Atomkraft

Atomausstieg: Deutschland schaltet drei Atomkraftwerke ab

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Noch läuft das Kraftwerk in Grohnde. Doch damit soll zum Jahreswechsel Schluss sein.

Noch läuft das Kraftwerk in Grohnde. Doch damit soll zum Jahreswechsel Schluss sein.

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Berlin.  Zum Jahreswechsel gehen drei der sechs verbliebenen Meiler in Deutschland vom Netz. Doch in der EU sorgt die Kernkraft für Streit.

An Silvester gehen die Lichter aus in Grohnde und Brokdorf. In der letzten Minute von 2021 sollen die beiden Atomkraftwerke, die dort Mitte der 1980er-Jahre ihren Betrieb aufnahmen, ausgeschaltet werden, wie die Eon-Tochter Preussenelektra mitteilte. Gundremmingen C, ein ebenso altes Kraftwerk in Bayern, das RWE gehört, soll schon in den Abendstunden des 31. Dezember den Betrieb einstellen.

Es ist der vorletzte Schritt zum Ende der Atomstromproduktion in Deutschland. Die verbliebenen drei Kraftwerke Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland sollen noch bis Ende 2022 Strom produzieren. Nach jahrelangen Konflikten, Großdemonstrationen, Aus- und Ein- und Wieder-Ausstieg aus der Atomkraft neigt sich das Kapitel Kernenergie in Deutschland fast still dem Ende zu.

Atomausstieg: Kurzfristig werden die CO2-Emissionen steigen

Mit Gundremmingen C, Brokdorf und Grohnde geht eine Kapazität von rund 4000 Megawatt vom Netz. Strom, der anders als Sonnen- oder Windenergie wetterunabhängig verfügbar war und im Vergleich zu Kohle und Gas deutlich weniger CO2 produziert, wie zuletzt Befürworter der Atomkraft immer wieder betont hatten. Er würde erwägen, den Atomausstieg infrage zu stellen, weil Deutschland noch nicht über ausreichend erneuerbaren Strom verfüge, sagte zum Beispiel VW-Chef Herbert Diess. Ähnlich klang das bei Jürgen Hambrecht, Ex-Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF, der die Politik aufforderte, die Laufzeiten der bestehenden Kraftwerke zu verlängern. Lesen Sie auch: Was Sie vor dem Wechsel zu Ökostrom wissen sollten

Droht mit der Abschaltung der Kernkraftwerke also eine Versorgungslücke? Nein, sagen die Forscherinnen und Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. In den nächsten beiden Jahren sei „nur mit geringen Auswirkungen auf das Stromsystem zu rechnen“, heißt es in einem Bericht des DIW zu den Auswirkungen des Ausstiegs aus dem November. Angesichts ausreichender Kapazitäten und der Einbindung in das europäische Stromsystem seien keine Beeinträchtigungen der Versorgungssicherheit zu befürchten.

Kurzfristig, so der Bericht, sei für 2022 und 2023 zwar mit ansteigenden CO2-Emissionen aus dem Stromsektor zu rechnen, weil die wegfallende Kernkraft vor allem durch fossile Energieträger und Importe ersetzt werde. Diesem Effekt könne und müsse man mit einem beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien aber begegnen.

Deutschland steigt aus - doch die Atomkraft erlebt eine Renaissance

Während Deutschland die Meiler abschaltet, erlebt die Technologie anderswo gerade eine Art Renaissance. Frankreich zum Beispiel baut auf Kernenergie, um die eigenen Klimaziele zu erreichen – und wirbt deshalb gerade mit Nachdruck dafür, dass die Technologie in der geplanten EU-Taxonomie als „grün“ eingestuft wird. Die Taxonomie soll Kriterien für nachhaltige Finanzprodukte festlegen und so Finanz- und Investitionsströme lenken. Doch bislang gibt es keine Einigkeit, ob diese Ströme auch in Richtung Atomkraft und Erdgas gelenkt werden sollen. Lesen Sie dazu: Wird ausgerechnet die Atomenergie in Europa zum Klimaretter?

SPD-Chefin Saskia Esken gehört zu denen, die eine Einstufung von Kernenergie als „grün“ ablehnen: Sie habe bereits in jungen Jahren gegen die Atomenergie demonstriert, sagte sie unserer Redaktion. „Schon damals erschien mir die Nutzung ein Irrsinn, nicht zuletzt solange das Problem der Endlagerung der radioaktiven Abfälle nicht gelöst ist, und das ist es bis heute nicht.“ Deutschland werde als Industrienation die besondere Herausforderung meistern, sowohl aus der Atomenergie als auch aus der Kohleverstromung auszusteigen. „Dazu werden wir die Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen massiv ausbauen.“

Auch Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hält wenig von Atomkraft zur Klimarettung. „Es ist abstrus, wie viele ungedeckte Versprechungen aktuell zu möglichen neuen Reaktortypen zirkulieren“, sagte Lemke unserer Redaktion. „In der Realität steht Europa vor immer mehr überalterten Atomkraftwerken, deren Weiterbetrieb riskanter wird und die sich nur punktuell nachrüsten lassen.“ Dieses Problem dränge und gehöre ins Zentrum der Debatte, nicht „Märchen und Mythen“ von AKW-Konzepten, die weder die Sicherheitsprobleme noch die Endlagerfrage lösen würden.

Könnte Atomstrom auch in Deutschland einen Weg ins Regelwerk finden?

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte sich zuletzt zurückhaltend geäußert und die Bedeutung der Taxonomie heruntergespielt. Klimaschützerinnen und -schützer haben deshalb Sorge, dass Atomstrom und auch Erdgas ihren Weg in das Regelwerk finden könnten.

Scholz stehe vor „seiner ersten gewichtigen internationalen Klimaentscheidung“, sagte Luisa Neubauer von Fridays for Future unserer Redaktion. Die Menschen in Deutschland sollten sich darauf verlassen können, „dass er alles dafür tut, unsere Energiesysteme nachhaltig und gerecht zu organisieren – und uns mit aller Kraft vor der Klimakrise schützt. Das geht nur mit einem klaren Nein zu Gas und Atom als ‚nachhaltige‘ Energien.“ Lesen Sie auch: Klimaschutz-Ranking: So steht Deutschland international da

Mit einer Entscheidung auf EU-Ebene ist wohl erst zu Beginn des neuen Jahres zu rechnen. Auf die deutschen Meiler wird diese ohnehin keine Auswirkungen mehr haben: Die Kraftwerksbetreiber haben längst signalisiert, dass sie an einer Laufzeitverlängerung kein Interesse haben. „Das Kapitel Kernenergie ist für RWE abgeschlossen“, sagte dazu ein Sprecher des Konzerns kürzlich.

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