Covid-19-Pandemie

Corona-Krise: Wie lange halten Deutschlands Kliniken durch?

Coronavirus im Elsass: "Wir sind auf so eine Welle nicht vorbereitet"

Das Elsass ist derzeit ein Krisengebiet. In der ostfranzösischen Region sind aufgrund der Corona-Pandemie die Krankenhäuser überlastet, Patienten werden in andere Regionen Frankreichs und nach Deutschland verlegt. AFPTV hat Einblick in ein Krankenhaus in Colmar bekommen.

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Berlin.  Steigt die Zahl der Coronakranken weiter stark an, werden Betten und Beatmungsgeräte knapp. Experten warnen vor harten Entscheidungen.

Triage ist das Wort, das die nächsten Wochen in der Corona-Krise prägen wird: Triage heißt das Prinzip aus der Katastrophenmedizin, nach dem Ärzte im Notfall entscheiden müssen, wer behandelt wird und wer sterben muss. Wenn die medizinischen Möglichkeiten nicht für alle reichen. In Norditalien, in Straßburg, in New York erleben sie das schon. Noch reichen in Deutschland Intensivbetten und Beatmungsgeräte. Doch Experten bereiten das Land darauf vor, dass es zu dramatischen Lagen kommen kann.

„In zwei bis vier Wochen werden wir möglicherweise den Höhepunkt der Infektionszahlen erreichen. Dann werden die Kliniken in einigen Regionen über die Belastungsgrenze kommen“, sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) unserer Redaktion.

Auch Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, wird deutlich: Man müsse damit rechnen, dass die Kapazitäten nicht ausreichten. Es sei nicht auszuschließen, „dass wir hierzulande ebenfalls mehr Patienten als Beatmungsplätze haben“, sagte Wieler im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Das hieße: Ärzte müssten entscheiden, wer beatmet wird und wer nicht.

Coronavirus: So ist die Situation in den Krankenhäusern

Regional ist die Lage sehr unterschiedlich. Die einen arbeiten bereits an ihrer Belastungsgrenze – die anderen fühlen sich wie bei einer Tsunami-Warnung: Noch ist es ruhig, aber niemand weiß, wie gewaltig die Welle wird.

Weil viele Kliniken planbare Operationen abgesagt haben und ganze Abteilungen, etwa psychiatrische Stationen, komplett zu Covid-19-Stationen umgebaut haben, stehen im Augenblick zahllose Intensivbetten leer. Etliche Kliniken können deswegen Patienten aus Frankreich oder Italien aufnehmen – aus Solidarität mit den überlasteten Kollegen im Ausland, aber auch deshalb, weil sich deutsche Kliniken so auf die Versorgung von Covid-19-Patienten vorbereiten können.

Doch was ist, wenn dann die Welle kommt – und zwar an vielen Orten in Deutschland gleichzeitig? Um überlastete Kliniken vor dem Kollaps zu schützen, fordert Intensivmediziner Janssens die Einrichtung einer zentralen Regierungsstelle, die in einem solchen Fall die Patienten bundesweit auf weniger ausgelastete Kliniken verteilt.

Dabei sollten das Robert-Koch-Institut, das Gesundheitsministerium, das Innenministerium und die Bundeswehr beteiligt werden. Damit eine solche länderübergreifende Verteilung funktioniere, müssten Kliniken mit Intensivstationen staatlich verpflichtet werden, ihre Kapazitäten im bundesweiten Intensivregister der DIVI zu melden. „Von den rund 1160 Kliniken haben bislang erst etwa 700 Häuser freie und belegte Intensivbetten gemeldet.“

Was passiert, wenn die Beatmungsgeräte nicht für alle reichen?

In Neuruppin zum Beispiel, 80 Kilometer von Berlin entfernt, hat das Krankenhaus rund 800 Betten, aber nur eine Handvoll Beatmungsgeräte. Sollte die Zahl der Patienten, die wegen einer schweren Lungenentzündung künstlich beatmet werden müssen, zu groß werden, könnten die Ärzte versuchen, diese Patienten auf andere Kliniken zu verlegen.

