Kinderseele

Wutanfall eines Erstklässlers löst Polizeieinsatz aus

Polizeiauto mit Blaulicht: Der Wutanfall eines Sechsjährigen hat an einer Grundschule in Halstenbek bei Hamburg einen Polizeieinsatz ausgelöst. (Symbolfoto)

Polizeiauto mit Blaulicht: Der Wutanfall eines Sechsjährigen hat an einer Grundschule in Halstenbek bei Hamburg einen Polizeieinsatz ausgelöst. (Symbolfoto)

Foto: Alexander Pohlvia www.imago-images.de / imago images / Alexander Pohl

Halstenbek.  Polizeieinsatz an einer Grundschule in Halstenbek bei Hamburg: Der wütende Ausbruch eines Sechsjährigen überforderte die Pädagogen.

Er weinte, er schrie, er rannte vom Schulgelände und schmiss mit Steinen um sich – am Ende war für Lehrer und Schulsozialpädagogen kein Herankommen mehr an den Erstklässler. Deshalb entschied sich die Schulleitung, den Notruf zu wählen. Und somit führte der Wutanfall eines sechs Jahre alten Jungen zu einem Polizeieinsatz an einer Schule in Halstenbek bei Hamburg.

Wie die Polizei dem „Hamburger Abendblatt“ bestätigte, ereignete sich der Vorfall am vergangenen Mittwoch gegen 11.30 Uhr. Ein Streifenwagen aus dem benachbarten Schenefeld wurde zur Grundschule gerufen. Das Kind sei über einen längeren Zeitraum „weder ansprechbar noch lenkbar“ gewesen, heißt es im Einsatzprotokoll der Polizei.

Wutanfall eines Erstklässlers löst Polizeieinsatz aus

Die Wucht des offenbar massiven emotionalen Ausbruchs habe den Verantwortlichen keine Wahl gelassen. Die schulischen Möglichkeiten zur Klärung der Situation seien erschöpft gewesen, sagt Dirk Janssen, Schulrat des Kreises Pinneberg. Wenn ein Kind sich und seine Umgebung gefährde, könnten Lehrer zwar von einer Notwehr- und Notfallregel Gebrauch machen, die es erlaubt, das Kind auch anzufassen, um es wegzuziehen. In diesem Fall sei diese Option aber nicht mehr möglich gewesen.

Stattdessen habe sich die Schulleitung gezwungen gesehen, die Polizei zur Verstärkung zu holen. „Das zeigt zum einen, dass sich das Kind in einer furchtbaren Situation befunden hat“, sagt Janssen. Auf der anderen Seite sei es durchaus angemessenes Verhalten der Schule gewesen, sich in einer solch ausweglosen Lage „Hilfe von außen“ zu holen – sei es nun durch einen Notarzt oder wie in diesem Fall die Polizei.

Polizeiruf an der Grundschule – „absolut außergewöhnlich“

Passanten hatten zuvor beobachtet, wie der Junge vom Schulgelände gelaufen war und sich nur unter erheblichem Widerstand von einem Spaziergänger wieder zurück zur Schule bringen ließ. Dort soll er unkontrolliert mit großen Steinen um sich geworfen haben, sodass für Lehrer und Pädagogen kein gefahrloses Herankommen an den Sechsjährigen möglich gewesen sei.

„Wir hatten einen Gewaltvorfall, bei dem wir nicht mehr weiterkamen und die Eltern zunächst nicht erreichen konnten“, erklärt Schulleiter Alexander Grote. „Ein absoluter Einzelfall und insofern besonders, da es sich um einen kleinen Jungen handelte.“ Weitere Angaben zu den Beteiligten könne er aus Datenschutzgründen nicht machen.

Polizei konnte Eltern nicht erreichen

Zudem sei das Schulpersonal normalerweise auch in der Lage, solche Fälle pädagogisch zu lösen, sagt der Schulleiter. Grote lege deshalb Wert auf die Feststellung, dass „Schule so nicht ist“. Der Alltag an der Gemeinschaftsschule, die seit 2005 die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“ tragen darf, setze auf das soziale Miteinander.

Der Polizei gelang es zunächst nicht, die Eltern des Sechsjährigen zu erreichen. Auch die Beamten vor Ort haben nach ihrem Eintreffen Schwierigkeiten gehabt, bei dem aufgebrachten Erstklässler durchzudringen. Erst ein Familienmitglied konnte die Situation in geordnete Bahnen lenken. Über einen konkreten Auslöser ist nichts bekannt.

Ausbruch des Kindes zeige „hohen Hilfebedarf“

„Polizeieinsätze an Schulen sind extrem selten“, sagt Pinnebergs Schulrat Dirk Janssen. Gerade an Grundschulen sei so etwas „absolut außergewöhnlich“. Die Zahlen ließen jedenfalls keinen Anstieg erkennen. Gleichwohl gebe es die praxisrelevante Beobachtung, dass sich Gewalt im Vergleich zur Vergangenheit heute auch in „frühe Altersbereiche“, also in die Klassenstufen eins bis vier verlagert.

Die Frage in Halstenbek sei nun, wie die Schule mit diesem Vorfall umgeht und wie der Junge, immerhin handele es sich um ein sechsjähriges Kind, in eine solche Situation geraten konnte. Dem Schulrat nach könne davon ausgegangen werden, dass die Eskalation „einen hohen Hilfebedarf für das Kind“ gespiegelt habe.

Jugendamt ist informiert

Die Hintergründe zur familiären Situation seien bekannt, das Jugendamt sei informiert. Der Junge werde zunächst und bis zur Klärung auch zu seinem Wohl nicht an die Schule zurückkehren. Stattdessen werde der Kreis, so Sprecher Oliver Carstens, nun wohl mit seinem umfangreichen Unterstützungsnetzwerk für Schulen aktiv.

Schulsozialarbeiter und die Schulassistenten des Landes stünden für solche Schwierigkeiten bereit. Zusätzlich arbeite das Kreisjugendamt sehr eng mit dem Schulamt und den Förderzentren zusammen. Ziel sei eine lückenlose Abstimmung bei diesen Einzelfällen.

Der Kreis unterstütze Kinder mit besonderem Bedarf. Unter anderem steht bei sehr schwierigen Problemstellungen das Schultraining zur Verfügung, bei dem Kinder, die als nicht mehr beschulbar gelten, wieder integriert werden. Zudem gebe es eine Reihe von gewaltpräventiven Angeboten.

Dieser Text erschien zuerst auf www.abendblatt.de.

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