Kommentar

5 nach 12 – Warum Greta und Mitstreiter weiter nerven müssen

Teilnehmer der Fridays for Future Bewegung demonstrieren am Globalen Klima Aktionstag auf dem Simsonplatz in Leipzig.

Teilnehmer der Fridays for Future Bewegung demonstrieren am Globalen Klima Aktionstag auf dem Simsonplatz in Leipzig.

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Berlin.  Schon wieder Klimastreiks, schon wieder Tausende auf der Straße. Doch es ist gut, dass Greta und Mitstreiter nicht aufhören zu nerven.

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Klima, Klima und noch mal Klima. Geht Ihnen das Thema auf den Nerv? Haben Sie es satt, regelmäßig freitags um Demos herumplanen zu müssen, wenn Sie zur Arbeit wollen oder fürs Wochenende einkaufen? Vielleicht sind Sie auch etwas erschöpft von dem latent schlechten Gewissen, das viele Konsum-Entscheidungen begleitet, seitdem so viel darüber gesprochen wird, wie schädlich unsere Art zu leben wirklich ist.

Die Gereiztheit ist verständlich. Nachrichten, vor allem aus der Politik, sind sowieso selten dazu geeignet, für besonders sonnige Stimmung zu sorgen. Aber alles, was es an Neuigkeiten zum Thema Klima gibt, geht noch einmal deutlich über das übliche Maß an Schlechte-Laune-Potenzial hinaus.

Forscher warnen in Fachzeitschrift „Nature“

Eine Auswahl aus dieser Woche: Am Dienstag präsentiert die Bundesregierung einen Monitoringbericht, nach dem Deutschland die Schwelle von 1,5 Grad Erwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter längst erreicht hat und auf Kurs ist für 3,1 bis 4,7 Grad am Ende des Jahrhunderts. Am selben Tag veröffentlicht das UN-Umweltprogramm einen Bericht: Die Emissionsminderungen, auf die sich die Weltgemeinschaft im Pariser Vertrag verständigt hat, reichen nicht. Damit landen wir ebenfalls bei 3,2 Grad Erwärmung.

Am Donnerstag dann erscheint in der Fachzeitschrift „Nature“ ein Artikel mehrerer renommierter Klimaforscher, in dem sie erklären, dass das alles noch viel schneller gehen könnte als gedacht – weil der Klimawandel Kettenreaktionen in Gang setzt.

Die Zeitreihen und Grafiken aus den diversen Berichten zum Thema zeigen auch: Hätte man alles wissen können. Genauer: Hat man alles gewusst. Wissenschaftler läuteten schon vor rund 40 Jahren die Alarmglocken. Schon damals war bekannt, dass erhebliche Konsequenzen drohen, wenn nichts passiert.

Es ist fast nichts passiert. Weil das Thema eher schlechte Laune machte. Weil man sich lieber nicht allzu lange damit beschäftigen mochte.

Was bleibt: die Frage nach den Verantwortlichen

Der britische Klimaaktivist und Autor George Marshall ist 2014 in einem Buch der Frage nachgegangen, warum Wissenschaftler es so schwer hatten, mit ihrer Botschaft durchzudringen. Warum die meisten Leute den Klimawandel nach jeder neuen Hiobsbotschaft schlicht wieder zu vergessen schienen.

Er identifizierte damals mehrere Gründe. Erstens: Für eine Spezies, die gut daran ist, direkte Angriffe zu erkennen, ist die Bedrohung durch den Klimawandel zu diffus. Zweitens: Es gibt keinen konkreten Schuldigen für das Pro­blem. Alle hängen mit drin – manche mehr, andere weniger. Und drittens: Die Bekämpfung des Klimawandels erfordert Opfer in der Gegenwart, um ein Problem in der Zukunft abzuwenden.

Die gute Nachricht ist: Zwei von dreien dieser Gründe haben sich seit der Veröffentlichung des Buchs erledigt. Extremwetterereignisse wie Stürme, Hochwasser, extreme Dürren und Feuer in nie gekanntem Ausmaß machen sehr deutlich, dass der Klimawandel eine echte Bedrohung ist – nicht in der Zukunft, sondern jetzt.

Bleibt die Frage nach den Verantwortlichen. Keiner stellt sie so hartnäckig wie Greta Thunberg und ihre vielen, vielen Mitstreiter weltweit. Dass das Thema auf der Agenda ist und keine Anstalten macht, wieder zu verschwinden, ist ihr Verdienst.

Natürlich kann man auch Greta Thunberg nervig finden und die deutschen Gesichter der Bewegung naiv. Aber das alles ändert nichts daran, dass sie recht haben. Um es mit einem der Slogans von Fridays for Future zu sagen: „Das Klima verhandelt nicht.“ Das ganze Gerede vom Klima nervt? Gut so. Dann gerät es wenigstens nicht in Vergessenheit.

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