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Auch Ali kann Professor werden – Gastarbeiterkind promoviert

Ahmet Toprak ist Professor für Erziehungswissenschaften. In seinem Arbeitszimmer an der Fachhochschule Dortmund bereitet er sich auf seine Vorlesung vor.

Foto: Volker Hartmann

Ahmet Toprak ist Professor für Erziehungswissenschaften. In seinem Arbeitszimmer an der Fachhochschule Dortmund bereitet er sich auf seine Vorlesung vor. Foto: Volker Hartmann

Dortmund.   Ahmet Toprak schaffte es als Gastarbeiterkind zum Hochschullehrer in Dortmund. Mit seinem Lebensweg will er jungen Menschen Mut machen.

Aus seinem Fenster im Obergeschoss der Fachhochschule Dortmund blickt er über den gesamten Uni-Campus bis zum BVB-Stadion. Bis hierher war es für Ahmet Toprak ein weiter, schwieriger und verschlungener Weg von seinem Heimatdorf nahe Kayseri in der Türkei über eine Hauptschule in Köln, wieder zurück zum Gymnasium in Ankara, dann zum Studium nach Deutschland und schließlich an die FH Dortmund.

Als er noch der kleine Ahmet war und nicht Professor Doktor Ahmet Toprak, kassierte er in seiner türkischen Schule Ohrfeigen. Als Erziehungswissenschaftler widmet er sich heute Fragen guter und richtiger Bildung und Pädagogik, insbesondere mit Blick auf Migrantenkinder. Sein Weg hatte viele Abzweigungen, „das hätte auch schief gehen können“, sagt Toprak ernst. „Zwischen Kriminalität und Professor ist vieles möglich. Ich hatte Glück.“

Kind eines Gastarbeiters und Hauptschüler

Dass er als Kind von Gastarbeitern in Deutschland den Bildungsaufstieg schaffen könnte, daran hatte er selbst nicht geglaubt. Doch er hatte Helfer, die von seinem Talent überzeugt waren. Und er hatte eine Mutter, die zwar nie Schreiben und Lesen lernte, aber ihre Kinder unterstützte. „Es war ihr Wunsch, dass wir erreichen, was sie nicht konnte“, sagt der 47-Jährige.

Sein Vater arbeitete bei Ford in Köln, als er 1980 die Familie nach Deutschland holte. Es war eine Zeit der Unruhe in der Türkei, der Militärputsch sollte kurze Zeit später das Land erschüttern. Er besuchte die Hauptschule, war aber kein guter Schüler. Nach der neunten Klasse sagte sein Vater, bei Ford könne er eine Lehre als Maschinenschlosser beginnen. „Das war eine schreckliche Vorstellung für mich“, sagt er rückblickend. Lieber ging er zurück in die Türkei, besuchte in Ankara ein Gymnasium und machte sein Abitur.

Ohrfeigen vom Schuldirektor

„Das war ein Kulturschock für mich. In der Türkei haben die Schüler Nummern! Meine war 2693. Jeden Montag gab es den Fahnenappell und wir mussten die Hymne singen. Wer zu spät kam, dem verpasste der Rektor Ohrfeigen. Egal ob Junge oder Mädchen. Der wartete schon am Schultor.“ Mit seinem Vater traf er eine Vereinbarung: Wenn er das Abi in der Türkei nicht besteht, sollte er nach Deutschland zurückkehren und eine Lehre machen. Er schaffte den Schulabschluss glänzend.

Anschließend begann er ein Studium in Bonn, wechselte nach drei Semestern nach Regensburg und studierte Pädagogik, Psychologie und Politik. Er rauschte durchs Studium, schaffte sein Examen nach nur sieben Semestern und promovierte. Seit 2001 steht ein „Dr.“ vor seinem Namen.

Beispiel für den Aufstieg durch Bildung

Die Lebensgeschichte von Ahmet Toprak ist nur auf den ersten Blick eine ganz persönliche. Sie ist auch ein Beispiel für den Aufstieg durch Bildung, für den Weg eines Gastarbeiterkindes, das zwischen den Kulturen und Ländern pendelt und gegen viele Widerstände und trotz zum Teil offener Diskriminierungen Professor wird. „Als ich mich an den Hochschulen bewarb, sagten manche: Du bist ja übergeschnappt.“

Über seine Erfahrungen hat er nun ein Buch geschrieben: „Auch Alis werden Professor“. Mit dem in lockerem, humorvollem Ton geschriebenen Buch will er auch eine Debatte über Bildungschancen anstoßen und Jugendlichen Mut machen, selbstbewusst ihren Weg zu gehen.

Der Buchtitel bezieht sich auf eine kuriose Begegnung, die Toprak vor einem Bewerbungsgespräch an der Hochschule Düsseldorf hatte: Er sitzt vor der Tür und wartet auf das Gespräch, als ein Mann mit Schlüsselbund auf ihn zumarschiert und barsch fragt: „Was machst du hier?“ Toprak erklärt dem Hausmeister, dass er für eine Probevorlesung gekommen sei. Darauf mustert ihn der Mann von oben bis unten und sagt: „Meine Güte. Jetzt werden auch die kleinen Alis Professor. Was wollt ihr denn noch alles werden?“

Dankbarkeit für seine Mutter

Toprak erzählt, er habe sich nach dem Tod seiner Mutter dazu entschieden, das Buch zu schreiben. Obwohl sie 46 Jahre in Deutschland lebte, wollte sie in ihrem Heimatort neben ihrem Mann beerdigt werden. „Das brachte mich auf die Frage: Was ist eigentlich Integration, wie erreicht man sie?“ Nach gängigen Kriterien war seine Mutter kaum integriert, hatte wenige Kontakte zu Deutschen und nie einen Integrationskurs besucht. Dennoch findet Toprak ihre Lebensleistung beeindruckend. 33 Jahre arbeitete sie bei einer deutschen Firma, zog sechs Kinder groß. „Was wäre, wenn meine Mutter den Wunsch gehabt hätte, in Köln begraben zu werden? Wäre das ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration?“

Topraks Aufstieg ist somit nicht nur seine Erfolgsgeschichte, es ist auch die seiner Eltern, die trotz aller Schwierigkeiten ihren Kindern die Lebenswege geöffnet haben. Von seinen fünf Geschwistern sind drei ebenfalls Akademiker, sein älterer Bruder ist Professor für Germanistik.

Toprak irritiert einen türkischen Abgeordneten

Ahmet Toprak, 1970 in Kayseri geboren, besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach einer TV-Talkrunde zum Thema Türkei fragte ihn ein Abgeordneter der türkischen Regierungspartei AKP, warum er in der Sendung „unseren Staatspräsidenten“ so heftig kritisiert habe. Er meinte damit Erdogan. Toprak antwortete: „Wieso? Ich habe doch kein Wort über Steinmeier gesagt.“ Der AKP-Abgeordnete habe fassungslos reagiert, erinnert sich Toprak.

Sein Buch erscheint im Lambertus-Verlag, Freiburg, 168 S., 22 €.

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