Rechtspopulismus

Eine AfD-Aussteigerin erklärt: „Die Partei ist verloren“

Die AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber bezeichnet sich als Freundin Israels.

Foto: Jörg Krauthöfer / BM

Die AfD-Aussteigerin Franziska Schreiber bezeichnet sich als Freundin Israels. Foto: Jörg Krauthöfer / BM

Berlin  Franziska Schreiber ist im Vorstand des AfD-Jugendverbandes. Nun kehrt sie der Partei den Rücken und warnt vor den Rechtspopulisten.

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Eine Schusswaffe möchte Franziska Schreiber immer noch haben. Zur Selbstverteidigung, weil Frauen in der Regel kleiner und schwächer als Männer sind, sagt sie, und folgerichtig sei dies ein Beitrag zur Emanzipation. Von dieser Position ist die 27-Jährige bis heute nicht abgerückt. Mit vielem anderen hat sie inzwischen gebrochen.

Die Dresdnerin ist im Bundesvorstand der „Jungen Alternative“, der Jugendorganisation der AfD. Nun will sie aussteigen und vor ihren einstigen politischen Weggefährten warnen.

Der Sinneswandel einer einstigen Linken

Aufgewachsen ist Franziska Schreiber in einem linksbürgerlichen Umfeld, die Mutter steht den Grünen nahe, der Großvater der SPD und ihre Schwester der Antifa. Auch sie war einst links, „besorgniserregend links“, wie sie einem Journalisten der „Zeit“ einmal ins Heft diktierte.

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Spätestens seit Mai 2015 ist sie der breiteren Öffentlichkeit eher als rechte Demagogin bekannt. Auslöser war ein Facebook-Post, in dem sie schrieb: „Leugnen kann man nur ein Verbrechen, das man selbst begangen hat. Wenn man behauptet, dass es den Holocaust nie gegeben hat, dann hat man eine andere Meinung als so ziemlich alle Historiker der Welt, aber das sollte kein Verbrechen sein. Ich bin für schrankenlose Meinungsfreiheit.“

Schreiber distanzierte sich später

Es sind Sätze, wie man sie inzwischen von AfD-Politikern gewohnt ist. Sei es Björn Höckes Rede vom Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“, die Alice Weidel zugeschriebene Email, in der von „Marionetten der Siegermaechte“ die Rede ist, oder Alexander Gauland, der endlich wieder „stolz (…) auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ sein möchte.

Schreiber distanzierte sich im Nachhinein wiederholt von ihrem Post, für den sie in die Nähe von Holocaustleugnern gerückt wurde. Überhaupt sei sie 2013 ursprünglich wegen des gemäßigten Parteigründers Bernd Lucke und der Europolitik eingetreten, „das Flüchtlingsthema kam ja erst später“.

Von Holocaust-Polemik zur Israel-Solidarität

Seit einiger Zeit bezeichnet sie sich als Freundin Israels und wird von der rechtslastigen Seite „eigentümlich frei“ gar als „ehrenamtliche Israellobbyistin“ bezeichnet. In ihrem Twitterfeed ergreift sie regelmäßig Partei für den jüdischen Staat. In einer Partei, in der Verschwörungstheorien wuchern und Antisemiten Rückhalt genießen, ist dies keine Selbstverständlichkeit.

Und auch ihr Entschluss, der AfD den Rücken zu kehren, hat indirekt mit Israel zu tun, erzählt sie. Beim AfD-Parteitag in Köln im April dieses Jahres habe es einen Antrag auf Beistandserklärung mit dem Nahost-Staat gegeben. Dieser sei abgelehnt worden. Durchgekommen sei dann der Antrag, im Parteiprogramm nur noch von „Grundgesetz“, nicht von „Verfassung“ zu reden, da Deutschland keine Verfassung habe. Da habe es ihr gereicht.

„Dass Gauland ausgerechnet jetzt provoziert, ist kein Zufall“

Hinter den anhalten Skandalen und Skandälchen, die von AfDlern am Fließband produziert werden, erkennt Schreiber eine Strategie. „Höcke, Gauland und die anderen versuchen, mit möglichst radikalen Aussagen liberale Mitglieder aus der Partei zu drängen“, sagt sie. „Sie wissen, dass sie mit den Moderaten innerparteilich keine Mehrheit bekommen.“

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Es sei kein Zufall, dass zum Beispiel Gauland ausgerechnet jetzt mit seinen Weltkriegs-Sprüchen provoziere. „Allerdings hat er dabei nicht die Bundestagswahl im Blick, sondern die Bundesvorstands-Wahl.“

AfD spricht auf Pegida-Demonstrationen

Aus der AfD ist sie inzwischen ausgetreten. Demnächst möchte sie ihren Austritt aus dem separat organisierten Jugendverband erklären. Eigentlich habe sie bis nach der Bundestagswahl warten wollen. Aber dann sei ihr eine Mitglieder-Rundmail zugeschickt worden, in der angekündigt wurde, dass die AfD bei der nächsten Pegida-Demonstration in Dresden mit einem Stand und zwei Rednern vertreten sein wird. Das beschleunigte ihre Entscheidung.

