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Gesundheitsämter kämpfen auch an Feiertagen gegen Corona

| Lesedauer: 5 Minuten
Experten: Corona-Pandemie "hätte verhindert werden können"

Experten: Corona-Pandemie "hätte verhindert werden können"

Eine von der WHO eingesetzte Experten-Kommission ist sich sicher: Die Coronavirus-Pandemie hätte verhindert werden können. Doch viele Staaten und die WHO hätten zu spät reagiert, und viele Politiker hätten ihre Augen vor wissenschaftlichen Erkenntnissen verschlossen, monieren die Experten.

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Berlin  Nach Feiertagen sind Corona-Zahlen oft niedriger. Liegt das an den Gesundheitsämtern? Das wäre zu einfach, wie eine Umfrage zeigt.

  • Gesundheitsämter arbeiten von Montag bis Freitag - so das gängige Vorurteil
  • Eine Umfrage unserer Redaktion zeigt: Das entspricht nicht der Realität
  • Viele Ämter arbeiten im Zwei-Schicht-Betrieb sowie an Feiertagen und Wochenenden

Der Tweet von Satiriker Jan Böhmermann aus dem April polarisierte: "Unsere Gesundheitsämter arbeiten von Montag bis Freitag an einer Lösung", schrieb er. Einige Nutzerinnen und Nutzer sahen sich darin bestätigt, was sie sowieso schon immer gewusst haben wollten: In deutschen Ämtern regiert eine Beamten-Mentalität. Freitagmittag wird mit preußischer Pünktlichkeit der Stift fallen gelassen.

Die ehrenamtliche Gesundheitsamt-Mitarbeiterin Ingrid Grecko aus Salzgitter wollte das nicht so stehen lassen. "Das Gesundheitsamts-Bashing fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht", kommentierte sie unter dem Tweet von Böhmermann. Ihre Kolleginnen und Kollegen und sie arbeiteten sieben Tage die Woche von 8 bis 22 Uhr, fügte sie hinzu. Unsachgemäße Kritik gegenüber den Gesundheitsämtern sei in dieser anstrengenden Zeit nicht hilfreich, schrieb sie unserer Redaktion auf Anfrage.

Corona-Zahlen: So gut wie alle Gesundheitsämter melden täglich

Ein falscher Eindruck entsteht, weil die ans Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Corona-Infektionszahlen am Montag und nach Feiertagen oft deutlich unter dem aktuellen Niveau liegen. Der voreilige Schluss daraus: Die Gesundheitsämter melden zu wenige Daten, weil sie nicht arbeiten.

Dass die Gesundheitsämter tatsächlich - abgesehen von wenigen Ausnahmen - auch an den Wochenenden und Feiertagen arbeiten, zeigt eine Umfrage unserer Redaktion. Mehr als 60 Ämter aus ganz Deutschland antworteten auf die Frage, wie sie es mit der Arbeit an diesen Tagen halten.

Dabei ergibt sich ein eindeutiges Bild: Nur drei der Ämter schrieben, dass sie ihre Arbeit auf sechs Tage die Woche beschränken, alle anderen arbeiten durch - und auch an Feiertagen. Das zeigt sich im Rückblick etwa an den Osternfeiertagen 2021: "Für nur weniger als 2 Prozent (der Ämter) wurde nur an einem Tag Daten übermittelt", schrieb eine RKI-Sprecherin auf Anfrage.

Gesundheitsämter arbeiten oft im Zwei-Schichtbetrieb

Aus den Antworten unserer Umfrage geht nach mehr als einem Jahr Pandemie auch hervor, dass viele Mitarbeitende wenig Verständnis für Kritik wie jener von Böhmermann aufbringen können. "Das Gesundheitsamt arbeitet seit Beginn der Pandemie vor über einem Jahr auch an den Wochenenden und Feiertagen", heißt es beispielsweise aus dem Landratsamt Donau-Ries in Bayern. "Angesichts dieser enormen Belastung unseres Gesundheitsamtes, die von den dortigen Mitarbeitern/innen nun schon seit vielen Monaten mit hoher Einsatzbereitschaft getragen wird", falle es schwer, sich gegen vollkommen unsachliche Kritik wehren zu müssen.

Viele der Gesundheitsämter arbeiten in Zwei-Schichtbetrieben. Die Besetzung allerdings ist von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt unterschiedlich. Die Arbeitszeiten beginnen meist um 8 Uhr oder 9 Uhr enden um 18 oder 20 Uhr. Einige wenige beginnen bereits um 6 Uhr, andere arbeiten sogar bis 22 Uhr. An den Wochenenden und Feiertagen sind die Arbeitszeiten generell kürzer. Meist gibt es dann eine Besetzung von 10 bis 14 Uhr. Die Ämter betonen allerdings, dass sie auch an diesen Tagen alle Corona-Fälle abarbeiten.

Aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz heißt es zu der Arbeit an Wochenende und Feiertagen: "Die Besetzung erfolgt je nach aktueller Lage in unterschiedlicher Personalstärke und hat dabei aber auch schon lange die Belastungsgrenze der Mitarbeiter überschritten."

"Im Bedarfsfall bis in die Nacht hinein"

"Die Teamstärke orientierte sich während der zurückliegenden Feiertage an der aktuellen Corona-Situation", schreibt das Amt aus Dortmund. Insgesamt waren ca. 40 Personen in einem der Lage angepassten Schichtsystem anwesend. Die Ermittlung der Infektionsfälle sowie die Übermittlung der Infektionszahlen an das RKI erfolgen an Wochenenden sowie an Feiertagen routinemäßig und tagesaktuell, betont das Amt.

Einzig ein Amt schreibt von möglichen Meldeverzögerungen. Sie hingen höchstens damit zusammen, dass die Besetzung am Wochenende etwas geringer sei, damit jedem Mitarbeitenden Erholung gewährt werden könne, schreibt das Amt aus einer mittelgroßen Stadt in Niedersachsen. Ursache sei aber auch, dass am Wochenende eben deutlich weniger getestet und auch von den Laboren deutlich weniger an das Gesundheitsamt gemeldet werde. Ein anderes Amt verweist auf die Hausärzte, die seltener oder gar nicht testen.

"Während so mancher von der warmen Couch aus Kritik äußert", heißt es aus Bottrop, seien die Kristenstäbe und mindestens ein Teil der Belegschaften in den Gesundheitsämtern auch an Feiertagen im Einsatz. Und das Landratsamt Rottal-Inn aus Bayern betont: "Unser Gesundheitsamt arbeitet in Pandemie-Zeiten grundsätzlich so lange, bis alle Fälle abgearbeitet sind – das heißt im Bedarfsfall auch bis in die Nacht hinein, und auch an Wochenenden und Feiertagen."

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