Corona-Pandemie

Lauterbach fordert Verlängerung des Wellenbrecher-Lockdowns

Lockdown in Deutschland: das sind die neuen Regeln

Vom 2. bis 30. November 2020 wird in Deutschland ein "Lockdown Light" verordnet: Kultureinrichtungen und Bars schließen, Friseure, Groß- und Einzelhandel bleiben offen, Von Reisen wird abgeraten, doch die Kinder dürfen zur Schule gehen. Alle Einzelheiten zu den neuen Verordnungen finden Sie hier.

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Berlin.  Gesundheitsexperte Karl Lauterbach plädiert in der Corona-Zeit für Klassenteilung, Homeschooling und besondere Regeln für Weihnachten.

  • In der Corona-Krise meldet sich SPD-Politiker Karl Lauterbach regelmäßig zu Wort
  • Im Interview mit unserer Redaktion warnt der Epidemiologe vor der Gefahr, die von Schulen ausgeht
  • Zudem hält er den Lockdown für alternativlos

Er hat das Ohr der Kanzlerin: Karl Lauterbach , Mediziner und SPD-Politiker, gilt als Erfinder des Wellenbrecher-Shutdowns . Aber was kommt nach dem November? Am Montag schaltet sich Angela Merkel wieder mit den Ministerpräsidenten zusammen. Lockerungen sind ausgeschlossen, sagt Lauterbach im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Lauterbach, reicht der November-Lockdown, um die zweite Corona-Welle zu brechen?

Karl Lauterbach: Ich bin von der Entwicklung in den letzten Tagen etwas enttäuscht. Der Wellenbrecher-Shutdown war absolut notwendig und ist keine Sekunde zu früh gekommen. Die Fallzahl konnte jetzt stabilisiert werden, befindet sich aber weiter auf einem sehr hohen Niveau. Daher bin ich skeptisch, ob wir unser Ziel – weniger als 50 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen – mit den getroffenen Maßnahmen erreichen.

Große Sorge bereitet mir die Entwicklung an den Schulen. Wir erleben eine Verlagerung des Pandemiegeschehens auf das Schulalter. Der Wellenbrecher-Shutdown wird nicht ausreichend funktionieren, wenn wir das, was wir bei den Erwachsenen gewinnen, bei den Kindern wieder verlieren.

Kinder sind keine Virenschleudern – gilt dieser Satz nicht mehr?

Lauterbach: Wir sollten die Schulen auf jeden Fall offen halten. Das schulden wir den Kindern. Was im Frühjahr geschehen ist, darf sich nicht wiederholen. Aber die Art und Weise, wie die Schulen jetzt betrieben werden, ist nicht sicher genug.

Wir wissen schon seit einem halben Jahr, dass Kinder andere Kinder und auch Erwachsene infizieren. Kinder im Alter von 10 bis 19 sind so ansteckend wie Erwachsene. Der Betrieb von Schulklassen mit 30 Kindern, die ohne Maske nah beieinandersitzen, ist nicht sicher – selbst dann, wenn man versucht, alle 20 Minuten zu lüften. Daher müssen wir uns bei den Schulen ehrlich machen.

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Soll heißen?

Lauterbach: Die Zahl der neu infizierten Kinder ist zehnmal so hoch wie im Frühjahr. Wir kommen in eine Situation hinein, wo der Schulbetrieb für Kinder, Lehrer, Eltern und Großeltern zu einem hohen Risiko wird. Daher rate ich dringend zu drei Maßnahmen, um die Schulen anders zu betreiben.

Erstens sollte im Winter durchgehend mit Maske unterrichtet werden – mit Ausnahme von Grundschulen. Zweitens sollten mobile Luftfilteranlagen bereitgestellt werden, die sehr viel wirksamer sind als das regelmäßige Lüften. Die Anschaffung lohnt sich. Auch im Herbst 2021 werden wir sie noch brauchen. Und drittens – das ist die wichtigste Maßnahme – sollten die Klassen aufgeteilt werden. Auf diese Weise reduzieren wir den Schulausfall um zwei Drittel.