So, wie es in anderen Regionen bereits passiert ist: In der Uniklinik Aachen etwa werden Patienten aus dem Kreis Heinsberg versorgt, weil die dortigen Kapazitäten nicht reichten. Erst dann, wenn keine Verlegung möglich ist, stehen Ärzte vor der Frage, welcher Patient an die Lungenmaschine kommt – und wer nur noch palliativ, also Leid lindernd versorgt wird. Heißt: Wer nur noch Sterbebegleitung bekommt.

Doch wie entscheiden Ärzte, welcher Patient leben darf und wer sterben muss? In der vergangenen Woche hatten sieben medizinische Fachgesellschaften eine Handlungsempfehlung für Ärzte formuliert. Das Wichtigste: In Deutschland soll nicht das Alter des Patienten ausschlaggebend sein – sondern die Frage, wer die größeren Heilungschancen hat.

Ein ansonsten gesunder 85-jähriger hätte so deutlich größere Chancen auf künstliche Beatmung als ein mehrfach vorbelasteter 64-Jähriger. Und: Die Entscheidung soll im Sechs-Augen-Prinzip fallen – kein Arzt soll die Bürde allein tragen. Zudem soll die Zuteilung knapper Beatmungsgeräte nicht nur unter Covid-19-Patienten erfolgen – sondern unter allen Patienten, die eine solche Intensivbehandlung benötigen.

Für Ärzte ist das im Übrigen kein komplett ungewohnter Gedanke: Notfallmediziner sind darin ausgebildet, im Katastrophenfall, etwa bei Massenunfällen, innerhalb weniger Minuten zu unterscheiden, welcher Patient schnell versorgt werden muss, welcher kurz noch warten kann und bei wem die Verletzungen so groß sind, dass nur noch das Sterben begleitet werden kann.

Warum ist es so schwer, genug Geräte und Schutzausrüstung zu beschaffen?

Nach Schätzungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) gibt es bundesweit etwa 20.000 Beatmungsgeräte – von einfachen Geräten, die per Gesichtsmaske funktionieren, bis zu hochspezifischen Geräten, bei denen Patienten intubiert, also per Schlauch versorgt werden.

Weil das im Ernstfall nicht ausreicht, hat die Bundesregierung 10.000 Beatmungsgeräte beim deutschen Medizintechnik-Hersteller Dräger bestellt – Lieferzeit: bis Ende des Jahres. Auch andere Hersteller haben ihre Produktion hochgefahren, sogar Autobauer wollen jetzt ins lukrative Geschäft einsteigen.

Staubsaugerbauer sattelt auf Beatmungsgeräte um
Staubsaugerbauer sattelt auf Beatmungsgeräte um

Da es aber viel zu lange dauert, bis genügend neue Hightech-Apparate auf den Markt kommen, suchen Entwickler weltweit nach einfacheren Lösungen für Beatmungsgeräte – die sich aber erst noch im Klinikalltag bewähren müssen.

Neben Beatmungsgeräten und Schutzmasken bereitet Experten unterdessen die nächste Versorgungslücke Sorgen: „Große Probleme gibt es jetzt mit den Schutzkitteln. Eine durchschnittliche Universitätsklinik braucht pro Tag etwa 6000 Einmalkittel. Wenn es hier nicht schnell Nachschub gibt, ist die Versorgung an vielen Stationen bald nicht mehr möglich“, warnt Intensivmediziner Janssen.

Hart rechnet er mit der Politik ab: „Die Corona-Krise hat uns nicht überrascht. Sie war bereits im Januar absolut vorhersehbar. Die Regierungen in Bund und Ländern hätten die klaren Signale früher wahrnehmen müssen, um dann entsprechende Maßnahmen einzuleiten.“

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