Halbwissen

Aussagen zur Delta-Variante: Armin Laschet erntet Kritik

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Das ist der Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet

Das ist der Unions-Kanzlerkandidat: Armin Laschet

Armin Laschet ist der Kanzlerkandidat der Union. Als CDU-Chef hat er sich bei der K-Frage gegen CSU-Chef Markus Söder durchgesetzt. Im Wahlkampf muss er mit viel Druck umgehen.

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Berlin  Armin Laschet tut sich auch eineinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie mit basalem Corona-Wissen schwer. Das sorgt im Netz für Spott.

  • In Nordrhein-Westfalen musste Landeschef Armin Laschet (CDU) für seine Entscheidungen in der Corona-Krise Kritik einstecken
  • Eine Laschet-Aussage zur Delta-Variante sorgt nun in den sozialen Netzwerken für Spott
  • Nach Meinung des CDU-Kanzlerkandidaten ist die Mutation scheinbar gar nicht so schlimm

Sieben-Tage-Inzidenz, R-Wert, Ct-Wert, Alpha, Beta, Gamma, Delta – die Corona-Pandemie hat naturwissenschaftliche Begriffe in den täglichen Sprachgebrauch übergehen lassen. Was wirklich dahintersteckt, ist für Menschen, die sich erst seit eineinhalb Jahren täglich mit dem Coronavirus befassen, nicht immer leicht verständlich.

Daher tritt zum Beispiel selbst Gesundheitsminister Jens Spahn bei seiner wöchentlichen Pressekonferenz immer zusammen mit dem Experten Lothar Wieler vor die Kameras. Komplizierte Fragen zu Inzidenzen, Fallzahlen und R-Wert reicht er dann gerne an den den Präsidenten des Robert Koch-Instituts weiter. Ein falsches Wort zu Corona kann im Volk schließlich viel Verwirrung stiften.

„Inzidenz sinkt trotz Delta“: Laschet erntet mit Aussage Häme im Netz

Armin Laschet, der sich vorgenommen hat, als Bundeskanzler die Spitze der Regierung dieses Volkes zu bilden, tritt auch ohne Expertinnen und Experten vor die Kameras. Das wäre nicht weiter problematisch – wenn man eigenes Halbwissen zumindest vorher mit Wissenschaftlern besprechen oder für sich behalten würde. Das war aber nicht der Fall bei einer Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch. Für eine dort gefallene Aussage erntet der Kanzlerkandidat der Union nun Spott und Entsetzen im Netz.

„Wenn trotz der Verbreitung der Delta-Variante die Inzidenz nicht steigt, sondern jede Woche immer weiter sinkt, scheint ja die Auswirkung nicht so groß zu sein“, erklärte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident vor Journalisten in Düsseldorf. Für viele zeigte Laschet mit der Aussage vor allem eines: Auch nach fast 16 Monaten Corona-Pandemie scheinen dem Politiker Grundkonzepte wie exponentielles Wachstum oder Inzidenz nicht einzuleuchten. Der Journalist Sascha Lobo kommentiert das Statement des NRW-Ministerpräsidenten, als wäre es Satire.

Lobo hatte in der Vergangenheit bereits häufiger öffentlich Kritik an Laschet geäußert. Erst im April schrieb er in einem offenen Brief an den Politiker, ihn beschleiche das Gefühl, er wolle die Bürger für dumm verkaufen. „Ich habe das Restvertrauen in Ihre politischen Fähigkeiten verloren“, brachte er es damals auf den Punkt. Und auch abseits von Corona hatte Sascha Lobo Laschet schon auf dem Kieker und stellte ihn unter „Bullshit-Verdacht“.

Auch Oppositionspolitiker stoßen sich an Laschets Aussage. So kommentiert der Bundestagsabgeordnete Janosch Dahmen (Grüne):

Gefahr der Delta-Variante ist wohl realer, als Laschet sie haben will

Der Aussage, dass die „Auswirkungen“ der weiteren Verbreitung der Delta-Variante schon „nicht so groß“ sein würden, würden Pandemie-Experten aus dem Stand widersprechen. Das liegt vor allem an den bisher bekannten Eigenschaften der gefährlichen Mutation.