Dabei bringt die ehemalige Jura- und Politikstudentin durchaus vieles mit, was für eine Karriere in der Politik von Vorteil ist. Die Sächsin spricht in druckreifen Sätzen und ist eine schnelle Denkerin. Sie schafft es, Zusammenhänge kreativ zu veranschaulichen. Eine angebliche „Überfremdung“ kritisiert sie anhand des Kinderfilms „Bibi und Tina 4“, und ihr polemischer Artikel über Schusswaffen und deren emanzipatorischen Gehalt ist stringent durchargumentiert.

„Mein Gesicht ist für alles andere verbrannt“

Dann wären da, wichtig in der medienfixierten Öffentlichkeit, Äußerlichkeiten. Schreiber ist jung, weiblich und fotogen, drei starke Argumente in einer Parteienlandschaft, deren Personal sich immer noch weitgehend aus den viel gescholtenen „alten, weißen Männern“ zusammensetzt.

Händeringend suchen die Parteien nach frischen, weiblichen Gesichtern, mit Frauke Petry und Alice Weidel hat die AfD vorgemacht, wie man sich selbst als antimodernistische Partei modern verkaufen kann. Noch vor einiger Zeit konnte sie sich nicht vorstellen, außerhalb der Politik Karriere zu machen. „Mein Gesicht ist für alles andere verbrannt“, hatte sie einmal in einem Interview mit Blick auf die öffentliche Ächtung von AfD-Politikern gesagt.

Russland solle die Krim behalten, findet Schreiber

Beim Reizthema Russland schimmert bei ihr noch ein wenig AfD durch. Die Partei gibt sich explizit russlandfreundlich, in Berlin werben Bundestagskandidaten sogar mit russischsprachigen Wahlplakaten. Sie sei nicht derart moskautreu wie viele andere Parteimitglieder. Inhaltlich halte sie es lieber mit FDP-Chef Christian Lindner. Dieser hatte im August in einem Interview mit unserer Redaktion gesagt, man müsse die von Russland okkupierte Krim „zunächst als dauerhaftes Provisorium ansehen“ .

Dies hatte einen Sturm der Empörung ausgelöst und im Bundestagswahlkampf den ersten, sichtbaren Kratzer an Lindners Lack hinterlassen. „Wir können eh’ keinen militärischen Konflikt mit Russland eingehen, daher soll Putin die Krim eben behalten“, verteidigt Franziska Schreiber den Liberalen-Chef. In die FDP, die sie nun übrigens wählen werde, würde sie eventuell eintreten. Allerdings sei das für ehemalige AfDler schwierig.

Schreiber fordert Gleichbehandlung

Dann sind da die „Männerrechte“, ein Themenfeld, das gemeinhin eher von rechtslastigen Autorinnen und Autoren gegen den Feminismus in Stellung gebracht wird. Auf Twitter weist Schreiber in mehreren Beiträgen auf vermeintliche Ungerechtigkeiten Männern gegenüber hin: „Permanente Erpressung mit Kontaktentzug zum eigenen Kind“, oder „Früher sterben, bei Scheidungen verlieren, weniger Geld zur Verfügung haben, bei häuslicher Gewalt als Täter gelten.“ Ihren Kritikerinnen wirft sie „Penisneid“ vor.

Offline klingt Schreiber weniger polemisch. „Es gibt ein paar Knackthemen, wo ideologisches und rationales Denken aufeinander stoßen.“ Der Feminismus sehe Frauen immer in der Opferrolle. Die Gesellschaft mache es Männern mit den klassischen Rollenbildern ebenfalls nicht einfach. In Fragen des Sorgerechts etwa seien Frauen eher in der starken Position.

Freude über ihren Austritt

Ihrer linksgeprägten Familie hat sie ihre Entscheidung, sich von der AfD loszusagen, bereits mitgeteilt. Lange hatte sie mit ihrer Schwester, der Antifa-Aktivistin, einen „Burgfrieden“ gehalten, sonst wären harmonische Zusammenkünfte nicht möglich gewesen. „Meine Eltern haben sich jedenfalls sehr gefreut“, sagt sie. Weniger freuen dürften sich die alten Parteifreunde über ihren öffentlichkeitswirksamen Austritt. Dass es zu Bedrohungen kommen wird, sei nicht auszuschließen, sagt Schreiber. „Ein bisschen Sorgen mache ich mir schon.“

Dass sich die AfD noch einmal fangen und von dem mittlerweile dominanten völkischen Flügel trennen könnte, glaubt die Abtrünnige nicht mehr. Ein Land nach Geschmack der Rechtspopulisten wäre „das Ende der freiheitlichen Gesellschaft so wie wir sie kennen“. Und ergänzt: „Die Partei ist unwiederbringlich verloren.“

Dieser Artikel ist zuerst aus Morgenpost.de erschienen.

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