Sicherheit

Scheuer will schnellere Einführung von Abbiegeassistenten

Um die Zahl der Toten und Verletzten im Straßenverkehr zu senken, fordern Experten eine verpflichtende Ausrüstung von Lastwagen mit sogenannten Abbiegeassistenten.

Um die Zahl der Toten und Verletzten im Straßenverkehr zu senken, fordern Experten eine verpflichtende Ausrüstung von Lastwagen mit sogenannten Abbiegeassistenten.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Berlin  Jeder dritte Unfall zwischen Lkw und Radfahrer ist ein Abbiegeunfall. Der Verkehrsminister will Abbiegeassistenten zur Pflicht machen.

Erst am vergangenen Freitag ist es wieder passiert: In Bremen übersah ein Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen einen Elfjährigen auf seinem Fahrrad. Der Junge prallte gegen den Lastwagen, kam aber mit leichten Blessuren davon.

Eine Woche zuvor hatte ein 17-Jähriger im westfälischen Lippstadt weniger Glück: Er wurde schwer verletzt, als er von einem abbiegenden Lkw erfasst wurde. Ende Januar traf es in München eine 19-jährige Schülerin und etwa zeitgleich in Hamburg einen 60-jährigen Radfahrer.

Unfälle zwischen Lastwagen und Radfahrern passieren fast täglich, und fast jede Woche gibt es dabei einen Toten. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ist etwa jeder dritte Verkehrsunfall zwischen Lastwagen und Radfahrern, bei dem ein Mensch verletzt oder getötet wird, ein Abbiegeunfall.

Sehr viele Unfälle könnten vermieden werden

Im Jahr 2017 wurden dabei in ganz Deutschland 37 Personen getötet. Im ersten Halbjahr 2018 waren es laut Medienberichten schon mehr als 20 Menschen. Besonders bitter: Sehr viele dieser Unfälle wären vermeidbar gewesen.

Experten sind sich einig, dass elektronische Assistenzsysteme die Sicherheit von Radfahrern – und Fußgängern – stark erhöhen. Bis diese Systeme, die den Fahrer mit akustischen und optischen Signalen vor Radfahrern warnen, aber in ganz Europa zur Pflicht werden, dauert es noch Jahre.

Vor diesen Situationen haben Fahrradfahrer am meisten Angst

Aktion Abbiegeassistent erfolgreich

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) startete deshalb vor einem halben Jahr die Aktion Abbiegeassistent. Er ließ die Lastwagen seiner Behörden mit den Warngeräten ausstatten und stellte Geld zur Verfügung, damit Unternehmen genau dies auch bei ihren Fuhrparks machen. Mit Erfolg: Nach Scheuers Angaben ist das Förderprogramm für solche Assistenzsysteme schon kurz nach seinem Start Anfang des Jahres ausgeschöpft.

„Wir hatten fünf Millionen Euro zur Verfügung gestellt, und rund 560 Anträge sind eingegangen. Die Unternehmen haben ordentlich zugegriffen“, sagte Scheuer unserer Redaktion. „Wenn wir gewollt hätten, könnten wir noch 560.000 Euro mehr Förderung verteilen.“ Er werde jetzt mit dem Haushaltsausschuss des Bundestags sprechen. Das Ziel: Das Projekt soll mit noch mehr Geld fortgesetzt werden.

Einführung nicht erst acht Jahre lang diskutieren

Scheuer übte auch deutliche Kritik an dem langsamen Prozess, an dessen Ende die Abbiegeassistenten in ganz Europa zur Pflicht werden sollen: „Ich kann nicht verstehen, warum die europaweite Genehmigung dafür viele Jahre lang dauert“, sagte der Minister.

Ein Abbiegeassistent bestehe aus zwei Mini-Kameras und einer Anzeige im Innenraum. Er sei damit im Grunde nichts anderes als eine Einparkhilfe für die Seite des Fahrzeugs: „Dafür muss niemand acht Jahre über Normen und Harmonisierungen diskutieren.“

Nach Angaben des Ministeriums hat die Bundesregierung zwar verbindliche Anforderungen für die Assistenzsysteme erarbeitet. Sie müssen aber noch in einer Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen (UNECE) abgestimmt werden, bevor die Europäische Union sie ab Ende dieses Jahres umsetzen kann.

Ab 2024 Pflicht

Am Ende könnten Abbiegeassistenten dann ab 2024 Pflicht in allen neuen Lkw in Europa werden. Nationale Regelungen sind nicht möglich, weil sie im europäischen Binnenmarkt als Handelshemmnis gelten würden.

Ende Januar hatte sich auch der Deutsche Verkehrsgerichtstag in Goslar für den verpflichtenden Einbau der Assistenten ausgesprochen. Die Experten diskutierten dort auch neue Ampelschaltungen. Damit sollen abbiegende Autofahrer, Radler und Fußgänger eigene Grünphasen haben. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) forderte einen eigenen Grünen Pfeil für Radfahrer, mit dem sie bei Rot rechts abbiegen könnten.

Weitere Idee: Eigene Fahrradampelschaltungen

Unterstützung dafür kam von der Gewerkschaft der Polizei, deren Vizechef Michael Mertens sagte: „Der Fahrradfahrer ist dann schon weg, wenn der Lkw abbiegt.“ Auch ein ADAC-Sprecher sagte, ein Grüner Pfeil würde es Radfahrern ermöglichen, eine Kreuzung zu verlassen, bevor Autos losfahren.

Hintergrund

Leserkommentare (14) Kommentar schreiben