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Autos, Strom, Erdbeeren: Wie der Krieg die Wirtschaft trifft

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Scholz stellt weitere Sanktionen gegen Russland in Aussicht

Scholz stellt weitere Sanktionen gegen Russland in Aussicht

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) geht davon aus, dass der Westen noch weitere Sanktionen gegen Russland wegen der Invasion in der Ukraine verhängen wird. "Man sieht schon jetzt, was das für Folgen hat", sagte Scholz in Berlin.

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Berlin.  Die Folgen des Ukraine-Krieges sind auch in Deutschland zu spüren. Was das für den Einkauf im Supermarkt und für andere Güter bedeutet.

Das Schreiben einer niedersächsischen Logistikfirma an einen Handelspartner klingt düster. Mit massiven Störungen sei zu rechnen. Weniger Lkw-Laderaum stünde zur Verfügung, die Lieferzeiten würden sich verlängern.

Solche Briefe müssen in diesen Tagen viele Firmen verschicken. Der Ukraine-Krieg hat auch die deutsche Wirtschaft kalt erwischt. Nun werden die durch die Corona-Pandemie ohnehin fragilen Lieferketten erneut durcheinandergewirbelt. Die Spirale aus Sanktionen und Gegensanktionen beginnt, sich schneller zu drehen.

Ukraine-Krieg: Viele Firmen kehren Russland den Rücken

Viele internationale und nationale Unternehmen kehren Russland aus Protest gleich ganz den Rücken. Apple etwa hat einen Verkaufsstopp verhängt – iPhones gibt es in Russland vorerst nicht mehr zu kaufen. Die Ölkonzerne BP, Shell und seit Dienstag auch Exxon Mobil nehmen milliardenschwere Abschreibungen in Kauf, weil sie sich aus Russland zurückziehen. Auch der weltgrößte Lastwagenbauer Daimler Truck hat vorerst alle geschäftlichen Aktivitäten eingestellt.

Die Folgen des Krieges sind längst auch in Deutschland spürbar. Energie ist teuer wie nie und treibt die Preise. In Deutschland stieg die Inflation einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes zufolge im Februar auf 5,1 Prozent, im Euroraum gab die Statistikbehörde Eurostat am Mittwoch ein Rekordhoch von 5,8 Prozent bekannt. Energie war demnach fast ein Drittel teurer als noch im Vorjahr.

Ukraine-Krieg: Es fehlt hierzulande bereits an Lkw-Fahrern

Das dürfte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Denn die eigentlich hohe Nachfrage trifft auf ein sich immer mehr zusammenstauchendes Angebot. In Deutschland macht sich die Situation schon jetzt am Mangel an Lkw-Fahrern bemerkbar. Nach Angaben des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) dürfen ukrainische und weißrussische Lkw-Fahrer zwar nicht für deutsche Unternehmen arbeiten, sind aber für polnische und litauische Speditionen auf deutschen Straßen unterwegs – insgesamt seien das geschätzt rund 110.000 Fahrer.

Deren Priorität liegt derzeit nicht in der Belieferung deutscher Firmen. Im Gegenteil. Berichten zufolge sollen einige Fahrer die Lastwagen einfach am Straßenrand abgestellt haben, um sich direkt auf den Weg in die Heimat zu machen, um ihr Land zu verteidigen oder ihre Familien zu schützen. Würden alle ukrainischen Lkw-Fahrer ihre Arbeit niederlegen, wären etwa sieben Prozent der Lkw-Fahrten in Deutschland betroffen, schätzt der BGL. Dabei fehlen ohnehin schon 80.000 Lkw-Fahrer hierzulande. „Durch fehlende Personal- und Fahrzeugreserven können die Transportabläufe relativ schnell aus dem Gleichgewicht geraten“, sagte BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt unserer Redaktion.

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Handel rechnet nicht mit leeren Regalen

Immerhin: Mit leeren Regalen in den Supermärkten ist vorerst wohl nicht zu rechnen, beruhigt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE): „Im Einzelhandel in Deutschland drohen aktuell in der Folge des Krieges in der Ukraine und der damit verbundenen Wirtschaftssanktionen keine Warenengpässe.“

Größere Sorgen mit Blick auf die Logistik mache derzeit nach wie vor die Pandemie. „Schließungen von Häfen und Produktionsstandorten in China bringen die Containerschifffahrt immer wieder aus dem Plan“, sagt Genth. Die entstehenden Lieferverzögerungen ließen sich bisweilen erst nach Monaten auflösen, wie an den besonders stark betroffenen Branchen der Unterhaltungselektronik und der Spielwarenbranche deutlich werde.

