Klinikbelegung

Corona-Patienten: Lage auf Intensivstationen verschärft sich

| Lesedauer: 5 Minuten
Wie der Intensivpfleger Ricardo Lange die Corona-Pandemie erlebt

Wie der Intensivpfleger Ricardo Lange die Corona-Pandemie erlebt

Der Intensivpfleger arbeitet auf Berliner Intensivstationen mit Covid-Schwerpunkt. Regelmäßig teilt er seine Erlebnisse und sprach zuletzt in der Pressekonferenz mit Jens Spahn und Lothar Wieler.

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Berlin.  Die Klinikbelegung soll neuer zentraler Corona-Maßstab werden. Die Covid-19-Kurve auf den Intensivstationen zeigt steil nach oben.

  • Auf deutschen Intensivstationen liegen immer mehr Covid-19-Patienten
  • In einem Monat hat sich die Zahl der Patienten verdoppelt
  • Mittlerweile werden bereits über 1000 schwer kranke Covid-19-Patienten intensiv medizinisch betreut

Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt über 75, auf den Intensivstationen liegen wieder mehr als 1000 schwer kranke Covid-19-Patienten – so startet Deutschland in den September. Doch was bedeuten diese Zahlen konkret für die Corona-Politik? 18 Monate lang hat das Land jeden Morgen als Erstes auf die Corona-Fallzahlen geschaut. Die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Neuinfektionen war der wichtigste Maßstab für die Lage, für Lockdown und Lockerungen. Jetzt soll ein neuer Wert kommen: die Hospitalisierungsinzidenz – also die Zahl der klinisch behandelten Covid-19-Patienten pro Woche auf 100.000 Einwohner. Was bringt der neue Wert – und was sagen Experten dazu?

Covid-19-Patienten: Wie ist die Lage in den Kliniken?

Am Wochenende stieg die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen erstmals seit Langem wieder über die 1000er-Marke, am Montagmittag verzeichnete das Divi-Intensivregister bereits mehr als 1060 Fälle. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle lagen mehr als 5500 schwer kranke Patienten auf den Intensivstationen. Aktuell ist vor allem der rasche und frühe Anstieg besorgniserregend: Die Covid-19-Kurve auf den Intensivstationen zeigt seit vier Wochen steil nach oben. "Innerhalb eines Monats hat sich die Zahl von unter 400 auf über 1000 fast verdreifacht", sagte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), unserer Redaktion.

In einigen Regionen in Westdeutschland werde es auf den Intensivstationen schon wieder voll. "Das ist besorgniserregend." Zumal die steigenden Zahlen anders als im letzten Jahr diesmal bereits im August zu beobachten seien. Ende August 2020 hatte die Intensivpatientenzahl gerade einmal bei 240 gelegen, erst Richtung Ende Oktober war sie im Zuge der zweiten Welle dann auf über 1000 gestiegen. Lesen Sie auch: Corona: Sind 14 Tage Quarantäne für Schüler richtig?

"Hinzu kommt noch etwas anderes: Unsere Leute sind erschöpft", beobachtet Intensivmediziner Marx. Das Personal auf den Intensivstationen stehe nach wie vor unter Dauerbelastung. "Die Erschöpfung aus den ersten drei Wellen konnte noch gar nicht wieder aufgeholt werden. Die Kliniken haben ja keine Pause gemacht, sondern haben über den Sommer viele der verschobenen Eingriffe nachgeholt. Die meisten Beschäftigten auf den Intensivstationen hatten noch gar keine Gelegenheit, sich zu erholen."

Intensivstation: Welche Patienten werden jetzt behandelt?

Anders als in den ersten Wellen der Pandemie sind längst nicht mehr vor allem Senioren von schweren Corona-Verläufen betroffen: Knapp jeder zehnte derzeit auf der Intensivstation behandelte Covid-19-Patient ist nach den jüngsten Daten des Divi-Registers 30 bis 39 Jahre alt, knapp jeder fünfte 40 bis 49 Jahre. Die 50- bis 59-Jährigen stellen gut ein Viertel der Patienten, die 60- bis 69-Jährigen gut ein Fünftel.

Wie funktioniert der neue Klinik-Inzidenzwert?

In einem Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) heißt es, die "Hospitalisierungsinzidenz" solle "wesentlicher Maßstab für die zu ergreifenden Schutzmaßnahmen" werden. Ausdrücklich sind damit alle stationär zur Behandlung aufgenommenen Covid-19-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gemeint – nicht nur die Intensivpatienten. Aber: Spahn will (anders als bislang bei den Neuinfektionen) keinen bundesweit einheitlichen Schwellenwert für politische Maßnahmen. Stattdessen sollen die Länder "jeweils unter Berücksichtigung der regionalen stationären Versorgungskapazitäten" Schwellenwerte festsetzen, um eine drohende Überlastung der regionalen stationären Versorgung zu vermeiden.

An diesem Dienstag wollen sich die Fachpolitiker mit dem Vorschlag befassen und Experten aus der Ärzteschaft und Kommunen anhören. Besonders die Intensivmediziner sehen die neue Fokussierung auf die Klinikpatienten kritisch. Ihr Argument: Die alte Inzidenz (der Neuinfektionen) sei als Vorwarnstufe weiter wichtig. Lesen Sie außerdem: Corona im Erlebnisbad: Infizierte besuchten Tropical Islands

Auch der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sieht Schwachstellen: Die Aussagekraft der Hospitalisierungsquote sei begrenzt, weil der Wert, ab dem es kritisch werden könnte, regional sehr unterschiedlich sei. So hänge die Hospitalisierungsquote etwa davon ab, wie viele Krankenhausbetten es in einer Region gebe. Heißt: Dort, wo es wenige Betten gebe, könnte bereits bei einer niedrigen Einlieferungsquote Alarm herrschen – obwohl das Risiko für den Einzelnen womöglich gering sei. Umgekehrt könne es passieren, dass in einer Region sehr hohe Fallzahlen ohne Einschränkungen toleriert und damit Kinder stark gefährdet würden – nur weil es im Prinzip genug Klinikplätze gebe.

Bei der nächsten Bundestagssitzung am 7. September könnte die Hospitalisierungsinzidenz als neuer zentraler Maßstab neben Impfquote und Infektionszahlen im Infektionsschutzgesetz festgeschrieben werden. In welchem Bereich dann aber die regionalen Eingriffsschwellen liegen könnten, ist derzeit noch offen. Ginge es nach Lauterbach, würde es zumindest bundesweit einheitliche Schwellenwerte dafür geben. Auch interessant: Corona: Doppeltes Risiko für Krankenhauseinweisung bei Delta

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