Verschwendung

Retouren: Umweltministerium erstellt Regeln für Vernichtung

Heute gibt es kaum etwas auf der Welt, das der Online-Händler Amazon nicht verkauft. Und es gibt kaum einen Ort auf der Welt, wo das alles nicht zu haben ist. Doch wie wurde das Unternehmen so groß?

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Berlin  Amazon vernichtet viele zurückgeschickte Waren, obwohl sie neuwertig sind. Die Regierung will dieses Vorgehen per Gesetz einschränken.

Die Grünen wollen Online-Versandhändlern wie Amazon verbieten, neuwertige Waren zu vernichten, die von ihren Kunden zurückgeschickt werden. Nun hat das Bundesumweltministerium reagiert. Es will per Gesetz die Vernichtung zurückgegebener Neuwaren einschränken.

Das Ministerium bereite derzeit einen gesetzlichen Rahmen vor, der die Vernichtung von Neuware reglementieren solle, teilte ein Sprecher von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) mit. Es solle eine „Obhutspflicht“ verankert werden mit dem Ziel, rechtlich gegen die „unmittelbare Vernichtung von Retouren oder sonstiger Neuwaren vorgehen zu können“. Der Entwurf zur Änderung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes werde „zeitnah“ veröffentlicht.

Grüne wollen Amazon verbieten, Retouren wegzuwerfen

„Wir erleben eine Perversion der Wegwerfgesellschaft“, hatte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt unserer Redaktion gesagt. „Da ist der Staat gefordert.“

Göring-Eckardt stellte einen Drei-Punkte-Plan vor:

  1. „Dem Online-Handel wird verboten, neuwertige Produkte, die zurückkommen, zu vernichten.“
  2. Zweitens sollten zurückgeschickte Produkte, die nicht mehr in den Verkauf können, verschenkt werden – etwa über Sozialkaufhäuser.
  3. Drittens müssten die Rohstoffe zurück in den Wertstoffkreislauf.

Retouren-Regeln? „Unfug“, meinen die Händler

Laut Umweltministerium wird auch eine Umsatzsteuerbefreiung von Sachspenden geprüft. Am 18. Juni sei eine Konferenz von Umwelt- und Verbraucherschutzministerium zu „Herausforderungen des Onlinehandels für Umwelt- und Verbraucherschutz“ geplant. Dabei werden der Versandhandel auch zur Retourwarenvernichtung Stellung nehmen müssen, es gebe dazu einen Workshop.

Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) teilte mit, die Forderung der Grünen verkenne die operative Praxis und die rechtliche Lage der Händler – sie sei „Unfug“. „Kein Unternehmen meiner Branche hat ein Interesse, wirtschaftlich sinnvoll verwertbare Ware wegzuwerfen oder zu vernichten“, sagte BEVH-Präsident Gero Furchheim.

Amazon vernichtet bei Retouren massenhaft neuwertige Ware

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende hat andere Erkenntnisse: Im Schnitt werde jedes sechste Paket zurückgeschickt, rechnete Göring-Eckardt vor. Das seien annähernd 500 Millionen Produkte im Jahr, vor allem Schuhe und Kleider, aber auch Kaffeeautomaten, Waschmaschinen oder Handys. Insgesamt beläuft sich der Umfang auf mehr als 280 Millionen Pakete. Vor allem Schuhe und Kleider werden zurückgeschickt: Hier sind es rund die Hälfte aller versendeten Waren.