In der Autoindustrie stehen die ersten Bänder still

Massiv vom Krieg betroffen ist dagegen bereits die deutsche Autoindustrie. Zwar ist Russland laut einer aktuellen Studie des Duisburger Center Automotive Research (CAR) als Absatzmarkt nur noch ein Nischenmarkt mit im vergangenen Jahr 321.391 verkauften Fahrzeugen deutscher Marken.

Aufgrund der Sanktionen und des Konflikts geht das Institut um Direktor Ferdinand Dudenhöffer davon aus, dass sich die Zahl der Verkäufe in diesem Jahr mehr als halbieren wird – auf dann nur noch knapp 130.000. Russland ist aber ein wichtiger Rohstofflieferant, etwa für Palladium, das für den Bau von Katalysatoren benötigt wird. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Peter Adrian, warnte gegenüber unserer Redaktion bereits vor längeren Lieferzeiten.

Porsche musste am Mittwoch seine Produktion in Leipzig unterbrechen, weil Kabelbäume aus der Westukraine nicht mehr geliefert werden können. Volkswagen stellt sich auf Ausfälle in Wolfsburg und Hannover ein. VW-Tochter Skoda musste in Tschechien bereits die Produktion drosseln.

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Logistikunternehmen stoppen Geschäfte mit Russland

Auch in die andere Richtung geht nur noch wenig. Die Deutsche Post DHL kündigte am Mittwoch den Stopp sämtlicher Lieferungen nach Russland und Weißrussland an. Auch der Logistikkonzern Kühne + Nagel fährt sein Geschäft herunter.

DB Schenker hat nach Angaben eines Unternehmenssprechers bereits in der vergangenen Woche die Aktivitäten in der Ukraine eingestellt. „Wichtig ist die Sicherheit unserer rund 90 Mitarbeitenden in dem Land“, sagte ein Sprecher unserer Redaktion.

Deutsche Bahn bereitet sich auf Hilfslieferungen vor

Gering sind dagegen die Einschränkungen bisher bei der Deutschen Bahn. „Wir fahren keine Züge von, in und durch die Ukraine“, so der Sprecher für den Güterverkehr der Deutschen Bahn. Auch fahre DB Cargo keine eigenen Züge durch Russland und Belarus.

Die Verbindung zwischen China und Deutschland seien in der Regel keine durchgehenden Züge. Vielmehr handele es sich um Container-Lieferketten mit zahlreichen Akteuren, starkem Wettbewerb und sehr unterschiedlichen Frachtführungen. „Wir beobachten mit großer Sorge die Entwicklungen in der Ukraine. Aktuell stehen wir mit DB Cargo und DB Schenker mit deutschen Hilfsorganisationen in Abstimmung, wie und wo wir Hilfslieferungen für dringend benötige Lebensmittel leisten können. Dies könnte ad hoc starten“, sagte der Sprecher des Güterverkehrs der Deutschen Bahn.

Bau-Gewerkschaft macht Geflüchteten Arbeitsangebot

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit gehen rund 53.800 Ukrainer hierzulande einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Besonders häufig würden sie im Handel und im verarbeitenden Gewerbe arbeiten.

Rund 700 Ukrainer arbeiten nach Angaben von Carsten Burckhardt, Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft IG BAU, im deutschen Baugewerbe. „Wenn sie nicht mehr zur Verfügung stehen, weil sie zurück in die Heimat gehen, wird das Baugewerbe nicht zusammenbrechen. Aber wir haben bereits heute einen Fachkräftebedarf auf dem Bau“, warnt er.

Die Geflüchteten möchte er schnell in den Arbeitsmarkt integrieren. „Mit dem Aktivieren der Massenzustromrichtlinie können sich Geflüchtete aus der Ukraine hierzulande vom Tag der Ankunft an eine Arbeit suchen. Wer auf dem Bau Fuß fassen will, ist willkommen, wir brauchen Fachkräfte“, sagte Burckhardt.

Spargelernte ist wohl nicht gefährdet

Sicher ist nach Angaben des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) die Spargelernte. „Aus der Ukraine kommen vor allem in den Semesterferien Studentinnen und Studenten, um bei der Ernte zu helfen. Die Semesterferien sind meist von Ende Juni bis August“, sagte VSSE-Vorstandssprecher Simon Schumacher unserer Redaktion. Bis dahin sei die Spargelernte bereits vorbei.

Allerdings könnte der Personalmangel auf die Erdbeerernte treffen: „Einige unserer Beerenbetriebe könnten von fehlenden Erntehelfern aber betroffen sein. Das trifft aber nicht auf die Mehrheit der Betriebe zu, sodass ich nicht davon ausgehe, dass es sich auf dem Markt niederschlagen wird“, sagte Schumacher.

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