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Wie Eltern-Blogger im Netz immer wieder angefeindet werden

Bei der „Blogfamilia“ in Berlin haben sich am Wochenende Eltern-Blogger getroffen.

Bei der „Blogfamilia“ in Berlin haben sich am Wochenende Eltern-Blogger getroffen.

Foto: René Weides/Christian Werner

Berlin  Eltern-Blogger schreiben über teils sehr private Erfahrungen mit der Familie und über sich selbst. Nicht alle würdigen die Ehrlichkeit.

Diese Kolumne beginnt mit einer kleinen Angeberei – ich finde, es sei mir gegönnt. Und zwar weiß ich nicht, ob Sie es schon wussten, aber ich habe damals im Jahr 2012 mit der Redakteurin und Buchautorin Lisa Harmann einen der größten deutschen Eltern-Blogs namens „StadtLandMama.de“ gegründet.

Im Jahr 2014 habe ich dann meinen Posten an die Journalistin Katharina Nachtheim abgegeben, die unseren beliebten Blog noch einmal konzeptionell (mehr Magazin, weniger Debatten) auf Hochglanz gebürstet hat. Lisa (dreifache Mutter aus dem Bergischen Land) hat zwischenzeitlich neben „StadtLandMama.de“ die „Blogfamilia“, die größte deutsche Elternblogger-Konferenz (noch ein Superlativ!), in die Hand genommen – am Wochenende fand sie zum fünften Mal in Berlin statt.

So trafen sich am Samstag rund 200 Menschen, die regelmäßig Sachen über ihre Familie ins Internet schreiben, vom Butterkuchenrezept, der Anleitung für den besten Pastinakenbrei, die schönste Flickendecke, über ihre postnatale Depressionsphase, Ausflüge ins Grüne – bis zur „Sexflaute mit dem Liebsten wegen Beckenbodenschwäche“ – um einige sehr vielgelesene Beiträge von Hunderten zu nennen.

Warum man als Blogger ehrlich sein sollte

„Oh“, neigt man dann schnell aus der beobachteten Perspektive zu denken: Warum so direkt, warum so privat? Aus meinen Zeiten als Blogschreiberin weiß ich allerdings, dass diese Offenheit, auch über sehr persönliche Dinge zu schreiben, notwendig ist, sonst kann man es eigentlich auch lassen.

Diese Offenheit ist vergleichbar mit der Schule der Radikalen Ehrlichkeit (jede Lücke gilt dabei als Lüge) in der Literaturwissenschaft oder mit dem vorherrschenden Stil der Autofiktion in der Literatur – sprich der Autor fiktionalisiert sein eigenes Ich, um eine allgemeingültige Aussage für eine Gruppe oder Generation treffen zu können.

Dann wiederum dient die Ehrlichkeit, dienen die privaten Einblicke, die eine Bloggerin gewährt, vielen ihrer Leser als Trost, als Manifest gegen den Perfektionismus, den Beweis, dass auch bei den Mamas und Papas aus dem Internet die Wäscheberge hoch und die elterlichen Geduldsgrenzen niedrig sind, ebenso wie die Nerven blank.

Wenn aus Kritik Beschimpfungen werden

Das beherzigen übrigens auch US-Comedians wie Amy Schumer, die nach der Geburt ihres Sohnes vor wenigen Wochen ein Foto von sich auf einer Krankenhaustoilette auf Instagram postete. Millionen Fans dankten es ihr. Doch Offenheit – und das ist sicher keine neue Weisheit – wird nicht immer mit Lob und Likes bedacht, im Gegenteil. Nicht selten bekommen Blogger böse anonyme Mails, manchmal sogar solche, die strafrechtlich relevant sind.

Auch der deutsche Bestseller-Autor Sebastian Fitzek sprach am Wochenende vor den Eltern der „Blogfamilia“ über seinen eigenen Umgang mit den sogenannten Hatern. Früher habe er sich viele Kritiken zu Herzen genommen, sagte Fitzek. Aber er habe eben mit den Jahren auch gelernt, Unterschiede zu machen.

Nämlich zwischen Kritik, die man ernst nehmen und als wertvolle Rückmeldung annehmen kann, und Kritik, die erstens anonym verfasst und sich zweitens mit dem Autor statt mit seinem Werk beschäftigt. Die hält er nämlich für überflüssig und sollte ignoriert werden. Schlagfertigkeitstrainerin Nicole Staudinger, die die Elternblogger mit ihrem Bühnenprogramm „Raus aus der Opferrolle“ wieder in Schwung bringen sollte, erzählt auch von einem „Hate“-Brief, der sie jüngst erreichte. „Der war sogar handgeschrieben“, sagt sie.

Wie Blogger mitunter beschimpft werden

Darin wurde sie auf das Übelste beschimpft, unter anderem für ihr „Pferdegebiss“. Menerva Hammad vom Blog „Hotel Mama“, die in ihrem Workshop „Servus Alykum – laut werden gegen Vorurteile und Ausgrenzung“ darüber erzählte, wie sie als bloggende Frau mit Kopftuch beschimpft wird, bekommt ebenso immer wieder vernichtende Leserpost. Einen Brief las sie vor, ich erspare uns hier einmal die rassistischen Details. Wie jeder Blogger, jede Bloggerin Hass-Mails für sich empfindet, weiß ich natürlich nicht, nur, dass ich damals im Jahr 2012 relativ unvorbereitet mit Lisa in die Sache hineinstolperte.

Wir waren damals Pionierinnen in der Eltern-Blogger-Szene, so viel Chancen zum Austausch gab es nicht. Wenn ich eine böse Mail bekam, war der Tag gelaufen. Ich ging mit meinem Babysohn auf den Spielplatz. Aber es fühlte sich komisch an, die Vorstellung, dass es da draußen Menschen gibt, die dir unbekannterweise nichts Gutes wollen.

Erst nach und nach lernte ich, ein Schutzschild aufzubauen – immer in dem Wissen, dass es auch die Möglichkeit gibt, Anzeige zu erstatten. Immerhin, so denke ich, war es damals einfacher für mich, weil ich Lisa hatte – und sie hatte mich, das verbindet uns bis heute. So geschah es auch, dass wir uns beide vergangenen Sommer mit den 300 wichtigsten Menschen der Stadt auf der Party unserer Literaturagentur tummelten.

Auf einmal sah ich Lisa. Sie sagte: „Ich bin gekommen, um mit Dir zu reden und dann gehe ich nach Hause.“ Und so setzten wir uns für zwei Stunden mit zwei Weißweinschorlen in die hinterletzte Ecke der Party in dem Wissen, dass es nichts Wichtigeres als unseren Austausch gibt, ein bisschen so wie in den ersten Tagen von „StadtLandMama.de“, als wir noch keine Leser hatten. Chapeau, Lisa, für die „Blogfamilia“. Und Chapeau, Katharina. Gut, dass ihr für uns alle schreibt.

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