Angriff

19-Jähriger eröffnet Feuer in einer Synagoge – eine Frau tot

Bei einem bewaffneten Angriff in einer Synagoge in Kalifornien ist eine Frau getötet worden.

Bei einem bewaffneten Angriff in einer Synagoge in Kalifornien ist eine Frau getötet worden.

Foto: Denis Poroy / dpa

Washington  Wieder hat es in den USA einen Angriff in einem jüdischen Gotteshaus gegeben. Dabei wurde eine Frau getötet. Wie Trump reagiert.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Genau sechs Monate nach dem Blutbad in der „Tree of Life“-Synagoge in Pittsburgh mit elf Toten ist in Amerika wieder ein jüdisches Gotteshaus Ziel eines rassistisch und antisemitisch motivierten Attentats mit tödlichen Folgen geworden.

Der 19-jährige Student John T. Earnest hat am Samstag in Poway 40 Kilometer nördlich von San Diego im Bundesstaat Kalifornien mit einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr vom Typ AR-15 in der Chabad-Synagoge das Feuer eröffnet und dabei das Judentum verhetzende Parolen ausgestoßen.

Hintergrund: Mann erschießt elf Menschen in Synagoge in Pittsburgh

Schüsse in der Synagoge - eine Frau ist tot

Dabei starb nach Angaben von Sheriff Bill Gore eine 60 Jahre alte Frau. Drei weitere Besucher wurden angeschossen, darunter Rabbi Yisroel Goldstein. Er wurde an den Händen getroffen, führte den Gottesdienst gleichwohl weiter, den rund 60 Gläubige besuchten.

Der Zustand der Opfer wird von Ärzten im Palomar-Hospital als stabil bezeichnet. Dass es in der Synagoge nicht noch mehr Opfer gab, geht nach Augenzeugenberichten offenbar auch darauf zurück, dass sich Gläubige dem Täter in den Weg gestellt haben sollen.

19-jähriger Schütze konnte zunächst fliehen

Earnest floh. Dabei eröffnete ein Grenzschutzbeamter, der nebenberuflich als Wachmann in der Synagoge beschäftigt war, das Feuer auf ihn und traf dabei sein Auto. Der Todesschütze, der nur zehn Kilometer entfernt in Rancho Penasquitos wohnt, alarmierte selbst via Handy die Polizei und wurde wenige Minuten später gestellt. Er ließ sich widerstandslos festnehmen.

Auf der Suche nach einem Motiv für den Mordanschlag, der sich am letzten Tag des Pessachfestes ereignete, bei dem die jüdische Gemeinde weltweit an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und die Befreiung aus der Sklaverei erinnert, wurden Polizei und Staatsanwaltschaft schnell fündig.

Rassistisches „Manifest“ im Internet

Earnest gilt als der Autor eines zwei Stunden vor der Tat im Internet veröffentlichten „Manifestes“. In dem 4000 Worte langen Pamphlet, das sich des einschlägigen Jargons weißer Rassisten und bekannter Verschwörungstheorien bedient, beschreibt sich der Sohn eines Wissenschafts-Lehrers als Angehöriger der „europäischen Rasse“, deren Fortbestand durch „die Juden“ gefährdet sei.

Hintergrund: Christchurch - auch das Netz wurde zur Waffe des Attentäter s

Earnest hält auch den Islam für eine Bedrohung der weißen Rasse. Für einen Brandanschlag vor vier Wochen auf eine Moschee in Escondido bei San Diego beansprucht er ebenfalls die Urheberschaft. Zu seinen Aktionen hätten ihn neben Adolf Hitler die Attentate in Pittsburgh (Herbst 2018) und das Massaker mit 50 Toten in einer Moschee in Christchurch/Neuseeland vor wenigen Wochen inspiriert.

Kommentar: Gefahr von rechts - Was die Tat von Christchurch offenbart

Attentate von Pittsburgh und Christchurch als Vorlagen

Earnest bezeichnet beide Täter ausdrücklich als Vorbilder. In dem in rechtsradikalen und rassistischen Kreisen beliebten Internetforum 8chan hatte Earnest angekündigt, den Anschlag auf die Chabad-Synagoge in einem Livestream auf Facebook zu zeigen. Dazu kam es nicht.

Earnest rief dazu auf, sein Manifest zu verbreiten und ähnliche Attentate zu verüben, damit „sein Opfer nicht umsonst gewesen ist“. Die renommierte Terrorismusforscherin Rita Katz in Washington appellierte an die Verantwortlichen in den großen sozialen Netzwerken, dies müsse unter allen Umständen verhindert werden. Die Hass-Rhetorik könne in der rassistischen Community große Kraft entfalten und weitere Nachahmungseffekte auslösen.

Poways Bürgermeister Steve Vaus sprach von einem „klaren Hassverbrechen“. Diese Sprachregelung übernahm auch Präsident Donald Trump, der den Angehörigen der Opfer seine Anteilnahme aussprach. „Unsere gesamte Nation trauert um den Verlust von Leben, betet für die Verletzten und ist solidarisch mit der jüdischen Gemeinde“, erklärte Trump am Abend bei einer Wahlkampfveranstaltung in Wisconsin und forderte, das „Übel des Antisemitismus und des Hasses“ müsse besiegt werden.

Todesschütze Earnest bestritt in seinem Brief, ein Anhänger des Präsidenten oder geistig gestört zu sein. Trump sei ein „Judenliebhaber“, schrieb er. Die Vernehmung von Earnest und die Untersuchung seines Elternhauses dauern am Sonntag noch an. Ob Vater und Mutter von der extremen Radikalisierung ihres Sohnes wussten, ist bisher nicht bekannt.

Das US-Holocaust Museum in Washington nannte die Tragödie in Poway einen „erneuten Weckruf, dass der Antisemitimus wächst und eine tödliche Bedrohung darstellt“.

Bundesbeauftragter Klein warnt vor „enthemmten Hass“ gegen Juden auch in Deutschland

Nach dem Attentat auf eine Synagoge in den USA hat der Antisemitismus-Beauftrage der Bundesregierung, Felix Klein, das liberale Waffenrecht in den Vereinigten Staaten scharf kritisiert: „Wenn ein Täter vom Hass im Internet radikalisiert ist, kann er schneller als etwa in Deutschland und Europa ein Gewehr oder eine Pistole kaufen. Das kann fatale Folgen haben“, sagte Klein unserer Redaktion.

Ein verschärftes Waffenrecht sei „ein besserer Schutz für Juden und andere Feindbilder von Hass in den USA“, so der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland. Zugleich warnte Klein davor, dass sich der „Hass gegen Juden“ nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA „enthemmter“ äußere. „Donald Trump verschärft einerseits mit seinem Stil das politische und gesellschaftliche Klima in den USA. Das ist gefährlich, auch für die jüdische Gemeinschaft in den USA“, sagte Klein.

Zugleich lege Trump mit der Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem und der Konfrontation mit dem Iran „einen Fokus auf eine stark pro-israelische Politik“. Klein ist nach eigenen Angaben jedoch froh, dass die jüdischen Gemeinschaften in Deutschland „mit Zurückhaltung auf Trumps Nahost-Politik reagieren“. Denn, so Klein gegenüber unserer Redaktion: „Viele Menschen in Deutschland machen Juden hierzulande verantwortlich für die Politik der Netanjahu-Regierung in Israel. Kritik an der israelischen Regierung ist leider oft genug nur verpackter Antisemitismus.“ (Dirk Hautkapp/Christian Unger)

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben