Mobilität

Wie Kopenhagen die Hälfte seiner Pendler aufs Rad setzte

So gut haben es Fahrradfahrer in Kopenhagen

So gut haben es Fahrradfahrer in Oslo
Mi, 25.10.2017, 20.19 Uhr

So gut haben es Fahrradfahrer in Kopenhagen

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Kaum eine Stadt der Welt fördert den Radverkehr so vorbildlich wie Kopenhagen. Wie das geht? Wir haben bei einem Besuch nachgefragt.

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Echt schick sieht sie aus, die neue Brücke über dem Kanal im Stadtteil Christianshavn. Mit ihren fünf runden Plattformen, aus denen jeweils ein Mast hervorragt, erinnert das Bauwerk des dänischen Künstlers Olafur Eliasson an ein Segelschiff. Jetzt fungiert die „Cirkelbroen“ (zu Deutsch: Bogenbrücke) als Wahrzeichen des Hafens, als Rast- und Aussichtsplattform, als Schwingbrücke für durchfahrende Schiffe, aber vor allem bietet sie erstmals eine durchgängige Verbindung entlang der autofreien Hafenfront – für die geschätzten 5000 Radfahrer und Fußgänger, die dort täglich unterwegs sind.

Fahrradbrücken gibt es in Dänemarks Hauptstadt viele – und für Radler oft mehr Platz als für Autos. Kopenhagen gilt als fahrradfreundlichste Stadt der Welt, inzwischen sogar vor Amsterdam. Sich auf zwei Rädern fortzubewegen, ist hier selbstverständlich. Nach Angaben der Stadt pendelt täglich die Hälfte der Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zur Ausbildung. In Deutschland sind das im bundesweiten Durchschnitt lediglich neun Prozent, wie das Statistische Bundesamt erhoben hat. Auch die Fahrradhauptstadt Münster liegt mit gut 30 Prozent Radpendlern noch weit hinter dem Radweltmeister Kopenhagen.

Die Zahlen können sich sehen lassen: In Kopenhagen gibt es fünfmal mehr Fahrräder als Autos, gut ein Viertel der Familien mit zwei Kindern nutzt ein Lastenrad. Alle Kopenhagener zusammen radeln täglich 1,4 Millionen Kilometer. Nur 14 Prozent fahren täglich Auto. Die „Erfolgsgeschichte“ würde die dänische Hauptstadt gern auf andere große Städte in der Welt übertragen sehen. Mittlerweile ist sogar ein eigener Terminus entstanden: „copenhagenize“. Soll heißen: Mach’s wie Kopenhagen und setz aufs Rad.

Skandinavien stellt Weichen für eine Verkehrswende

Die Weichenstellung der dänischen Hauptstadt ist Teil eines strengen Klimaschutzprogramms, das sich die skandinavischen Länder bis 2025 beziehungsweise 2030 auferlegt haben. Neben dem konsequenten Ausbau alternativer Energien steht vor allem die „Verkehrswende“ auf der To-do-Liste – weg von klimaschädlichen Verbrennungsmotoren, hin zu Elektromobilität, Bio-Treibstoffen und Fahrradfahren. Immerhin stammt fast ein Viertel des weltweit ausgestoßenen Kohlendioxids von Autos, Schiffen und Flugzeugen – nach den Pro­gnosen des Weltklimarats IPCC könnte sich der Anteil bis 2050 sogar verdoppeln.

Dabei ließen sich gerade die Emissionen des Verkehrssektors deutlich senken, wie viele Studien zeigen. Neben der Verbreitung von E-Autos und Carsharing sind den Forschern zufolge vor allem Investitionen in die In­frastruktur für Biker nötig. In den skandinavischen Ländern ist vieles davon schon längst in die Tat umgesetzt worden. Tritt Kopenhagen weiter so in die Pedale, werde dies bis 2030 gut 37 Millionen Tonnen CO2 einsparen, so das Ziel der dänischen Regierung.

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Zu Besuch bei den Stadtplanern in Kopenhagen. Ihr Statement: In nur fünf Jahren könnten auch Städte wie Berlin und Hamburg genau so eine Fahrradstadt sein wie heute Kopenhagen. „Es braucht aber den Mut und die Entschlossenheit der zuständigen Verantwortlichen“, sagt Marie Kastrup, Leiterin des kommunalen Radfahrprogramms Kopenhagen. Das Wichtigste sei, konsequent Prioritäten für den Radverkehr zu setzen – was Platz, Investitionen und Regularien angeht, erklärt sie. Ziel sei, dem Radfahrer sowohl Sicherheit als auch Komfort zu bieten. „Für eine Mainstream-Fahrradkultur brauchen Sie breite Spuren, auf denen sich jeder sicher fühlt, aber nicht zu sicher, denn dann fehlt die nötige Aufmerksamkeit“, so Kastrup.

Einige Radwege sind so breit wie Landstraßen

Wer sich in Kopenhagen aufs Rad setzt, fühlt sich tatsächlich wie auf dem roten Teppich: Knapp 400 Kilometer Radwege, einige so breit wie Landstraßen, zum großen Teil durch Bordsteine von Straße und Gehweg getrennt. Grüne Welle für Radfahrer, mit der sich ungebremst über große Straßen schnüren lässt. Und muss man doch mal bei Rot halten, sorgen Fußstützen und Geländer für Halt, ohne sich aus dem Sattel erheben zu müssen. Dazu riesige Abstellanlagen, Pumpstationen, selbst kleine Mülleimer neigen sich Radlern entgegen. An Brennpunkten sind deren Spuren leuchtend blau markiert. Und um Unfälle durch den toten Winkel zu vermeiden, blinken an gefährlichen Kreuzungen LED-Leuchten auf, sobald sich ein Radfahrer nähert.

Billig ist das nicht. 150 Millionen Euro hat Kopenhagen in den letzten zehn Jahren in seine Fahrradinfrastruktur gesteckt. Langfristig soll das dem Ballungsraum mit einer Bevölkerungsdichte von 6862 Menschen pro Quadratkilometer (Berlin: 3891) jedoch Geld einsparen. Die Stadt habe nicht viel Platz, und auf Radwegen könnten mehr Menschen fahren als auf teuren neuen Straßen, so das Argument, mit dem sich Politiker sämtlicher Couleur überzeugen ließen.

Sorgenkind sei das Umland, sagt Stadtplanerin Sidsel Birk Hjuler und skizziert die Pendlerstrecken auf einer Landkarte. „Von dort fahren immer mehr Menschen mit dem Auto in die Stadt.“ Um dem zu begegnen, arbeitet Kopenhagen mit Hochdruck am Ausbau der „Cycle Superhighways“ – Autobahnen für Fahrradfahrer. In Dänemark gilt es, 23 Regionen zu vernetzen, 167 Kilometer sind geschafft, 467 Kilometer das Ziel. Über Verbindungswege sollen Pendler „den ganzen Weg von der Haustür bis zur Arbeit in einem Rutsch fahren können“, wie Hjuler sagt. Allerdings wird auch im Zentrum Kopenhagens der Platz für die vielen Radler langsam knapp.

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