Trinkwasser

Biozid-Skandal hat Umweltminister Remmel kalt erwischt

Biozide seien kein Trinkwasserproblem, sondern eine Belastung der Oberflächengewässer, glaubt Remmel.

Biozide seien kein Trinkwasserproblem, sondern eine Belastung der Oberflächengewässer, glaubt Remmel.

Foto: dapd

Düsseldorf.  Der NRW-Umweltminister will das zuständige Landesamt an die kurze Leine legen und fordert eine „umfassende Ertüchtigung“ der Wasserwerke. Wie die Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr das machen möchte, ließ der Verband trotz Anfrage unbeantwortet und tauchte ab.

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Tausende von Giftgrenzwerten in Hunderten von NRW-Gewässern überschritten – und der grüne Umweltminister erfährt davon durch die Zeitung. Dem großen Staunen folgte am Freitag die harte Hand.

Der Ruf der FDP nach „sofortiger Aufklärung“ war kaum verhallt, da nahm Remmel das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) an die kurze Leine. Die Behörde hatte die alarmierenden Werte jahrelang gemessen, sie aber nicht nach oben gemeldet, sondern nach unten durchgereicht: an die Bezirksregierungen. Auch die warnten die Öffentlichkeit nicht. Künftig muss das Lanuv „bei wesentlichen Grenzwert­- über­schreitungen“ direkt das Ministerium informieren. Die unmittelbare Suche nach der Giftquelle regelt dann ein Erlass, an dem das Umweltministerium bastelt.

Das Oberflächenwasser der Ruhr trinken fünf Millionen Menschen

Biozide seien kein Trinkwasserproblem, sondern eine Belastung der Oberflächengewässer, glaubt Remmel. Das Oberflächenwasser der Ruhr trinken fünf Millionen Menschen. „Zum jetzigen Zeitpunkt“ sieht das Ministerium „keinen konkreten Anhaltspunkt für eine akute Gesundheitsgefährdung“. Biozide könnten „allerdings eine Langzeitwirkung haben“. Weil sich die Einzelstoffe in den Gewässern zu ultra-giftigen Chemie-Cocktails mischen, mahnt er die Wasserversorger: Zum Schutz der Verbraucher sei „die zügige und umfassende Ertüchtigung von Wasserwerken notwendig“. Im Mai war dazu ein 150-Millionen-Paket vereinbart worden.

Das erwähnte der Ruhrverband gestern nicht, nannte es aber „vollkommen verfehlt, von ’mangelhaften Kläranlagen’ zu sprechen“. Allerdings gebe es „derzeit kein Reinigungsverfahren, durch das sämtliche Biozide vernichtet oder zurückgehalten werden“. Die Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR) tauchte gestern ab – nicht zum ersten Mal. Erneut ließ der Vorsitzende Christoph Donner eine Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet, die auf die Qualität der Wasserwerke der 19 Mitgliedsunternehmen zielte. Ob sie garantieren, dass sämtliche Biozide aus dem Trinkwasser eliminiert sind, wenn es aus dem Hahn fließt? Wer mangelhafte Wasserwerke technisch aufrüstet, mit wessen Geld, wie teuer das wird? Diese Fragen bleiben offen.

Die an der Ruhr betriebenen „naturnahen Verfahren“ taugten nicht zur Trinkwasseraufbereitung

Die Expertenkommission „Reine Ruhr“ und das Umweltministerium sehen Handlungsbedarf. Vor allem die an der Ruhr betriebenen „naturnahen Verfahren“ taugten nicht zur Trinkwasseraufbereitung. An einigen Stellen läuft das biozidbelastete Ruhrwasser schon nach Ufer- und Bodenfiltration in die Trinkwasserleitung. Fachleute schütteln darüber den Kopf. Solche Anlagen „entsprechen nicht mehr den Erfordernissen und müssen nachgerüstet werden“, und zwar „zeitnah“, steht im Kommissionsbericht. Der stammt vom Februar 2012. 2017 sollen die mangelhaften Anlagen der Wasserwerke Westfalen technisch aktuell sein.

EU und Bundesregierung hätten die letzte Verantwortung im Kampf gegen Biozide, sagt Remmel. Eine NRW-Initiative für schärfere Regeln war 2012 im Bundesrat gescheitert: an CDU und FDP.

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