Protest

Aktivisten aus dem „Klimacamp“: Sitzen gegen Kohle

Das „Klimacamp“ in Erkelenz: Aktivisten stopfen Stroh in Säcke, um das Sitzblockieren gemütlicher zu machen. Im Versammlungszelt organisiert sich der Protest.

Das „Klimacamp“ in Erkelenz: Aktivisten stopfen Stroh in Säcke, um das Sitzblockieren gemütlicher zu machen. Im Versammlungszelt organisiert sich der Protest.

Foto: Fabian Strauch

Erkelenz.   Der Protest gegen den Braunkohle-Tagebau hat begonnen. Dem Rheinland stehen heiße Tage bevor. Doch immerhin sprechen die Seiten miteinander.

Sie sitzen im Stroh und wollen die Welt verändern. Vor ihnen steht ein Clown und erklärt wie. Die Aktivisten aus dem „Klimacamp im Rheinland“ gegen den Braunkohle-Tagebau lernen am Donnerstagvormittag die korrekte Sitzblockade. Jonas in Kunterbuntjacke, Blümchen-Rock und Outdoor-Sandalen erklärt Techniken des passiven Widerstands: Zusammenkauern und Weichteile schützen – oder sich „schwermachen“, ausstrecken und Verletzungen riskieren? Das Ziel ist es, möglichst lange Schienen, Straßen und Bagger zu blockieren, bevor die Polizei einen wegträgt. Wenn ein Kraftwerk auch nur kurz herunterfahren müsste, das würden sie feiern.

Natürlich sind auch Sitzblockaden Straftaten. „Wir stehen in der Tradition des zivilen Ungehorsams, der immer auch Gesetze gebrochen hat, weil eine moralische Pflicht dazu auffordert“, sagt Janna Aljets, Sprecherin des Bündnisses „Ende Gelände“, freimütig. Den Aktivisten droht in der Regel eine Anzeige wegen Nötigung. Zu den legalen Aktionen bei den Protesten bis zum Dienstag rund um Erkelenz gehört eine zwei Kilometer lange Menschenkette am Samstag am Tagebau Hambach, wo ein recht ursprüngliches Stück Wald seit Jahren besonders heftig „umkämpft“ wird.

Organisiert wird letztere von den großen Umweltverbänden, die unter den rund 6000 Kohle-Gegnern ebenso vertreten sind wie die Anti-Atomkraft-Veteranen, die Grüne Jugend, Anwohner und unorganisierte Überzeugte wie Bernd, 51, aus dem Bausektor, der nun eine längere politische Pause beendet. Er redet länger abstrakt über Klimaschutz, dann sagt er: „Ich habe drei Kinder, da fühle ich mich einfach verantwortlich.“ Noa ist Anwohnerin, sie sagt: „Ich sehe jeden Tag, wie Lebensraum zerstört wird. Wie die Bagger weiter vorrücken.“ Informatikstudent Yannick, 21, und Hannah aus Kiel „waren schon bei G20 in Hamburg dabei. „Der Klimawandel ist ja greifbar“, sagt er. Und Psychologiestudentin Lara, 22, erklärt: „Es geht darum, mit Leuten zusammenzukommen, die sich auch um die Zukunft Gedanken machen. Die Kohle ist nur ein Teil in diesem größeren Bild.“

Vorm Zirkuszelt des Camps stopfen Freiwillige Säcke mit Stroh, damit das Sitzblockieren bequemer wird. Hinterm Zelt gibt’s eine Einweisung: Die Zeit des Sitzens könne genutzt werden, zu diskutieren, zum Beispiel „Was hat Queer-Feminismus mit Klimawandel zu tun?“ Aber es gibt auch ganz kopnkrete „Infrastrukturaufgaben“. Immer gesucht werden „Schnibbler“ für die „Küfa“, die „Küche für alle“, täglich wollen 2000 Menschen verköstigt werden. Und wenn eine Organisatorin durchs Mikro sagt, dass man auch „Scheiße rühren“ kann, ist das nur halb gescherzt. Selbst die Toiletten hier sind politisch: Kompostklos natürlich. Der menschliche Dünger will in den natürlichen Kreislauf rückgeführt werden.

Es gibt auch ein Gegen-Gegen-Camp: die Mahnwache der Bergbaugewerkschaft IG BCE an einem Kreisverkehr. Hüben werden veganer Linsensalat und Crêpes serviert, hier brutzeln die Bratwürste. Bier eint die Fronten.

„Unsere Kollegen sind die Leidtragenden“, sagt Manfred Maresch, der Bezirkschef der IG BCE in Alsdorf. „Und wir sind auch die Gewalt leid. Die Kollegen haben einfach Angst.“ Er spricht von Baggerstürmungen, von Krallen auf der Fahrbahn im Hambacher Forst, wo Aktivisten ganzjährig campieren, von Nägeln in den Bäumen, die die Motorsägen kaputt machen sollen. Aber er gibt zu, die Zukunftsangst, die Angst um den Job treibt die Kollegen wohl weitaus mehr an. „Viel haben kein Verständnis, dass Straftaten ungeahndet bleiben. Dass auch die offene Ankündigung von Straftaten nicht dazu führt, dass man dagegen vorgehen kann.“

Tatsächlich haben die Kohlegegner erstmals einen „Aktionskonsens“ verabschiedet, in dem sie betonen, dass „keine Menschen gefährdet werden sollen“ und keine Infrastruktur beschädigt werden soll. Der Gewerkschafter findet das gut. Und so besuchen sich die Lager nun auch offiziell. Erst am Mittwochabend war Manfred Maresch im gegnerischen Camp, im vollen roten IG BCE-Ornat. Kein Problem. „Die Diskussion war für einen politischen Menschen sehr angenehm, nicht inhaltlich“, sagt Maresch, aber sachlich, fair und auf hohem Niveau. Es schwingt Respekt mit. „Wir glauben eben nicht, dass wir das Weltklima retten, wenn wir die Kraftwerke abschalten“, sagt Maresch. „Wir brauchen einen weltweiten Konsens.“ 10 000 Beschäftigte arbeiten direkt im Bergbau und den Kraftwerken, sagt er, weitere rund 20 000 Arbeitsplätze hingen indirekt daran.

Gigantisch klafft Garzweiler im platten Land. Am offiziellen Aussichtspunkt hat sich ein italienisches Ehepaar zwischen all die Polizisten verirrt. Touristen. Schwiegersohn Marco Szommer sagt: „Wir haben gestern in Düsseldorf über den Grand Canyon gesprochen, da dachten wir, es wäre eine gute Idee, ihnen das hier zu zeigen.“ Am Donnerstag ist das noch kein Problem. Auch die Polizisten sammeln sich für ein Gruppenfoto.

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