Interview

Karliczek: Komplette Öffnung der Schulen käme zu früh

Lesedauer: 8 Minuten
Drohende Lockdown-Verlängerung trotz sinkender Zahlen

Drohende Lockdown-Verlängerung trotz sinkender Zahlen

Droht trotz sinkender Infektionszahlen auch nach dem 15. Februar ein harter Lockdown? Darüber berät sich die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen am 10. Februar.

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Berlin.  Wann können die Kinder wieder zur Schule gehen? Bundesbildungsministerin Anja Karliczek über den Weg zurück zum Präsenzunterricht.

Kanzlerin und Ministerpräsidenten schalten sich am 10. Februar wieder zusammen, um über eine Lockerung der Corona-Auflagen zu beraten. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) mahnt bei den Schulen zur Vorsicht – und dringt auf bessere Hygienemaßnahmen.

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Der Lockdown ist bis 14. Februar befristet, die Infektionszahlen gehen deutlich zurück. Wann werden die Schulen wieder geöffnet?

Anja Karliczek: In der Frage der Schulöffnungen gibt es nach wie vor keinen einfachen Lösungsweg. Die sinkenden Infektionszahlen sind ein Erfolg für die Gesellschaft. Diesen Erfolg sollten wir aber nicht leichtfertig auf Spiel setzen. Wir müssen immer noch sehr vorsichtig sein. Die Lage ist nicht zuletzt durch die Virusmutationen weiter sehr fragil.

Diese unsichere Situation wird auch zu berücksichtigen sein, wenn es um die Wiederaufnahme des aktuellen Schulbetriebs geht. Wir alle wünschen uns, dass die Kinder und Jugendlichen wieder mehr in die Schule gehen können. Eine flächendeckende Rückkehr zu einem mehr oder weniger kompletten Präsenzunterricht in allen Schulen, so sehr wir ihn auch herbeisehnen, dürfte momentan wegen der allgemeinen Infektionslage vermutlich noch verfrüht sein.

Also weiter Homeschooling?

Karliczek: Vielleicht kann mit großer Vorsicht ein erster Schritt gegangen werden. Denn diese Pandemie hinterlässt bei vielen Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren. Die Familien sind erschöpft.

Deswegen sollten wir zumindest über erste regionale Ausnahmen nachdenken. Dort, wo derzeit schon ein über eine längere Zeit ein stabil geringeres Infektionsniveau zu verzeichnen ist, könnte Präsenzunterricht mit reduzierten Klassen und angepasster Stundenzahl zu verantworten sein. Voraussetzung wäre, dass in den Schulen ganz strenge Präventionsmaßnahmen gegen eine Übertragung des Virus beachtet werden. Das ist ganz wichtig.

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Welche Schüler können als erste in den Präsenzunterricht zurückkehren?

Karliczek: Bei regionalen Öffnungen denke ich vor allem an die Abschlussklassen und an die ersten Grundschulklassen in Regionen mit sehr niedrigem Infektionsgeschehen. Zudem sollten dort Angebote für Kinder und Jugendliche möglich sein, die den Lehrerinnen und Lehrern gerade besondere Sorgen machen.

Insgesamt brauchen wir in den nächsten Tagen noch weiter Geduld. Die Lage sollte nach dem 14. Februar zumindest noch ein bis zwei weitere Wochen beobachtet und danach wieder neu bewertet werden. Wenn dann die Infektionszahlen weiter gesunken sind, wird es neue Spielräume für Lockerungen bei den Schulen und Kindergärten geben. Wenn es Spielräume gibt, müssen diese immer zuerst für die Schulen und Kindergärten genutzt werden.

Bund und Länder verschärfen die Corona-Maßnahmen
Bund und Länder verschärfen die Corona-Maßnahmen

Müssen die Hygieneregeln strenger werden?

Karliczek: Wenn Schulen geöffnet werden, sollten die Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle von Sars-CoV-2-Übertragungen insgesamt noch konsequenter sein als in der Vergangenheit. Es ist weiterhin sicher empfehlenswert, wenn alle Kinder und Jugendlichen in allen Jahrgängen im Unterricht eine Maske tragen.

Bei der Bildung von Lerngruppen hilft es sehr, stets auf gleiche Zusammensetzung zu achten – so weit das irgendwie möglich ist. Je konsequenter solche Maßnahmen umgesetzt werden, desto mehr Präsenzunterricht wird in Pandemiezeiten möglich sein – und das wollen wir doch alle. Wir brauchen in den nächsten Monaten sehr viel Solidarität und Disziplin auch gerade in den Schulen.

