Konflikt

Aserbaidschan droht Armenien mit Schlag gegen Atomkraftwerk

Neue Gefechte an aserbaidschanisch-armenischer Grenze

An der Grenze zwischen Aserbaidschan und Armenien gibt es erneut Gefechte zwischen den verfeindeten Nachbarländen. Beide Konfliktparteien machen jeweils die andere Seite für die Gewalt verantwortlich. Armenische Einwohner an der Grenze wollen ihre Heimat trotz des Konflikts nicht verlassen.

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Baku.  Eskalation an der Grenze: Die verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan liefern sich erneut Gefechte. Kommt es nun zum Krieg?

Der Krieg der Zahlen und Worte ist in vollem Gang. Die Armenier meldeten vier, die Aserbaidschaner zwölf Gefallene. Außerdem verkündete man in Jerewan, man habe ein Dutzend feindlicher Kampfdrohnen und einen Panzer vernichtet.

Wagif Dargjachli, aserbaidschanischer Militärsprecher, dementierte grimmig und trumpfte mit neuen Raketensystemen auf: „Diese Präzisionswaffen sind zu einem Schlag gegen das Kernkraftwerk Mezamor fähig.“ Vorher hatten armenische Militärexperten vorgeschlagen, den Damm eines aserbaidschanischen Stausees bei Mingätschewir unter Feuer zu nehmen.

Seit Sonntag gibt es wieder offene Gefechte zwischen den verfeindeten Nachbarn Armenien und Aserbaidschan. Dabei sind die heftigsten Artillerieduelle diesmal nicht um die seit über 30 Jahren umkämpften armenischen Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan im Gange, sondern direkt an der Staatsgrenze im Norden beider Länder.

Armenien und Aserbaidschan im Krieg der Nerven

Zuletzt waren die Feindseligkeiten 2016 in Berg-Karabach wieder aufgeflammt. „Wie damals glaube ich nicht, dass es offenen Krieg geben wird“, sagt der Moskauer Kaukaususexperte Aschdar Kurtow unserer Zeitung. „Aber wenn Soldaten fallen und beide Seiten größere Truppenverbände einsetzen, kann sich die militärische Logik verselbstständigen.“

Bis jetzt ist es ein Krieg der Nerven. Und es geht offenbar wieder um Berg-Karabach, dessen Rückgabe Baku seit Jahrzehnten fordert. „Wir haben nicht vor, Verhandlungen als Imitation zu führen“, schimpfte der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew am Donnerstag. „Wenn wir sehen, dass sie sinnlos sind, werden wir entsprechende Schritte unternehmen.“

Aserbaidschaner demonstrieren für Krieg mit Armenien
Aserbaidschaner demonstrieren für Krieg mit Armenien

Am selben Tag entließ er Außenminister Elmar Mamedjarow, seit 2004 im Amt, und forderte eine „aggressive statt einer passiven, defensiven Außenpolitik.“ Beobachter glauben, angesichts der wackligen Exportpreise für Öl- und Gas sowie wachsender sozialer Unzufriedenheit seien die bisher lokalen Kämpfe Alijew durchaus willkommen.

Aber auch dem armenischen Premierminister Nikol Paschinjan, einem lautstarken Verteidiger des armenischen Karabachs, komme der Konflikt zurecht. „Die Opposition hat erfolgreich begonnen, die Probleme mit der Corona-Epidemie auszunutzen“, schreibt die Zeitung Nesawissimaja Gaseta, deshalb gelte es, die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine äußere Bedrohung umzulenken.

Krieg im Südkaukasus wäre Blamage für Moskau

„Aber keiner will einen großen Krieg“, sagt Experte Kurtow. Die aserbaidschanischen Streitkräfte seien zwar an Zahl und Bewaffnung überlegen. Aber Baku werde es nie riskieren, sich durch den Beschuss eines AKWs international zu ächten. Während die Armenier ausreichend Raketen besäßen, um die Gas- und Ölpipelines Aserbaidschans anzugreifen.

Die Türkei, Verbündeter und Rohstoffkunde Aserbaidschans, ist gerade an deren Unversehrtheit interessiert. Und Russland, Armeniens militärischer Schutzmacht, präsentiert sich gern als ehrlicher Makler zwischen Jerewan und Baku. Wladimir Putin drückte gestern seine „äußerste Besorgnis“ angesichts der Eskalation aus. Ein neuer Krieg im Südkaukasus wäre für Moskau eine diplomatische Blamage.

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