Einiges davon landet im Müll. Vier Prozent etwa wird weggeschmissen. Laut Wissenschaftlern wird ein Großteil wieder verkauft. Dass Produkte weggeschmissen werden, ist Göring-Eckardt ein Dorn im Auge. „Viele von ihnen werden nach der Rücksendung komplett vernichtet“, kritisierte Göring-Eckardt. „Dabei handelt es sich um neuwertige Produkte, die voll funktionsfähig sind und höchstens einen Kratzer haben.“

Greenpeace betonte, man fordere bereits seit der Enthüllung dieser „gängigen Vernichtungspraktik“ im Sommer 2018 ein umfassendes Ressourcenschutzgesetz von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Dieses sollte neben einem Verbot der Vernichtung neuwertiger beziehungsweise voll funktionstüchtiger Konsumgüter etwa auch die steuerliche Förderung von Reparaturleistungen beinhalten. Die Grüne forderten bereits ein „Recht auf Reparatur“ für Geräte.

Retouren: Deutsche sind Europameister im Zurückschicken

Forscher der Universität Bamberg hatten ermittelt, dass die Bundesbürger bei Bestellungen im Internet im vergangenen Jahr 280 Millionen Pakete und 487 Millionen Artikel zurückgeschickt hätten. Damit sind die Deutschen Europameister im Zurückschicken.

Bei Kleidung und Schuhen ging sogar fast die Hälfte der Pakete zurück. Die Retouren belasten durch das zusätzliche Transportaufkommen das Klima, die Kosten müssen einerseits die Kunden durch höhere Marktpreise tragen, andererseits erzielen die E-Commerce-Händler geringere Margen. Da stellt sich schon die Frage: Wie viel Ausprobieren ist beim Online-Shopping erlaubt?

Das sagt Amazon zu den Retouren-Vorwürfen

Nach Erkenntnis der Forscher landen rund vier Prozent der zurückgeschickten Artikel im Müll. Immerhin gut 79 Prozent werden direkt wieder als A-Ware verkauft, weitere 13 Prozent als B-Ware. Drei Prozent würden an industrielle Verwerter verkauft oder an gemeinnützige Organisationen gespendet.

Marktführer Amazon erklärte dazu am Montag, die meisten Retouren kämen erneut in den Verkauf, gingen an Lieferanten zurück oder würden je nach Zustand an gemeinnützige Organisationen gespendet. So hätten seit 2013 mehr als 1000 Wohltätigkeitsorganisationen Spenden erhalten und rund 450.000 Menschen davon profitiert.

In bestimmten Fällen könnten Produkte weder weiterverkauft oder gespendet werden, etwa aus Sicherheits- oder Hygienegründen. „Wir arbeiten hart daran, diese Zahl auf Null zu bringen“, betonte das Unternehmen, das außerdem gerade fleißig daran arbeitet, seinen Absatz zu steigern. Mit „Prime Air“ sollen Amazon-Pakete bereits binnen Monaten per Drohne geliefert werden können.

Amazon kündigt Liefer-Drohne an

Manchmal müssen Kunden die gekaufte Ware aber auch gar nicht mehr zurücksenden:

Der stellvertretende Fraktionschef der Union, Georg Nüßlein (CSU), kritisierte den Vorstoß der Grünen: „Die Grünen kennen nur ein Reaktionsmuster: Problem – Verbot. Wer die ans Ruder lässt, wird sich am Ende umschauen“, sagte Nüßlein der „Rheinischen Post“.

Grüne wollen auch gegen Coffee-to-go-Müll vorgehen

Co-Fraktionschef Anton Hofreiter machte am Sonntag einen weiteren Vorstoß, um die Wegwerfpraxis einzudämmen: Der Grünen-Politiker forderte bundesweite Pfandsysteme für Kaffeebecher zum Mitnehmen.

„Die Bundesregierung muss konsequent auf Mehrweg setzen und bundesweit Pfandsysteme für Mehrwegkaffeebecher noch in diesem Jahr auf den Weg bringen“, sagte Hofreiter der „Bild am Sonntag“. Auch die Umwelthilfe will ein bundesweites Pfandsystem für Kaffeebecher.

Der Einwegbecher stehe exemplarisch für den „Müllwahnsinn in Deutschland“. Die Deutschen verbrauchen jedes Jahr rund 2,8 Milliarden Einweg-Becher. (mit dpa)

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