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Wünschen Sie sich, dass Lehrer und Erzieher früher geimpft werden?

Karliczek: In der derzeitigen Rangfolge stehen Lehrerinnen und Lehrer sowie die Erzieherinnen und Erzieher schon jetzt verhältnismäßig weit oben. Das ist auch richtig. Sie nehmen eine für die Gesellschaft ganz wichtige Aufgabe wahr. Gerade die Grundschullehrerinnen und -lehrer und die Beschäftigten in den Kitas haben oft einen ganz engen Kontakt zu den Kindern.

Dadurch, dass der Impfstoff von Astrazeneca nach der Empfehlung der Ständigen Impfkommission nur für Personen unter 65 Jahren eingesetzt werden soll, könnte dieser Impfstoff schon bald für Lehrerinnen und Lehrern und Erzieherinnen und Erzieher angeboten werden. Das würde natürlich auch bei der Normalisierung des Schul- und Kitabetriebs helfen. Allerdings gilt nach wie vor, dass wir noch nicht abschließend wissen, ob die Impfstoffe nur vor eigenen schweren Erkrankungen schützen oder auch vor Weitergabe des Virus.

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Warum funktioniert der digitale Unterricht in der zweiten Infektionswelle immer noch nicht richtig?

Karliczek: Ich höre vielfach, dass es an den Schulen inzwischen insgesamt besser läuft als im ersten Lockdown. Die einzelnen Rückmeldungen sind aber natürlich unterschiedlich. Mein Haus stellt den Ländern Milliarden für die Digitalisierung zur Verfügung …

… die aber nicht abgerufen werden.

Karliczek: Das Geld wird mehr und mehr abgerufen, aber auch in einem Jahr konnten die Schulen und Schulträger Versäumnisse der Vergangenheit nicht vollständig aufholen. Der Bund ist immer bereit, sinnvolle Projekte auch in Zukunft zu unterstützen. So diskutieren wir ja im Augenblick zum Beispiel gemeinsam über eine neue Form der Zusammenarbeit in der Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer.

Insgesamt wird jedoch immer wieder deutlich, dass uns die gegenwärtige Verfassungslage an einer echten inhaltlichen Zusammenarbeit von Bund und Ländern im Schulbereich hindert. Ich glaube, dass wir das ändern sollten.

Was tun Sie für besonders benachteiligte Kinder?

Karliczek: Viele Schülerinnen und Schüler konnten trotz aller Anstrengungen von den Lehrerinnen und Lehrer in den vergangenen Wochen im Distanzunterricht nicht richtig angesprochen werden. Das betrifft gerade die, denen das Lernen ohnehin schon nicht leicht fällt. In den nächsten Monaten müssen insbesondere die Schülerinnen und Schüler massiv unterstützt werden, die infolge der Schulschließungen und des veränderten Unterrichts in dieser Pandemie Nachteile erlitten haben.

Und zwar wie?

Karliczek: Ich bin mit den Ländern im Gespräch, ein entsprechendes Programm aufzulegen. Ich könnte mir dabei vorstellen, dass wir dabei arbeitsteilig vorgehen. Die Länder sind dabei, entsprechende Fördermaßnahmen in den Schulen selbst aufzulegen. Wir als Bund sagen zu, dies durch die Organisation von außerschulischen Maßnahmen zu ergänzen und damit auch die notwendigen Länderanstrengungen zu flankieren. Mein Haus arbeitet bereits an entsprechenden konkreten Vorschlägen, die über das bewährte Programm „Kultur macht stark“ hinausgehen würden.

Wie kann das aussehen?

Karliczek: Wir brauchen ein großes Programm, damit wir den Kindern und Jugendlichen helfen, nach der Pandemie wieder richtig in die Spur zu kommen. Es geht ja nicht nur um Wissensvermittlung, sondern ganz stark auch um Persönlichkeitsentwicklung und soziales Miteinander. Ich höre immer wieder, dass sich hier viele Menschen beteiligen würden, die zum Beispiel schon aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Wir sind eine solidarische Gesellschaft. Hierzu müssen Bund und Länder einen gemeinsamen Rahmen schaffen. Wir können dabei auf das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen setzen. Das darf gern eine große Aktion werden – nach dem Motto: Für eine starke Jugend nach Corona. Ähnliche Unterstützungsangebote, in denen sich auch Jüngere engagieren, gibt es doch schon heute. Wir müssen vieles nicht neu erfinden. Es gilt, die vorhandenen Kräfte unseres Landes gut zu verknüpfen, um die Kinder und Jugendlichen systematisch zu unterstützen, für die die Corona-Zeit besonders schwierig ist.

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