Hauptstadt

Warum Boris Palmer mit seiner Berlin-Schelte auch recht hat

Berlin und Boris Palmer: Der Grünen-Politiker hat eine Abneigung zur Hauptstadt.

Berlin und Boris Palmer: Der Grünen-Politiker hat eine Abneigung zur Hauptstadt.

Foto: Inga Kjer / dpa

Berlin  Boris Palmer hat in seiner Berlin-Schelte einen Nerv getroffen, weil in Berlin einiges schief läuft. Doch er hat Wichtiges vergessen.

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Boris Palmer hat Angst. Angst vor Berlin. Denkt er an Berlin, packt sie ihn: „Achtung, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands!“ Er komme mit „dieser Mischung aus Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut auf der Straße“ nicht klar, sagte der Tübinger Oberbürgermeister unserer Redaktion.

Mit anderen Worten: Berlin ist in Palmers Augen die Stadt, in der man jeden Tag besichtigen kann, wie Staatsversagen aussieht.

Boris Palmer ist Schwabe

Hat der Mann recht? „Quatsch!“, ruft halb Berlin zurück. Die andere Hälfte zögert kurz mit der Antwort. Und überlegt: Palmer ist schließlich Schwabe, von denen lassen sich die Berliner ungern was sagen. Aber hat er nicht trotzdem ein bisschen recht?

Klar: Berlin ist nicht Tübingen. Vielleicht sogar das exakte Gegenteil davon. Doch wer in Berlin lebt, hat das gleiche Recht auf ein funktionierendes Gemeinwesen wie die Einwohner einer schwäbischen Provinzstadt. Und genau das ist der Punkt, wo Palmers Polterei einen wahren Kern trifft.

Warum haben sich die Berliner damit abgefunden, dass es öffentliche Parks gibt, in denen sich Säufer und Drogendealer die Bänke untereinander aufteilen, aber kein einziges Kind mehr traut, alleine durchzulaufen? Warum können sich kriminelle Clans ganze Viertel untereinander aufteilen?

Oder: Warum wird gerade in einer armen Stadt wie Berlin Bildung so schlecht gemanagt, dass Lehrer und Schulleitungen immer wieder öffentliche Brandbriefe schreiben müssen, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen?

Und warum unterrichten die vielen Quereinsteiger, die den Lehrermangel abfedern sollen, ausgerechnet in Berlin so oft an Brennpunktschulen? Jeder Berliner hat weitere Beispiele.

Spektakulär dämliche Radwege und gesperrte Straßen

Das wiederkehrende Chaos bei S- und U-Bahnen. Spektakulär dämliche Radwege mit Zickzack-Linienführung . Die Tatsache, dass die sechsspurige Straße des 17. Juni, also die wichtigste West-Ost-Verbindung durch den Tiergarten, alle Nase lang komplett gesperrt wird und der Verkehr kollabiert.

Die kafkaesken Momente in vielen Bürgerämtern, wo der Bürger prinzipiell als Störenfried gilt. Oder die ersten Wochen im neuen Jahr, wenn sich die Überreste von Böllern und Raketen mit dem üblichen Hundekot und den Tannennadeln zur typischen Berliner Neujahrsmischung verbinden.

Bitte nicht falsch verstehen: Die Schuld dafür tragen nicht die letzten Glieder der Kette, die Verwaltungsangestellten, die Männer von der Stadtreinigung oder die Einsatzkräfte der Polizei. Die Verantwortung liegt ganz klar bei der Politik.

Berlin – es läuft einfach schlecht

Berlin hat inzwischen 3,7 Millionen Einwohner. Keine deutsche Stadt ist so international. Und keine andere atmet so viel Geschichte wie Berlin. An jeder Straßenecke stehen die steinernen Zeugnisse der grandiosen Selbstüberschätzung der Preußen, der Nationalsozialisten und der DDR.

Die vermutlich teuerste Ruine aber ist aus demokratischer Zeit: Der Pannenflughafen BER ist für den Großteil der Republik ein grotesker Witz, für Berlin aber der Inbegriff eines gewohnten Zustands: Es läuft schlecht – und daran ändert sich erst mal nicht viel. Egal, welche Parteien gerade regieren.

Was Boris Palmer in seiner Berlin-Schelte nicht sagt, was aber dazugehört zu einem nüchternen Blick auf das große, schöne, wilde, liebenswerte Berlin, das ist die Sache mit der Berliner Schnauze. Frech, schnoddrig, unverstellt ist sie – und damit grundsympathisch.

Doch im Alltag bleibt davon oft nur noch die Schwundstufe über: unfreundlich bis zur Unkenntlichkeit. Und ja: Wer länger in Berlin lebt, gewöhnt sich daran und passt sich an. Wie sehr, das merkt man erst, wenn man mal wieder in die alte Heimat fährt.

Im Ruhrgebiet läuft es auch nicht

Im Ruhrgebiet sind die öffentlichen Kassen genauso leer und die Menschen genauso gebeutelt wie in Berlin – aber die Leute rotzen einem die schlechte Laune nicht so mutwillig vor die Füße. Weder im Bus noch auf dem Amt. Und sie klappen auch nicht ständig die Ellenbogen aus – um irgendwie durchzukommen. Durchs Gedrängel, durch den Stau, durchs ganze Leben.

Berlin ist stolz auf Herz und Schnauze, doch etliche Berliner (und nach ein paar Jahren auch die Zugezogenen) wissen, dass daraus in vielen Momenten längst Verrohung geworden ist.

„Sag mal, wie fährst du denn auf einmal?“, kriegen Zugezogene von Besuchern aus der Heimat zu hören, weil sie sich nach ein paar Jahren in der Hauptstadt nicht mal mehr per Handzeichen im Rückspiegel für nette Fahrmanöver bedanken. Weil sie genauso stur ihr Ding durchziehen wie Millionen andere.

Rücksicht? Ist nicht die allererste Berliner Tugend. Und wer sie hier dennoch übt, wird oft belächelt. „So kommste aber nich weit, wa?“

Warum nur wollen dann alle nach Berlin ziehen?

Umgekehrt ist Berlin deswegen – oder trotzdem? – sehr weit gekommen. Und das weiß auch Boris Palmer in seinem gemütlichen Tübingen. Denn warum wollen denn alle nach Berlin ziehen?

Ganz klar: Die einen kommen, weil ihnen Tübingen und Konsorten zu eng sind. Die anderen, weil es nirgendwo so leicht ist wie im großen Sammelbecken Berlin, Tübinger zu bleiben und trotzdem in einer Weltstadt zu leben.

Und schließlich, weil die eigenen Kinder sowieso irgendwann nach Berlin gehen. Am Ende gilt: Großstadtluft macht nicht nur frei – sondern auch gelassen. Die Berliner Luft täte also auch Palmer mal gut.

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