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Welche Obergrenze soll für Schulklassen gelten?

Lauterbach: Wir sollten es den Schulen überlassen, wie sie die Klassen teilen: ob sie den Unterricht auf den Vormittag und den Nachmittag verteilen oder bestimmte Gruppen nur jeden zweiten Tag unterrichten. Oder ob sie Präsenzunterricht und Homeschooling im wöchentlichen Wechsel anbieten. Wir hatten jetzt acht Monate Zeit, die Teilung der Schulklassen und ein wirkungsvolles Homeschooling vorzubereiten. Daher ist es sehr schwer erklärbar, dass man immer noch darauf hofft, es mit Maskentragen und Lüften zu schaffen. Einige Schulen setzen sogar allein auf das Lüften. Das kann nicht funktionieren.

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In einigen Bundesländern werden die Weihnachtsferien verlängert …

Lauterbach: Gelingt es uns nicht, den Unterricht neu zu organisieren, werden wir keine andere Wahl haben, als die Weihnachtsferien künstlich zu verlängern oder eine zusätzliche Ferienepisode etwa im Februar einzulegen. Wenn wir einfach so weitermachen, wird der Schulausfall noch größer. Ich habe mal ausgerechnet: In Deutschland haben wir derzeit – einschließlich der Dunkelziffer – jede Woche in jeder sechsten Schulklasse einen Corona-Fall. In den Hochrisikogebieten ist es sogar jede dritte Schulklasse. Die 300.000 infizierten Kinder, die jetzt genannt werden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Kinder werden ja kaum getestet, weil sie in der Regel keine Symptome haben. Die Lage an den Schulen spitzt sich zu. Es muss etwas geschehen.

Die Kanzlerin schaltet sich am Montag wieder mit den Ministerpräsidenten zusammen. Können die Bürger auf irgendwelche Lockerungen hoffen?

Lauterbach: Nein. Für Lockerungen gibt es keinen Anlass. Die Neuinfektionen sind viel zu hoch. Wir werden im Dezember nicht zu dem Leben vor dem Wellenbrecher-Shutdown zurückkehren. Neue Studien – etwa der Stanford-Universität – bestätigen die enorme Bedeutung von Restaurants, Cafés, Bars, Hotels und Fitnessräumen für die Ausbreitung des Coronavirus. Genau dort entstehen Superspreader-Ereignisse.

Die wichtige Stanford-Studie zeigt, dass in den Restaurants nur jeder fünfte Tisch besetzt sein dürfte. Wenn wir diese Orte wieder öffnen wie vor dem Shutdown, sind wir in kürzester Zeit wieder dort, wo wir waren: im exponentiellen Wachstum. Ich gehe davon aus, dass wir den Wellenbrecher-Shutdown verlängern müssen, weil die Wirkung schwächer ausfällt als berechnet. Neben den Schulen ist eine zu geringe Beschränkung privater Kontakte wahrscheinliche Ursache.

„Es soll kein Weihnachten in Einsamkeit sein“ – muss Angela Merkel diesen Satz zurücknehmen?

Lauterbach: Ein Weihnachten in Einsamkeit wird es nicht geben. Aber wir sind weit entfernt von einem normalen Weihnachten, wie wir es vor einem Jahr gehabt haben. Jeder, der seine Familie besucht, muss wissen, dass man einander gefährden könnte. Gerade zum Fest der Nächstenliebe gehört, dass man sich gegenseitig schützt. Nicht reisen, wenn man Symptome hat. Vor der Reise möglichst fünf Tage in Quarantäne gehen. FFP-2-Maske tragen, wenn möglich. Viel lüften, große Abstände halten. Trotzdem bleibt natürlich ein Risiko.

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