All das sind Erwägungen, die auch zu einer gänzlich anderen Quarantäne-Regelung für Kinder führen. Wenn jemand positiv getestet wird, wird sein gesamter Haushalt unter Quarantäne gestellt, aber Schulkinder sind davon ausgenommen.

Weniger Abschottung, Bildung wichtig

Denn die Regierung meint, dass die Gewinne aus der Abschottung niedriger sind als der Schaden für die Bildung der Kinder, wenn sie nicht zur Schule dürfen. Außerdem dauert die Isolation nur fünf bis sieben Tage, verglichen mit zwei Wochen etwa in Deutschland. Die Handlungsmaxime lautet: Das Risiko, die Krankheit in der zweiten Woche zu verbreiten, ist gering. Der Schaden aber für die psychische Gesundheit durch eine längere Isolation ist ungleich höher. Schwedens Sonderweg ist kurz gesagt: Risikogruppen schützen, medizinische Versorgungseinrichtungen nicht überstrapazieren, damit genug Intensivbetten frei bleiben und Virusinfektionen durch Verhaltensänderungen vermeiden. Die Gesundheitsbehörde mit dem Epidemiologen Tegnell hat niemals das Ziel ausgegeben, eine Herdenimmunität erreichen zu wollen, hat aber auch gesagt, wir müssen einen Weg finden, mit dem Virus zu leben. Viele, viel zu viele, lautet die Kritik aus dem Aus- aber auch Inland, konnten nicht damit leben.

Rund 6000 Menschen sind durch das Virus gestorben im Vergleich mit anderen Ländern immer noch eine beängstigend hohe Zahl, gemessen an der Einwohnerzahl von 10,2 Millionen. Mehr als 5200 der Verstorbenen war über 70 Jahre alt.

Covid-19 hat den Schweden die Augen geöffnet für ihre teils katastrophale Situation in der Altenpflege, wo prekär Beschäftigte, die nicht auf ihre Arbeit verzichten konnten, das Virus eingeschleppt hatten. Die Politik hat gehandelt und den Pflegekräften vielfach ordentliche Arbeitsverträge gegeben. Der Preis dafür war allerdings sehr hoch. Laut Berichten hat besonders die Vorgabe, genug Intensivbetten freizuhalten, Heime und Kliniken dazu veranlasst, Menschen sterben zu lassen, anstatt ihnen zu helfen.

Volvo und Scania laufen wieder

Während das Virus inzwischen wieder den gesamten europäischen Kontinent in die Zange nimmt, bleibt es in Schweden eher ruhig. Seit August sind die Todeszahlen pro Tag einstellig, an manchen vermeldete das Land keinen einzigen Toten. Die Nachrichten beginnen nicht mit Meldungen über Infektionen, sondern beschäftigen sich eher mit einem Streit um die Lockerung des Kündigungsschutzes, der die Regierung zu Fall bringen könnte.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die nationale Gesundheitsversorgung ist laut einer aktuellen Umfrage der Universität Göteborg von 68 auf 88 Prozent gestiegen. Das Parlament konnte als Institution den höchsten Vertrauensanstieg verzeichnen und liegt nun bei 59 Prozent Zustimmung.

Auch die Wirtschaft wirkt wieder optimistischer. Die großen Fahrzeugbauer wie Volvo und Scania haben ihre beurlaubten Mitarbeiter wieder komplett zurück in die Fabriken geholt. Ikea hat – dank des florierenden Online-Handels – sogar bis zum Ende des Geschäftsjahres im August mehr Umsatz in Schweden gemacht als im Vorjahr. Der Rückgang des Bruttoinlandprodukts wird 2020 von Experten auf vier Prozent eingeschätzt, gefolgt von einer starken Erholung im Jahr 2021, die indes unter dem Vorbehalt steht, die Pandemie unter Kontrolle zu behalten.

Kauf von Alkohol ist reglementiert

Weitere Daumenschrauben wie Sperrstunden oder Alkoholverkaufsverbote werden dafür nicht nötig sein. Denn Kneipen haben etwa in der Hauptstadt Stockholm eh nicht länger als bis 23 Uhr auf. Alkohol gibt es nur in staatlichen Alkoholläden zu kaufen, die unter der Woche um 19 Uhr schließen und am Samstag bereits um 15 Uhr. Beschwipstes Beisammensein mit der Gefahr, sich anzustecken, muss im privaten Bereich also genau geplant und gewollt sein. Spontan noch ein paar Biere holen wie in Berlin, gab es in Schweden noch nie. Das ist in diesen Zeiten aber vielleicht auch gesünder – in jeglicher Hinsicht.

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