Der R-Wert von Delta wird auf 6 bis 7 geschätzt. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Durchschnitt ohne Eindämmungsmaßnahmen und Impfungen sechs bis sieben andere Menschen infizieren würde. Dem ursprünglichen Sars-CoV-2-Erreger wird nur ein halb so hoher R-Wert zugeschrieben.

Delta ist auch 40 bis 60 Prozent leichter übertragbar als die bisher aggressivste Variante des Coronavirus, Alpha. Aktuell ist diese Mutation noch der am häufigsten nachgewiesene Typ in Deutschland. In Großbritannien hat diese Rolle bereits Delta übernommen – hierzulande ist der Anteil der zuerst in Indien festgestellten Mutation an den Infektionen binnen kürzester Zeit auf 15 Prozent gestiegen.

Zudem ignoriert Laschets Aussage verschiedene Faktoren, die derzeit zu den niedrigen Inzidenzen führen:

  • Delta dürfte erst im Herbst richtig zuschlagen: Aufgrund der sommerlichen Temperaturen können sich derzeit mehr Menschen draußen miteinander treffen. Atemwegserkrankungen wie das Coronavirus unterliegen saisonalen Effekten, wie eine neue Studie von Forschern der Universität Oxford nachweist.
  • Statistische Verzögerungen: Von der Infektion bis zur Erkrankung vergehen beim Coronavirus mehrere Tage. Die mittlere Inkubationszeit wird in den meisten Studien mit fünf bis sechs Tagen angegeben. Zudem gibt es auch bei der Berechnung der Inzidenz eine Verzögerung – die bundesweite Inzidenz berechnet das RKI aus den Werten der zurückliegenden sieben Tagen.
  • Zudem stecken sich derzeit weniger Personen – wahrscheinlich dank Impfungen und saisonaler Effekte – mit dem Coronavirus an. Dadurch wird das Virus, ob Delta- oder Alpha-Typ, auch auf weniger Menschen übertragen. Je weniger Infizierte es gibt, desto mehr verlangsamt sich die exponentielle Ausbreitung.

Sobald die Zahl der Infizierten wieder zunimmt – laut Experten wie dem Virologen Christian Drosten dürfte das im Herbst der Fall sein –, wird die Sieben-Tage-Inzidenz wieder deutlich steigen.

Armin Laschet: Eigener Corona-Expertenrat warnt vor neuer Corona-Welle im Herbst

Wohlfeile Aussagen, die diese Effekte ignorieren, würden Politikern wohl seltener unterlaufen, wenn sie engmaschig von Wissenschaftlern beraten werden würden. Laschets interdisziplinärer Corona-Expertenrat – in dem nur ein Virologe, der Bonner Forscher Hendrik Streeck, saß – traf sich am Mittwoch allerdings zu seiner letzten Sitzung.

Die Experten, vor allem aus den Sozialwissenschaften und der Wirtschaft, rieten der NRW-Landesregierung zu einem besonnenen Umgang mit der aktuellen Entspannung der Corona-Krise. Ab Herbst sei nämlich wieder mit einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen zu rechnen. Ob Armin Laschet diese letzte Stellungnahme des Rats beim Wort nimmt, scheint aufgrund seiner Aussage bei der Pressekonferenz mehr als fraglich.

CDU-Chef erlaubte sich in der Pandemie schon so manchen Schnitzer

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass Laschet mit lapidaren Aussagen zur Corona-Politik für Aufsehen sorgt: Über die Osterfeiertage wollte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident eigenen Aussagen zufolge „nachdenken", anstatt möglichst noch vor den Feiertagen mit seinen Länderkollegen eine Lösung zu finden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Mehr oder weniger spannendes Ergebnis des Nachdenkens war dann die Idee des Brücken-Lockdowns. Lesen Sie auch: „Markus Lanz": Armin Laschet redet sich um Kopf und Kragen

Schon als sich im Juni 2020 im Umfeld des Schlachterei-Werk der Firma Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mehr als 1800 Menschen mit dem Coronavirus infizierten, schoss der CDU-Politiker ein Eigentor. In einer Stellungnahme zu dem Corona-Massenausbruch verneinte er eine Mitschuld der in Nordrhein-Westfalen damals laschen Corona-Regeln an der Situation. Stattdessen seien die Arbeitnehmer im Schlachtbetrieb – einreisende „Rumänen und Bulgaren“ – Auslöser der Misere gewesen.

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